Blanc & Fischer: Streit um Enoxx-Schließung eskaliert
12.05.2026 - 15:29:41 | boerse-global.deDie geplante Stilllegung der Industrie-Sparte Enoxx bei der Blanc & Fischer Family Holding droht zum handfesten Arbeitskampf zu werden. Die IG Metall wirft dem Management vor, die Zahl der betroffenen Stellen zu verschweigen.
Deutlich mehr Jobs in Gefahr als angegeben
Im Zentrum des Konflikts steht die Tochtergesellschaft B.Pro mit Sitz in Oberderdingen. Das Unternehmen hatte im Februar 2026 angekündigt, die verlustreiche Enoxx-Sparte bis Ende 2027 einzustellen. Während die Geschäftsführung von rund 180 betroffenen Mitarbeitern spricht, rechnen IG Metall und Betriebsrat mit bis zu 210 gefährdeten Arbeitsplätzen.
Die Verhandlungen über einen Sozialplan und Interessenausgleich gestalten sich nach Angaben der Arbeitnehmervertreter äußerst schwierig. Dirk Becker, Geschäftsführer der IG Metall Bruchsal, wirft der Unternehmensführung gravierendes Fehlmanagement über Jahre vor. „Die Sparte wurde von verschiedenen Führungskräften vernachlässigt“, so Becker. Fehlende Investitionen in moderne Maschinen hätten die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts systematisch untergraben.
Wenn Arbeitsplätze durch Schließungen bedroht sind, ist ein rechtssicherer Sozialplan das wichtigste Instrument für den Interessenausgleich. Dieser kostenlose Ratgeber unterstützt Betriebsräte dabei, faire Bedingungen und Abfindungen für die Belegschaft zu verhandeln. Kostenlosen Ratgeber für Sozialplan-Verhandlungen herunterladen
Die Gewerkschaft geht sogar noch weiter: Sie vermutet, dass die Industriesparte bewusst heruntergewirtschaftet wurde, um den Rückzug aus dem deutschen Produktionsstandort zu rechtfertigen. Besonders kritisch sehen die Arbeitnehmervertreter die Verlagerung lukrativerer Geschäftsteile nach Tschechien. Das Unternehmen beteuert zwar, die Enoxx-Produkte würden nicht verlagert, sondern komplett eingestellt – die Gewerkschaft zeigt sich skeptisch.
Management verweist auf Millionenverluste
Die Blanc & Fischer-Führung verteidigt die Schließung mit anhaltenden Verlusten und dem gescheiterten Versuch, einen Käufer zu finden. Frank Gfrörer, seit Mai 2025 Vorstandsvorsitzender der Holding, betont die Notwendigkeit des Schritts für die langfristige Stabilität des Konzerns. Die Enoxx-Marke, die Edelstahlkomponenten unter anderem für die Autoindustrie produzierte, sei wegen schwieriger Marktbedingungen und fehlender Skalierbarkeit unrentabel geworden.
Die Modernisierung der veralteten Maschinen würde Investitionen im zweistelligen Millionenbereich erfordern – eine Summe, die sich nach Einschätzung des Managements nicht refinanzieren ließe. B.Pro müsse sich nun auf das strategische Kerngeschäft in der Lebensmittellogistik konzentrieren, wo weitere Automatisierung und strukturelle Veränderungen geplant sind.
Stefan Burkhardt, Vice President Corporate Communications bei Blanc & Fischer, bestätigte im Mai 2026, dass der Konzern an den angekündigten Stellenstreichungen für die 180 direkt in der Enoxx-Sparte Beschäftigten festhält. Die Arbeitsverhältnisse sollen schrittweise mit der Produktionseinstellung bis 2027 auslaufen.
Krise in der Region: Ein ganzes Gewerbegebiet unter Druck
Die Restrukturierung bei Blanc & Fischer ist kein Einzelfall. Die gesamte Hausgeräteindustrie in der Region Kraichgau steckt in einer tiefen Krise. Der Konzern spricht selbst von einer „neuen Normalität“ geprägt von hoher Inflation, stagnierender Bauindustrie und rückläufiger Nachfrage nach Küchengeräten.
Die Geschäftszahlen für 2024, die im Frühjahr 2025 vorgelegt wurden, zeigen einen deutlichen Abschwung: Der Gesamtumsatz der Blanc & Fischer Family Holding fiel um 9,2 Prozent auf rund 1,13 Milliarden Euro. Die Marke Blanco, ein zentraler Pfeiler des Konzerns, verzeichnete einen Umsatzrückgang von 7,2 Prozent auf 383 Millionen Euro. Dem war bereits 2023 ein Einbruch von 14,5 Prozent vorausgegangen.
Auch andere regionale Player kämpfen: Im benachbarten Bretten soll das Neff-Werk – eine Tochter der BSH Hausgeräte – bis 2028 schließen, was fast 980 Arbeitsplätze kosten wird. Der Betriebsrat der E.G.O., einer weiteren Blanc & Fischer-Tochter, fürchtet einen Dominoeffekt durch diese Großschließungen, auch wenn E.G.O. selbst noch bis Ende 2029 durch eine Standortsicherungsvereinbarung geschützt ist.
Strategiewechsel: Das Geld fließt ins Ausland
Die aktuellen Entwicklungen spiegeln eine klare Neuausrichtung der Oberderdinger Holding wider. 2024 investierte der Konzern rund 65 Millionen Euro in sein internationales Produktionsnetzwerk, darunter neue Werke für E.G.O. in Polen und Mexiko. Anfang 2025 feierte das Unternehmen zwar sein 100-jähriges Bestehen – die Feierlichkeiten wurden jedoch vom anhaltenden Personalabbau überschattet.
Während der Konzern weiter in den Hauptsitz investiert – unter anderem mit der Eröffnung des „Blanco Brand Experience Center“ Anfang 2025 – verlagert sich der Schwerpunkt des Produktionswachstums eindeutig ins Ausland. Das Management prognostiziert, dass künftiges Wachstum vor allem in Asien und Nordamerika stattfinden wird, nicht in den gesättigten und wirtschaftlich angeschlagenen europäischen Marken.
Auch personell setzt der Konzern auf die neue Strategie: Im Januar 2026 wurde bekannt, dass Rüdiger Böhle Frank Gfrörer als CEO der Blanco-Gruppe ablösen wird – der Wechsel erfolgte zum 1. Mai 2026. Zudem wurde Melanie Aselmann zur Chief Commercial Officer ernannt, um die internationale Skalierung des modularen „Water Place“-Systems voranzutreiben.
Ausblick: Wird der Sozialplan zum Härtetest?
Mitte Mai 2026 ist der Konflikt zwischen B.Pro-Management und Gewerkschaft weiter ungelöst. IG Metall und Betriebsrat fordern faire Abfindungen, Qualifizierungsangebote und den Übergang in Transfergesellschaften, um die Folgen der Enoxx-Schließung abzufedern. Sollte in den kommenden Wochen keine Einigung über den Sozialplan erzielt werden, drohen die Arbeitnehmervertreter mit weiteren Protesten und verstärktem Druck auf den Vorstand.
Der Erfolg eines Sozialplans hängt entscheidend davon ab, wie konsequent Mitbestimmungsrechte genutzt werden. Ein exklusiver Report enthüllt nun, wie Arbeitnehmervertreter den Interessenausgleich aktiv im Sinne der Kollegen beeinflussen können. Jetzt Gratis-E-Book zur Sozialauswahl sichern
Für die Beschäftigten in Oberderdingen richtet sich der Blick nun auf das zweite Quartal 2026. Dann soll ein detaillierter Zeitplan für den schrittweisen Stellenabbau vorgelegt werden – basierend auf aktuellen Produktionsaufträgen und Kundenprojekten. Der Ausgang dieser Verhandlungen dürfte richtungsweisend für die gesamte Arbeitskultur im Blanc & Fischer-Konzern sein, während dieser seinen Wandel zu einem internationalisierten und automatisierten Geschäftsmodell fortsetzt.
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
Für. Immer. Kostenlos.
