Arbeitszeitreform: Bis zu 13 Stunden pro Tag ab Juni geplant
28.05.2026 - 05:30:51 | boerse-global.deArbeitsministerin Bärbel Bas will im Juni 2026 einen Gesetzentwurf vorlegen, der die deutschen Arbeitszeitregeln grundlegend umkrempelt. Kern der Reform: Statt einer täglichen Höchstarbeitszeit soll künftig eine wöchentliche Obergrenze gelten. Der klassische Acht-Stunden-Tag als starre gesetzliche Vorgabe wäre damit Geschichte.
Die geplante Reform der Arbeitszeitgesetze stellt Unternehmen vor neue rechtliche Herausforderungen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Arbeitszeiten, Pausen und Überstunden nach aktuellem EU-Recht rechtssicher organisieren. Jetzt kostenlose Checkliste zur Arbeitszeiterfassung sichern
Bis zu 13 Stunden Arbeit pro Tag möglich
Der zentrale Punkt des Vorhabens ist der Wechsel von maximal zehn Stunden pro Tag auf 48 Stunden pro Woche – angelehnt an die EU-Richtlinien. Künftig könnten einzelne Arbeitstage auf bis zu 13 Stunden ausgedehnt werden, solange das Wochenpensum nicht überschritten wird.
Bundeskanzler Friedrich Merz treibt die Reform mit Nachdruck voran. Bei einem Treffen in Arnsberg am 27. Mai 2026 betonte er die Notwendigkeit größerer Flexibilität für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Die Bundesregierung sei entschlossen, strukturelle Veränderungen innerhalb der laufenden Koalition umzusetzen.
Arbeitgeber jubeln, Gewerkschaften warnen
Große Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsinstitute begrüßen die Pläne. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) argumentieren, Unternehmen bräuchten diese Flexibilität, um auf schwankende Auftragslagen reagieren zu können. IW-Chef Michael Hüther und Bertram Brossardt von der vbw sehen darin einen wichtigen Schritt für mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Ganz anders die Reaktionen der Gewerkschaften. DGB und Ver.di schlagen scharf Alarm. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi und Ver.di-Chef Frank Werneke warnen vor erheblichen Gesundheitsrisiken: mehr Stress, Burnout und eine steigende Zahl von Schlaganfällen seien die Folge. Die Flexibilisierung belaste Beschäftigte und ihre Familien unverhältnismäßig stark.
Forscher der Hans-Böckler-Stiftung (WSI und HSI) erinnern an die historische Bedeutung des Acht-Stunden-Tages, der seit 1918 als Schutzstandard für Arbeitnehmer gilt. Umfragen zufolge lehnt eine Mehrheit der Beschäftigten in Ostdeutschland und der Gewerkschaftsmitglieder die geplanten Lockerungen ab.
Rekord bei Teilzeit – und erste Gegenbewegung
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der das Statistische Bundesamt (Destatis) einen Höchststand bei der Teilzeitbeschäftigung meldet. 2025 lag die Teilzeitquote bei 31,9 Prozent – 50,6 Prozent der Frauen und 14,3 Prozent der Männer arbeiteten in reduziertem Umfang. Bei Müttern mit Kindern unter 18 Jahren betrug die Quote sogar 66,4 Prozent, während nur 8,6 Prozent der Väter in Teilzeit arbeiteten.
Vollzeitbeschäftigte kamen 2025 im Schnitt auf 39,9 Wochenstunden. WSI-Forscherin Yvonne Lott beobachtet, dass sich längere Teilzeitmodelle zunehmend am Arbeitsmarkt etablieren.
Parallel zur Arbeitszeitreform plant die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU einen Vorstoß auf dem Bundesparteitag in Stuttgart im Juni 2026. Der Antrag zielt darauf ab, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit einzuschränken. Künftig soll Teilzeit nur noch aus bestimmten Gründen gewährt werden – etwa für Kinderbetreuung, Pflege oder Weiterbildung. Zudem schlägt die MIT vor, bestimmte Sozialleistungen an eine Vollzeitbeschäftigung zu knüpfen.
Pflicht zur Zeiterfassung kommt
Während die Regierung mehr Flexibilität ermöglichen will, stehen Arbeitgeber gleichzeitig vor strengeren Auflagen bei der Arbeitszeiterfassung. Seit einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 13. September 2022 sind alle Unternehmen bereits verpflichtet, die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter zu dokumentieren.
Unabhängig von künftigen Reformen ist die Arbeitszeiterfassung laut BAG-Urteil für alle Betriebe bereits heute zwingende Pflicht. Mit diesem kostenlosen Ratgeber inklusive Mustervorlagen setzen Sie die gesetzlichen Vorgaben sofort und ohne teure Software um. Kostenlose Mustervorlage für Stundenzettel hier herunterladen
Ein konkretes Gesetz zur elektronischen und digitalen Umsetzung dieser Pflicht wird für Ende 2026 erwartet. Die Verpflichtung gilt zwar bereits jetzt, doch Bußgelder werden nach Angaben der Behörden in der Regel nur dann verhängt, wenn Arbeitsinspektoren bei offiziellen Betriebsprüfungen Verstöße feststellen. Mögliche Ausnahmen für kleine Betriebe und Führungskräfte werden noch diskutiert.
Wirtschaft schwächelt – Industrie baut Stellen ab
Die Diskussion um längere und flexiblere Arbeitszeiten fällt in eine Phase konjunktureller Abkühlung. Der Ifo-Beschäftigungsbarometer stieg im Mai 2026 zwar auf 93,9 Punkte (April: 91,4), doch die Forscher betonen: Die Unternehmen planen weiterhin mehr Stellenstreichungen als Neueinstellungen – besonders in der Industrie.
Laut einer Analyse von EY sank die Beschäftigung in der Industrie im ersten Quartal 2026 um 127.300 Stellen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Wirtschaftsexperten haben die Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent gesenkt. Als Gründe nennen sie hohe Energiekosten, überbordende Bürokratie und die Auswirkungen internationaler Konflikte auf die Frühjahrsbelebung.
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
Für. Immer. Kostenlos.
