Fachkräfte-Exodus: Zwei Drittel der Arbeitnehmer erwägen Ausland
22.06.2026 - 07:02:48 | boerse-global.de
Zwei Drittel der Beschäftigten können sich eine Tätigkeit im Ausland vorstellen. Ein Drittel hat sogar schon konkrete Erkundigungen eingeholt.
Das ergab eine Untersuchung der Marktforschungsplattform Appinio und des Jobportals Indeed. Befragt wurden zwischen dem 8. und 11. Mai 2026 rund 1.000 Arbeitnehmer.
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Mehr Gehalt, weniger Steuern
Die Motive sind klar: Mehr als die Hälfte der Befragten nennt bessere Bezahlung und höhere Lebensqualität als Hauptgründe. Für über 40 Prozent spielt eine geringere Steuerlast eine entscheidende Rolle.
Besonders wechselwillig sind Gutverdiener mit einem Nettoeinkommen von über 6.000 Euro monatlich. In dieser Gruppe bewirbt sich bereits die Hälfte aktiv im Ausland.
Die beliebtesten Zielländer: Großbritannien, die Schweiz und die USA. Allerdings ist das Interesse an den Vereinigten Staaten im Vergleich zu früheren Erhebungen rückläufig. Die Mehrheit der Wechselwilligen plant jedoch nur einen temporären Aufenthalt.
Indeed-Ökonomin Sondergeld sieht in den Ergebnissen ein „deutliches Signal für eine wachsende Unzufriedenheit mit den aktuellen Rahmenbedingungen am deutschen Standort."
Junge Fachkräfte und IT-Spezialisten besonders betroffen
Andere Studien untermauern den Trend. Die Untersuchung „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt: 21 Prozent der 14- bis 29-Jährigen planen konkret die Auswanderung, 41 Prozent können sich den Schritt vorstellen.
Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) kommt zu ähnlichen Zahlen. Demnach erwägen 21 Prozent der Gesamtbevölkerung eine Auswanderung – ein deutlicher Anstieg gegenüber 13 Prozent im Jahr 2019.
Besonders alarmierend ist die Lage im Technologiesektor. Der Branchenverband Bitkom warnt vor einem „digitalen Exodus". 109.000 IT-Stellen sind unbesetzt, bis 2040 könnten bis zu 663.000 Fachkräfte fehlen.
Der Haupttreiber: das Gehaltsgefälle. Softwareentwickler verdienen in Deutschland zwischen 66.000 und 90.600 Euro. In den USA sind es rund 178.000 US-Dollar. Laut einer Bitkom-Umfrage vom März 2026 erwägt jedes vierte deutsche Startup einen Wegzug. Gründe sind neben der Gehaltsdifferenz auch langwierige Visaprozesse und fehlendes Wagniskapital.
Falschinformationen und rechtliche Hürden
Im öffentlichen Diskurs kursieren auch falsche Behauptungen. Ein dpa-Faktencheck stellte klar: Eine pauschale Auswanderungsgebühr von bis zu 10.000 Euro gibt es nicht. Das Bundesfinanzministerium plant keine solche Abgabe. Kosten entstehen lediglich individuell für Visa oder Umzüge. Eine Wegzugsbesteuerung greift nur bei spezifischen Vermögenskonstellationen.
Bei einem Umzug ins EU-Ausland entfällt in der Regel die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung – Ausnahmen gibt es für Grenzpendler und Rentner. Für den Versicherungsschutz in Europa ist das Formular S1 erforderlich. Bei Umzügen außerhalb der EU oder des EWR gilt Versicherungsschutz meist nur auf Basis bilateraler Abkommen.
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Arbeitszeit als Alternative
Während viele Fachkräfte ins Ausland streben, analysierte die Bundesbank kürzlich alternative Potenziale für den deutschen Arbeitsmarkt. Eine moderate Erhöhung der Wochenarbeitszeit um 1,3 Stunden könnte das Potenzialwachstum von 0,3 auf 0,6 Prozent pro Jahr steigern. Die Arbeitszeitlücke zu anderen EU-Staaten ließe sich so zur Hälfte schließen.
Zuwanderung bleibe zwar wichtig, reiche aber allein nicht aus, um die demografischen Herausforderungen zu bewältigen, so die Bundesbank.
In die Kritik geriet zuletzt die Verwaltung der Auslandsbesoldung: Aufgrund von Berechnungsfehlern zahlte der Bund zwischen Juli 2025 und Juni 2026 rund 5 Millionen Euro zu viel an Bedienstete im Ausland aus.
