Attestpflicht, Krankheitstag

Attestpflicht ab erstem Krankheitstag: Klingbeil deutet Spielraum an

06.07.2026 - 01:18:43 | boerse-global.de

Bundesfinanzminister Klingbeil verteidigt die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag, deutet aber flexible Lösungen an. Hausärzte und Ökonomen kritisieren die Maßnahme.

Klingbeil verteidigt Attestpflicht ab Tag eins mit Spielraum
Attestpflicht - Eine Hand hält eine deutsche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, im Hintergrund verschwommen ein Büro oder eine Arztpraxis. 06.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hat die umstrittene Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag verteidigt – und gleichzeitig Spielraum angedeutet. Die Regelung sei Teil eines umfassenden Reformpakets, das insgesamt 34 Maßnahmen umfasst. Der Minister betonte: Für die Umsetzung müssten pragmatische Lösungen gefunden werden, um Arbeitnehmer und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

Flexibilität trotz Pflicht

Die Reform sieht vor, dass Beschäftigte künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Klingbeil stellte am Sonntag klar: Niemand müsse sich trotz schwerer Erkrankung sofort in eine Praxis schleppen. Die Bescheinigung müsse nicht zwingend am ersten Kalendertag physisch vorliegen.

Der Minister sprach sich dafür aus, die konkrete Ausgestaltung über betriebliche oder tarifliche Vereinbarungen zu regeln. Ziel sei ein Kompromiss zwischen Kontrolle von Fehlzeiten und praktischer Durchführbarkeit. Die Union hatte im Vorfeld unbezahlte Karenztage gefordert – diese seien durch die Einigung vom Tisch. Klingbeil räumte jedoch ein: Das Paket verlange den Bürgern Belastungen ab. Ein erheblicher Reformstau mache die Maßnahmen unumgänglich.

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Hausärzte warnen vor Überlastung

Die Pläne stoßen auf massiven Widerstand. Der Hausärzteverband spricht von reiner Symbolpolitik und warnt vor einer Überlastung der Praxen. Berechnungen zufolge könnten jährlich 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche anfallen. Dabei liegt der Anteil telefonischer Krankschreibungen laut Verband lediglich zwischen 0,8 und 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen.

Auch Ökonomen melden Zweifel an. Experten des DIW weisen darauf hin, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag den Krankenstand nicht zwangsläufig senke. Im Gegenteil: Kranke Beschäftigte könnten in Praxen oder am Arbeitsplatz weitere Personen anstecken – was die Fehltage letztlich erhöhe. Der Chef der DAK, Storm, schlägt als Alternative Teilkrankschreibungen nach skandinavischem Vorbild vor. Laut DAK-Daten stieg die Zahl der Krankheitstage von 18 im Jahr 2016 auf zuletzt 19,5 bis 22 Tage. Ein Teil des Anstiegs sei allerdings auf die lückenlose Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) zurückzuführen.

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Haushalt 2027: 555 Milliarden Euro Gesamtausgaben

Die Reform der Krankschreibung ist Teil eines größeren wirtschaftspolitischen Kontextes. Klingbeil verteidigte in diesem Zusammenhang auch den Haushaltsentwurf für 2027. Dieser sieht Gesamtausgaben von 555 Milliarden Euro vor. Die Neuverschuldung liegt bei über 203 Milliarden Euro – begründet unter anderem mit Investitionen in die Bundeswehr. Eine ursprüngliche Haushaltslücke von 34 Milliarden Euro sei inzwischen geschlossen.

Für die schwache Konjunktur machte Klingbeil externe Faktoren verantwortlich: Der Iran-Krieg unter US-Präsident Donald Trump bremse das globale und nationale Wachstum. Als sozialen Ausgleich zu den Reformbelastungen verwies der Minister auf geplante Steuerentlastungen für Familien in Höhe von rund 600 Euro jährlich. Zudem soll die Reichensteuer auf 47 Prozent für Einkommen ab 280.000 Euro steigen. Ab 2028 stellte Klingbeil einen verschärften Sparkurs mit zusätzlichen Einsparvorgaben von zwei Prozent in Aussicht.

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