Deepfakes im EU-Parlament: Verbot von Nudifier-Apps gilt ab 2. Dezember
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 21:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine am 5. Oktober 2026 vorgestellte Untersuchung des Thinktanks Agora Digitale Transformation zeigt das Ausmaß digitaler Übergriffe auf Mandatsträger im Europäischen Parlament. Zu den bereits zuvor erfassten 147 nationalen und europäischen Abgeordneten identifizierte die Analyse 50 weitere EU-Parlamentarier, die von KI-generierten Nacktbildern betroffen sind.
Unter diesen 50 Personen befinden sich 46 Frauen und vier Männer. Damit ist rechnerisch etwa jede sechsste weibliche EU-Abgeordnete von derartigen Manipulationen betroffen. Insgesamt sind mittlerweile rund 200 Fälle von KI-Nacktbildern bekannt, die sich gegen nationale und europäische Parlamentarier richten und überwiegend Frauen betreffen.
Untersuchung von 720 Mandatsträgern auf 200 Plattformen
Für die Erhebung überprüften die Verfasser der Studie die Namen sämtlicher 720 EU-Abgeordneten auf 200 einschlägigen Plattformen im Internet. Die Auswertung ergab, dass acht Frauen direkt in manipulierten, sexualisierten Bildern dargestellt wurden.
Bei weiteren 22 Parlamentarierinnen fanden sich Bildaufnahmen auf sogenannten Gateway-Websites, die Verlinkungen zu Nacktbild-Anwendungen bereitstellen. In 22 weiteren Fällen stießen die Analysten auf Porträts oder persönliche Angaben der Politikerinnen auf Portalen, die Verbindungen zu sogenannten Nudifier-Apps herstellen.
An den Zahlen und der Methodik der Agora-Untersuchungen wurde auch Kritik laut. So wiesen Kritiker darauf hin, dass in der ersten Untersuchung von 147 Abgeordneten aus 22 EU-Ländern lediglich 38 Fälle als aktive Darstellungen eingestuft worden seien.
Bei der zweiten Erhebung seien von den 50 erfassten EU-Abgeordneten nur bei acht Personen tatsächlich verfügbare Bildmanipulationen aufzufinden gewesen, während der Rest auf Verweise entfalle. Zudem fehlten überprüfbare Dokumentationen und Rohdaten.
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Der Thinktank Agora Digitale Transformation erhielt laut Berichten 8,6 Millionen Euro von der Mercator-Stiftung sowie mindestens 1,2 Millionen Euro an öffentlichen Geldern der deutschen Bundesregierung.
Parlamentarischer Vorstoß für strengere Durchsetzung
Als Reaktion auf die Verbreitung der Deepfakes initiierten die Europaabgeordneten Terry Reintke und Lena Schilling einen gemeinsamen Brief, den 119 Parlamentarier unterzeichneten. Schilling zählt selbst zu den Betroffenen der KI-generierten Nacktbilder.
Das Schreiben fordert konkrete Maßnahmen von der Europäischen Kommission sowie den EU-Mitgliedstaaten. Im Mittelpunkt steht dabei die konsequente Durchsetzung des Verbots sogenannter Nudifier-Apps.
Auf europäischer Ebene tritt das EU-weite Verbot von KI-Anwendungen zur Erstellung nicht einvernehmlicher sexualisierter Bilder am 2. Dezember 2026 in Kraft. Die Fraktion Die Grünen/EFA forderte im Oktober 2026 eine lückenlose Umsetzung dieses Verbots ab dem Stichtag sowie weitergehende Schritte gegen nicht einvernehmliche sexualisierte Inhalte.
Gesetzliche Maßnahmen gegen digitale Gewalt
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Parallel zu den Entwicklungen auf europäischer Ebene treiben einzelne Mitgliedstaaten rechtliche Verschärfungen voran. In Deutschland beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf von Justizministerin Stefanie Hubig gegen digitale Gewalt, über den Bundestag und Bundesrat beraten.
Das Vorhaben sieht strafrechtliche Bestimmungen gegen sexualisierte Deepfakes, herabwürdigende KI-Manipulationen, heimliche Intimaufnahmen, Identitätsmissbrauch über Fake-Profile sowie Cyberstalking per GPS-Tracker vor.
Auch Herstellung, Verbreitung, Besitz und Abruf von Vergewaltigungsvideos sollen erfasst werden. Betroffene sollen zudem leichter Auskünfte, Datensicherungen und gerichtlich angeordnete Accountsperren gegen Plattformen durchsetzen können.
Erhebungen des Branchenverbands Bitkom unterstreichen die gesellschaftliche Relevanz: Ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland hat demnach bereits digitale Gewalt erlebt, in der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen sind es 43 Prozent. Während Bürgerrechtler im Rahmen der Gesetzgebung vor Risiken für die Meinungsfreiheit warnen, fordert der Deutsche Richterbund zusätzliche personelle Ressourcen für die Strafjustiz.
