Chemiebranche Mai: Geschäftserwartungen stürzen auf minus 42 Punkte
28.05.2026 - 11:15:42 | boerse-global.deDer Ifo-Geschäftsklimaindex für die Industrie fiel auf minus 30,2 Punkte – ein Minus von 1,6 Punkten gegenüber April.
Die Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage zwar etwas besser: Der entsprechende Wert stieg von minus 25,8 auf minus 17,5 Punkte. Doch die Erwartungen für die kommenden Monate sind dramatisch eingebrochen. Der Index für die Geschäftsaussichten stürzte von minus 31,3 auf minus 42,0 Punkte ab.
Lieferketten unter Druck
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Hauptgrund für die wachsende Verunsicherung sind die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Die Konflikte haben die internationalen Schifffahrtsrouten massiv beeinträchtigt. Selbst bei einer schnellen Entspannung – etwa einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus – würde es Monate dauern, bis sich die Lieferketten normalisieren, warnen Branchenkenner.
Die Folgen sind deutlich spürbar: 31,1 Prozent der Chemieunternehmen meldeten im Mai Materialengpässe. Im ersten Quartal 2025 waren es lediglich 7,0 Prozent. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) spricht von einer regelrechten Hamsterkäufen bei Rohstoffen. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup warnt jedoch vor voreiligem Optimismus: Die aktuelle Nachfragewelle sei ein vorübergehendes Phänomen in einer strukturellen Krise – kein Zeichen für eine nachhaltige Erholung.
Preisexplosion bei Chemikalien
Die Knappheit treibt die Preise in die Höhe. Der Preisindikator der Branche schnellte von plus 32,5 im April auf plus 47,5 Punkte im Mai. Konzerne wie BASF, Lanxess und Evonik haben bereits kräftige Anpassungen vorgenommen. In Segmenten wie Aminen und Additiven liegen die Preissteigerungen zwischen 25 und 30 Prozent.
Eine Studie der Unternehmensberatung Simon-Kucher unter mehr als 200 Industriekunden zeigt: Die Unternehmen erwarten Kostensteigerungen von durchschnittlich 11 Prozent, können aber nur etwa zwei Drittel davon an ihre Kunden weitergeben. Rund 60 Prozent der befragten Firmen berichten von negativen Auswirkungen auf ihr Geschäft.
Jobabbau und Arbeitskampf
Die Krise hinterlässt auch am Arbeitsmarkt Spuren. Zwar verlangsamt sich der Stellenabbau in der Gesamtwirtschaft laut Ifo-Beschäftigungsbarometer, doch die Industrie baut weiter Personal ab. Laut einer Analyse der Beratungsfirma EY verlor der deutsche Industriesektor im ersten Quartal 2026 rund 127.300 Stellen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – ein Minus von 2,3 Prozent.
Besonders brisant: In der Chemie- und Pharmabranche selbst ist die Beschäftigung seit 2019 zwar leicht gestiegen. Doch der aktuelle Abschwung zwingt viele Firmen zu Produktionskürzungen und Personalplanungen. Am 26. Mai legten Beschäftigte im Linzer Chemiepark die Arbeit nieder. Der Verband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO) beklagt eine wachsende Lohnlücke und erhebliche Standortnachteile gegenüber Deutschland.
Kapitalmärkte reagieren nervös
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Die Unsicherheit schlägt sich auch an den Finanzmärkten nieder. Die Schweizer Großbank UBS stufte Wacker Chemie am 26. Mai von „Kaufen" auf „Neutral" herab – trotz eines Kursanstiegs von 40 Prozent seit Jahresbeginn. Analysten verweisen auf die langsame Erholung der Chemiemargen und die anhaltenden Probleme im Polysilizium-Segment durch chinesische Überkapazitäten. Ein entscheidender Faktor für die Zukunft des Unternehmens bleibt zudem eine US-Handelsuntersuchung nach Section 232, deren Ergebnis bis Ende Juli 2026 erwartet wird.
Strukturelle Herausforderungen bleiben
Über die akuten Lieferkettenprobleme hinaus kämpft die europäische Chemieindustrie mit langfristigen strukturellen Problemen. Branchenexperten warnen: Zwar könnten europäische Firmen kurzfristig von den globalen Preissteigerungen profitieren. Doch ab 2027 droht erneuter Druck durch günstige chinesische Exporte. Seit 2022 hat der europäische Sektor bereits rund 9 Prozent seiner Produktionskapazität und etwa 40.000 Arbeitsplätze verloren.
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