Englands Achterbahnfahrt ins Glück - Kane bleibt Stimme weg
06.07.2026 - 07:40:36 | dpa.deHarry Kane blieb nach dem irren Fußball-Spektakel im bebenden Aztekenstadion sogar die Stimme weg. Torschütze, Elfmeter-Verursacher und am Ende jubelnder Kapitän der englischen Nationalmannschaft, der selbst den US-Präsidenten begeisterte. Die Three Lions rangen in einem denkwürdigen Achtelfinal-Drama Mitgastgeber Mexiko sogar in Unterzahl in deren bis dahin uneinnehmbarer WM-Festung mit 3:2 (2:1) nieder. Das ließ auch Donald Trump nicht kalt, der sogleich «Englands Harry Kane ist ein GROSSARTIGER Spieler» in seinem Sozialen Netzwerk Truth Social postete.
«Ich kann nicht mal sprechen», krächzte Kane, der sich nun im Viertelfinale auf ein Torjäger-Duell der besonderen Art mit Erling Haaland gefasst machen muss. Der Stürmerstar von Manchester City hatte vor dem England-Triumph Norwegen zum Sieg über Rekordweltmeister Brasilien geführt.
Thomas Tuchel im Chaos der Gefühle
Doch zunächst genossen die Engländer, was sie in einem epischen Spiel vollbracht hatten. «Was für ein Drama von der ersten Minute an. Was für ein verrücktes Spiel. Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle», betonte Englands deutscher Coach Thomas Tuchel: «Ich bin so stolz, dass ich dabei sein durfte.» Nicht nur er. «Daily Mail» und «The Telegraph» waren sich einig: «Englands größter Sieg bei einer WM seit 1966». So lange warten die Engländer inzwischen bereits auf den Titel.
Das Spiel beeindruckte auch ehemalige englische Größen. Ex-Nationalspieler Alan Shearer attestierte der Mannschaft: «Diese Spieler haben ihr Land heute Abend in großartiger Form vertreten.» Ex-Kapitän Wayne Rooney meinte bei der BBC: «Das hat gezeigt, dass wir eine Mannschaft haben, die in der Lage ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das Selbstvertrauen, das diese Partie den Spielern geben wird, ist enorm.»
Gescheitert an der enormen Widerstandskraft der Three Lions verabschiedeten sich die Mexikaner nach Kanada als zweiter WM-Gastgeber aus dem XXL-Turnier. Tränenreich, aber auch mit Stolz und großem Lob vom Sieger. «Hut ab vor Mexiko», sagte Jude Bellingham.
Der ehemalige BVB-Profi und aktuelle Star von Real Madrid war einer der großen Protagonisten an einem Abend in Mexiko-Stadt, an dem die englische Mannschaft ihre Titelreife eindrucksvoll dokumentierte. «Das ist einer der größten England-Siege seit langer Zeit, der größte, an den ich mich erinnern kann, und der wichtigste in meiner Karriere», sagte der 23-Jährige. Mit einem Doppelpack in weniger als zwei Minuten (36./38.) hatte Bellingham die taktisch überragende erste halbe Stunde der Engländer gekrönt.
Drama pur mit Elfern und Roter Karte
Aber Mexiko verlangte ihm, Kane und allen anderen weiter alles ab, angetrieben von der übermächtigen Überzahl unter den 80.824 Fans in dem legendären Stimmungs-Tempel. Julián Quiñones (42.) gelang noch vor der Pause der Anschlusstreffer. Nach dem Seitenwechsel sah Bayer Leverkusens Jarell Quansah (54.) die Rote Karte. Nur noch zehn Engländer gegen elf Mexikaner plus deren zwölfter Mann auf den Rängen.
Dann kam Kane. Nervenstark unter gellenden Pfiffen traf er nach einer Stunde vom Elfmeterpunkt - das sechste Tor des Bayern-Stars bei diesem Turnier. «Harry ist ein einzigartiger Spieler, eine einzigartige Persönlichkeit», sagte Tuchel, der seinen Mittelstürmer nach dem Spiel besonders innig an sich gedrückt hatte: «Er ist im besten Moment seiner Karriere. Es ist einfach schön zu sehen, wie hingebungsvoll und was für ein Teamplayer er ist.»
Doch verursachte ausgerechnet Kane dann einen Strafstoß. Mexikos Raúl Jiménez (69.) verwandelte und brachte das Stadion erneut zum Ausrasten. Der langjährige Premier-League-Profi hatte sich schon vorher ein packendes Privatduell mit Englands überragendem Keeper Jordan Pickford geliefert.
Eine Verletzung trübt Englands Freude
Pickford, Kane, Bellingham - die ganze Mannschaft zeigt eine Leistung des Willens, nachdem die Partie mit einer Stunde Verspätung wegen eines Gewitters begonnen hatte. Die Sorgen um die dünne Luft in über 2.200 Metern Höhe - zumindest in den 90 Minuten mit über elf Minuten Nachspielzeit vergessen. Als der Abpfiff aber ertönte, ließen sich nicht wenige im England-Trikot komplett erschöpft auf den Rasen fallen.
Dass sich dann Routinier Jordan Henderson offensichtlich beim späteren Jubel am Handgelenk schwerer verletzte und sogar ins Krankenhaus musste, war der einzige Stimmungsdämpfer. «Es passt einfach nicht zu diesem Abend, dass Jordan jetzt nicht bei uns ist», sagte Tuchel, ehe er seinen Spielern noch eine kleine Hymne von Herzen widmete: «An dieser Mannschaft gibt es so vieles zu lieben.»
