Spannendes Wahlkampffinale: SPD vor AfD in MV, Linke knapp vor CDU in Berlin
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 03:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSVor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am Sonntag werben die Parteien am Freitag bei großen Abschlussveranstaltungen um jede Stimme.
Enge Rennen in beiden Bundesländern
Neue Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF-„Politbarometers Extra“ sehen in beiden Ländern äußerst knappe Rennen an der Spitze. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig mit 37 Prozent knapp vor der AfD mit Spitzenkandidat Leif-Erik Holm, die auf 36 Prozent kommt. In Berlin führt die Linke mit Spitzenkandidatin Elif Eralp mit 22 Prozent vor der CDU mit Stefan Evers, die auf 20 Prozent kommt.
CDU schwach im Nordosten, Koalitionsfrage offen
In Mecklenburg-Vorpommern verliert die CDU einen Punkt und kommt nur noch auf 6 Prozent – nahe an der Fünf-Prozent-Hürde für den Landtag. Die mit der SPD regierende Linke fällt auf 9 Prozent, die Grünen stehen unverändert bei 5 Prozent und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei 4 Prozent. Ob es erneut für eine Koalition aus SPD und Linken reicht, ist offen. Möglich wäre auch ein Dreierbündnis mit den Grünen, sofern diese den Wiedereinzug in den Landtag schaffen. Mit der AfD will keine andere Partei koalieren.
Personenfaktor stärkt Schwesig
Im Nordosten profitiert die SPD offenbar vom Amtsbonus. Würden die Menschen direkt über die Ministerpräsidentin abstimmen, käme Schwesig laut Umfrage auf 61 Prozent. AfD-Frontmann Holm würde demnach 30 Prozent erreichen. Im Wahlkampf hatte Schwesig sich wiederholt von der Bundespolitik abgegrenzt und weitgehend auf Auftritte der SPD-Bundesvorsitzenden verzichtet. Beim Wahlkampfabschluss in Rostock treten jedoch mehrere SPD-Länderchefs an ihrer Seite auf.
Prominenz im Wahlkampffinale
Auch die anderen Parteien setzen in Mecklenburg-Vorpommern zum Schluss auf bekannte Gesichter. Die Nordost-CDU verzichtet zwar auf Bundesprominenz, die AfD dagegen bringt ihre Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla sowie den Wahlsieger aus Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, auf die Bühne. Die Grünen unterstützen Spitzenkandidatin Claudia Müller mit ihrem Führungsduo Franziska Brantner und Felix Banaszak. Die Linke setzt unter anderem auf Fraktionschefin Heidi Reichinnek sowie Dietmar Bartsch, Gregor Gysi und Bodo Ramelow, die sich selbstironisch als „Silberlocken“ bezeichnen.
Kopf-an-Kopf-Rennen um das Rote Rathaus
In Berlin geht das Rennen um das Rote Rathaus ebenfalls knapp zu. Hinter der Linken mit 22 Prozent und der CDU mit 20 Prozent liegt die AfD bei 18 Prozent, die Grünen erreichen 15 Prozent und die SPD 12 Prozent. Das BSW kann mit 4 Prozent auf den Einzug ins Abgeordnetenhaus hoffen. Bei der Frage nach der bevorzugten Regierungschefin oder dem bevorzugten Regierungschef nennen 25 Prozent Elif Eralp, 24 Prozent Stefan Evers. Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf kommt auf 12 Prozent. Kandidaten anderer Parteien wurden in dieser Fragestellung nicht abgefragt.
Dreier-Koalitionen wahrscheinlich
Nach allen Umfragen der vergangenen Wochen kommt in Berlin keine Zweier-Koalition auf eine Mehrheit, auch nicht das derzeit regierende Bündnis aus CDU und SPD. Wahrscheinlicher sind Dreierbündnisse – entweder aus CDU, Grünen und SPD oder aus Linken, Grünen und SPD. Die AfD dürfte bei der Regierungsbildung außen vor bleiben, da alle übrigen Parteien eine Zusammenarbeit mit ihr ausschließen.
Bundesprominenz auch in Berlin
Zum Wahlkampffinale setzt auch die Berliner Politik auf prominente Unterstützung. Bei der Linken treten Parteichefin Ines Schwerdtner und Gregor Gysi auf. Die Grünen holen die frühere Parteichefin Ricarda Lang, das BSW seine Gründerin Sahra Wagenknecht. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach wirbt gemeinsam mit dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit um Unterstützung.
Grenzen der Umfragen und Blick auf das Wahljahr
Für das ZDF-„Politbarometer Extra“ wurden in beiden Ländern zwischen 14. und 17. September jeweils gut 1400 bis über 1600 Wahlberechtigte befragt. Die Forschungsgruppe Wahlen gibt die Fehlertoleranz bei einem Anteilswert von 40 Prozent mit plus/minus drei Prozentpunkten an, bei 10 Prozent mit plus/minus zwei Punkten. Die Umfrage gilt als repräsentativ, zeigt aber nur das Stimmungsbild zum Zeitpunkt der Befragung und ist keine Prognose des Wahlausgangs.
Spannendes Wahljahr und Ausblick auf 2027
Mit den Wahlen am Sonntag endet ein ohnehin spannendes Wahljahr. In Baden-Württemberg blieb es nach der Wahl im März bei einer grün-schwarzen Koalition, neu im Amt ist dort Ministerpräsident Cem Özdemir. In Rheinland-Pfalz löste nach der Wahl im März eine Koalition aus CDU und SPD die Ampel ab, neuer Regierungschef ist Gordon Schnieder. In Sachsen-Anhalt ist die Regierungsbildung nach der Wahl Anfang September noch offen; die AfD hat zwar deutlich gewonnen, aber keine absolute Mehrheit erreicht. Für das Jahr 2027 stehen weitere fünf Landtagswahlen an sowie die Wahl des Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung Ende Januar.
Spannung vor zwei Richtungswahlen
Die gleichzeitig stattfindenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin markieren eine wichtige Wegscheide sowohl für die Landespolitik als auch für die bundespolitische Statik. In Mecklenburg-Vorpommern deutet die knappe Spitze der SPD vor der AfD auf ein Duell zwischen etablierter Regierungspartei und einer erstarkten Rechtsaußenkraft hin. Die Nähe der CDU zur Fünf-Prozent-Hürde unterstreicht, wie sehr sich das Parteiensystem dort verschoben hat.
In Berlin zeigt das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Linker und CDU ein politisch deutlich anderes Bild. Hier konkurrieren eine kraftvoll auftretende linke Oppositionspartei und eine konservative Kraft darum, wer das Rote Rathaus führt. Beide Szenarien – SPD gegen AfD im Nordosten und Linke gegen CDU in der Hauptstadt – verdeutlichen, wie unterschiedlich regionale politische Milieus ausgeprägt sind und dennoch bundesweit Wirkung entfalten.
Koalitionsbildung und Regierungsstabilität
Bemerkenswert ist, dass in beiden Ländern Mehrheiten für klassische Zweierbündnisse kaum erreichbar sind. Dreier-Koalitionen würden die Regierungsbildung komplizierter machen und verlangen von den Parteien mehr Bereitschaft zu Kompromissen. Für Mecklenburg-Vorpommern stehen Kombinationen mit SPD, Linken und womöglich Grünen im Raum, sofern diese in den Landtag einziehen. In Berlin richten sich die Blicke auf mögliche Bündnisse mit Linken oder CDU als Führungspartei und jeweils Grünen und SPD als Partnern.
Für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies, dass der Ausgang der Wahlen nicht nur darüber entscheidet, welche Partei stärkste Kraft wird, sondern auch darüber, wie stabil und berechenbar die künftigen Regierungen arbeiten können. Koalitionsverhandlungen könnten sich hinziehen, insbesondere wenn Wahlergebnisse sehr knapp ausfallen und mehrere Bündnisse rechnerisch möglich sind.
Bundespolitische Konsequenzen für Kanzler Merz
Über beide Landeswahlen hinaus wird die Frage nach der Zukunft von Bundeskanzler Friedrich Merz eine zentrale Rolle spielen. Schwache Ergebnisse der CDU in Mecklenburg-Vorpommern und ein möglicher Verzicht auf eine Führungsrolle in Berlin würden innerparteiliche Debatten über Kurs und Personal weiter anheizen. Umgekehrt könnte ein starkes Abschneiden der Union in der Hauptstadt dem Kanzler Argumente für seinen Kurs liefern und seine Position im eigenen Lager stützen.
Da die AfD in beiden Ländern hohe Werte erreicht, bleibt zudem die Frage, wie sich das Kräfteverhältnis im Bundesrat entwickelt und welche Auswirkungen dies auf bundespolitische Projekte hat. Landesregierungen mit Beteiligung von SPD, Linken und Grünen würden andere Prioritäten setzen als Koalitionen mit CDU-Führung. Damit gewinnen die Wahlen für die bundespolitische Entscheidungsfindung und die künftige Rolle des Kanzlers zusätzliches Gewicht.
