Wirtschaftswachstum: Bundesregierung hebt Prognose für 2026 auf 1,3 Prozent an
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 12:18 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Bundesregierung erwartet in diesem Jahr ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,3 Prozent und hebt ihre Konjunkturprognose damit deutlich an.
Warum die Lage besser ist als erwartet
Im April hatte die Regierung noch mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet. Trotz der Belastungen durch den Iran-Krieg und stark gestiegene Energiepreise habe sich die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger entwickelt als zunächst erwartet, teilte das Wirtschaftsministerium mit.
Als Wachstumstreiber nennt die Bundesregierung vor allem die Exporte, staatliche Investitionen und höhere Verteidigungsausgaben. Der deutsche Außenhandel habe zeitweise von weltweiten Engpässen profitiert, weil Käufer ihre Lagerbestände mit energieintensiven Gütern aus deutscher Produktion aufgestockt hätten.
Prognose für 2027 ebenfalls angehoben
Auch für 2027 ist die Regierung optimistischer: Sie rechnet nun mit einem Wachstum von 1,1 Prozent, nachdem sie bislang 0,9 Prozent erwartet hatte. Für 2028 wird ein Plus von 0,6 Prozent prognostiziert.
Die weitere Entwicklung hänge wesentlich vom Verlauf der geopolitischen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine ab. Ende September hatten führende Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose für Deutschland ebenfalls auf 1,3 Prozent angehoben, zugleich aber vor einem Aufschwung auf schmalem Fundament gewarnt.
Ministerin mahnt Strukturreformen an
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte bereits am Vortag im Bundestag erklärt, das Wachstum stehe auf wackligen Beinen und die Lage bleibe fragil. Sie forderte unter anderem flexiblere Arbeitszeiten, stabilere Sozialabgaben, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise.
Die schwarz-rote Koalition steht damit vor umstrittenen Entscheidungen zu Arbeitsmarkt und Rente. Auch der Außenhandelsverband BGA sieht die Erholung noch nicht gefestigt: Unternehmen hätten zwar ihre Beschaffungs- und Vertriebswege diversifiziert, führen aber weiter vorsichtig.
Exporte zuletzt wieder schwächer
Der Export als wichtiger Wachstumstreiber zeigte zuletzt allerdings Schwäche. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sank der Wert der kalender- und saisonbereinigten Ausfuhren im August um 0,8 Prozent auf 137,6 Milliarden Euro.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer warnte deshalb vor überzogenem Optimismus. Der Aufschwung beruhe vor allem auf Ausfuhren in den EU-Binnenmarkt und schuldenfinanzierten Staatsausgaben; ohne Reformen könne er nur von kurzer Dauer sein.
Erholung trotz externer Schocks
Die angehobene Prognose markiert eine Verbesserung gegenüber der Frühjahrseinschätzung, bedeutet aber keinen breit getragenen Boom. Exporte, öffentliche Investitionen und höhere Verteidigungsausgaben stützen die Nachfrage, während die Folgen des Iran-Kriegs insbesondere über Energiepreise und globale Lieferwege in die deutsche Wirtschaft wirken.
Entscheidend ist, ob staatliche Ausgaben private Investitionen auslösen. Der Auftragseingang der Industrie brach im August zwar um 10,6 Prozent zum Vormonat ein; ohne besonders schwankende Großaufträge fiel der Rückgang jedoch deutlich geringer aus. Die Auftragsbücher sind damit ein Puffer, ersetzen aber keine dauerhaft höhere Wettbewerbsfähigkeit.
Reformen als Belastungsprobe
Für Unternehmen bleiben Energiepreise, Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren und hohe Arbeits- und Sozialkosten zentrale Standortfragen. Die von der Bundesregierung angekündigten Reformen betreffen damit nicht nur die Konjunktur, sondern auch die Finanzierung des Sozialstaats und die künftige industrielle Basis Deutschlands.
Für Bürgerinnen und Bürger kann ein stärkeres Wachstum mittelfristig Beschäftigung und öffentliche Investitionen stützen. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung anfällig für neue Energiepreissprünge, eine Eskalation geopolitischer Konflikte oder eine schwächere Exportnachfrage. Die Prognose für 2028 von nur 0,6 Prozent unterstreicht, dass die aktuelle Erholung strukturelle Probleme nicht beseitigt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Positiven Prognosen zum Trotz: Reiche: Wirtschaftswachstum steht auf wackligen Beinen“ (07.10.2026)
Der Bericht hebe hervor, Reiche betone trotz der erwarteten höheren Prognose die Fragilität des Wachstums und fordere Strukturreformen. Anders als die aktuelle Meldung befasse er sich vor allem mit den politischen Hausaufgaben der Koalition und nenne Arbeitszeiten, Sozialabgaben, Bürokratie sowie Energiepreise als offene Reformfelder.
DER SPIEGEL: „Konjunktur: Industrieaufträge brechen im August unerwartet stark ein“ (06.10.2026)
Der Artikel bestätige ein grundsätzlich verbessertes Industriebild, stelle aber den kräftigen Rückgang der August-Aufträge in den Mittelpunkt. Er ordne ein, der Einbruch beruhe weitgehend auf dem Ausbleiben einzelner Großaufträge; zugleich bleibe offen, ob Unternehmen angesichts fehlenden Vertrauens ihre Kapazitäten tatsächlich ausweiteten.
Medienübergreifend werde die erwartete Aufwärtsrevision damit nicht als Entwarnung verstanden: Der Bericht von n-tv betone den Reformbedarf, während der Artikel im SPIEGEL die konjunkturelle Abhängigkeit von schwankenden Großaufträgen hervorhebe.

