Betriebsräte in der Krise: 84% der SE-Konzerne umgehen Mitbestimmung
08.06.2026 - 01:30:14 | boerse-global.de
Aktuelle Daten des DGB und neue Gesetzesinitiativen zeigen: Arbeitnehmervertretungen schrumpfen, während Digitalisierung und Transparenzregeln den Druck erhöhen.
Systematische Blockade und Flucht in die SE
Nur noch sieben Prozent der betriebsratsfähigen Betriebe in Deutschland haben eine Interessenvertretung. In den 1990ern war es noch jedes zweite Unternehmen. Der DGB stellt zudem fest: Rund 20 Prozent der Firmen blockieren Neugründungen aktiv.
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Besonders deutlich wird der Trend bei großen Unternehmen in der Rechtsform der Societas Europaea (SE). Von 122 untersuchten SE-Konzernen umgehen 84 Prozent die paritätische Mitbestimmung. Ganz verschwunden sind Betriebsräte aber nicht: Bei Amazon in Frankenthal gewann ver.di Anfang Mai zwölf von 19 Sitzen bei der Betriebsratswahl.
KI-Kahlschlag vor der Einführung
Die Angst vor Künstlicher Intelligenz hat bereits personelle Konsequenzen – noch bevor die Technologie vollständig läuft. Laut DGB-Erhebungen haben 60 Prozent der Unternehmen ihre Belegschaft in Erwartung der KI-Automation reduziert.
Das Chemieunternehmen Dow streicht am Standort Stade rund 110 Stellen – etwa zehn Prozent der dortigen Belegschaft. Die Maßnahme ist Teil eines globalen Effizienzprogramms. Das Bundesarbeitsgericht machte im Frühjahr aber auch klar: Kündigungen sind unwirksam, wenn die Massenentlassungsanzeige fehlerhaft ist.
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Neue Bürokratie beim Gehalt
Das österreichische Sozialministerium brachte Anfang Juni einen Entwurf zur EU-Lohntransparenzrichtlinie auf den Weg. Unternehmen ab 100 Beschäftigten müssen regelmäßig Entgeltberichte vorlegen. Gewerkschaften begrüßen den Schritt, Wirtschaftsverbände sehen eine unnötige Bürokratiebelastung jenseits der EU-Vorgaben.
Parallel steigen die Anforderungen beim Arbeitsschutz: Die Arbeiterkammer Wien belegt, dass über 86 Prozent der Arbeitnehmer mindestens einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind. Besonders alarmierend: Arbeitsunfälle durch Gewalt haben sich zwischen 2020 und 2025 fast verdoppelt. Experten fordern mehr Arbeitsinspektionen – eine höhere Kontrolldichte senkt die Unfallzahlen signifikant.
Betriebsrat schützt nicht vor Befristung
Das Bundesarbeitsgericht stellte bereits im Juni 2025 klar: Ein befristeter Arbeitsvertrag endet mit dem vereinbarten Datum – auch wenn der Betroffene in den Betriebsrat gewählt wurde.
Verschärft werden die Kontrollpflichten für Führungskräfte. Das Arbeitsgericht Offenbach bestätigte die Kündigung eines Chefjuristen, der eine Whistleblower-Meldung nicht ordnungsgemäß bearbeitet hatte. Die Folge: Rückstellungen von über 450 Millionen Euro.
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