CDU-Wahlniederlagen: Merz bleibt Kanzler – Union sucht neuen Reformkurs
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 14:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach den Niederlagen der CDU bei drei Landtagswahlen rückt in der Union die Debatte über Friedrich Merz’ politische Zukunft vorerst hinter die Frage zurück, wie der Reformkurs der Bundesregierung fortgesetzt werden soll.
Unionsfraktion stellt sich hinter Merz
Die Unionsfraktion im Bundestag wollte am Nachmittag über die Folgen der Wahlergebnisse beraten. Die neue Fraktionsmanagerin Catarina dos Santos-Wintz sagte vor der Sitzung, der Kanzler habe die volle Rückendeckung der Unionsfraktion.
CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann äußerte sich zurückhaltender. Die CSU führe derzeit keine Personaldebatte über Merz, betonte er. Nun müsse es um Inhalte gehen: Die Union sei angetreten, Deutschland besser zu machen, und werde diesen Weg fortsetzen.
Forderungen nach Analyse und Neustart
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verlangte eine schonungslose Analyse und einen Neustart. Die Lage habe auch mit Personen zu tun, sagte der CDU-Politiker im MDR.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst, der als möglicher Nachfolger von Merz gehandelt wird, lehnte weitere Personaldebatten ab. Sie seien nicht zielführend, sagte Wüst bei einer Veranstaltung der Rheinischen Post.
CDU verlor in drei Ländern deutlich
Merz war bereits nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen innerparteilich unter Druck geraten. Am vergangenen Sonntag scheiterte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern an der Fünf-Prozent-Hürde und verlor in Berlin den ersten Platz an die Linke.
Die acht CDU-Ministerpräsidenten hatten Merz schon vor den jüngsten Niederlagen ihre Unterstützung zugesichert. In den Sitzungen der Parteigremien am Sonntag und Montag sei seine politische Zukunft nach Angaben des Kanzlers kein Thema gewesen. Niemand habe eine Personalfrage gestellt oder eine Personaldebatte geführt, sagte Merz.
Reformkurs bleibt inhaltlich offen
Merz hatte unmittelbar nach Schließung der Wahllokale erklärt, er wolle CDU-Chef und vor allem Kanzler bleiben sowie seinen Reformkurs fortsetzen. Wie dieser Kurs konkret aussehen soll, ist weiterhin offen.
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt bezeichnete das Wahlergebnis als historischen Wendepunkt. Ein Weiter-so könne es nicht geben; nötig sei eine Generalinventur der Berliner Regierungspolitik. Die Kosten für Tanken, Heizen, Miete, Wohnen und Einkaufen seien für viele Menschen zu hoch.
Merkel verweist auf Adenauers Brücken
Die frühere CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel regte an, aus dem politischen Wirken Konrad Adenauers zu lernen. Wichtig seien ein Bewusstsein für die eigenen Werte und die Fähigkeit, unterschiedliche Gruppen miteinander zu verbinden.
Merkel nannte unter anderem Brücken zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Männern und Frauen, Umwelt und Wirtschaft, Stadt und Land sowie zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte.
Mehrheit sieht CDU nicht mehr als Volkspartei
Nach einer YouGov-Umfrage stufen nur noch rund 33 Prozent der Befragten die CDU als Volkspartei ein. 46 Prozent sehen diesen Status nicht mehr als gegeben; rund 21 Prozent machten keine Angabe oder wussten keine Antwort.
AfD-Chefin Alice Weidel hatte am Wahlsonntag erklärt, ihre Partei sei breiter in der Gesellschaft verankert und habe die CDU als Volkspartei verdrängt.
Wahlergebnisse erhöhen den Reformdruck
Die CDU hat bei drei Landtagswahlen im September deutliche Verluste erlitten. Besonders schwer wiegt, dass sie in Mecklenburg-Vorpommern erstmals aus einem Landtag ausschied; in Berlin verlor sie den ersten Platz an die Linke. Damit werden bundespolitische Themen unmittelbar mit der Leistungsbilanz der Bundesregierung verbunden.
Im Zentrum stehen Reformvorhaben bei Rente, Sozialstaat, Gesundheit und Wirtschaft. Der politische Konflikt verläuft dabei nicht nur zwischen Regierung und Opposition, sondern auch innerhalb der Koalition: Teile der Union drängen auf einen konsequenten Kurs, während Sozialdemokraten stärker auf soziale Absicherung und Änderungen an einzelnen Maßnahmen pochen. Für Merz bedeutet das, dass er Reformen zugleich umsetzen und politisch vermitteln muss.
Entscheidend wird die Wirkung im Alltag
Die Debatte über einen personellen Wechsel ist vorerst zurückgetreten, gelöst ist die strategische Krise der Union damit nicht. Hohe Wohn-, Energie- und Lebenshaltungskosten prägen die Wahrnehmung vieler Bürger stärker als langfristige Reformversprechen. Die von Merz angekündigte Kursprüfung wird deshalb daran gemessen werden, ob sie konkrete Entlastungen und nachvollziehbare Regeln hervorbringt.
Für die Bundesregierung stehen zudem Mehrheiten und Geschlossenheit auf dem Prüfstand. Die Union muss ihr Profil zwischen wirtschaftlicher Modernisierung, sozialer Absicherung und der Abgrenzung zur AfD schärfen. Je länger sichtbare Ergebnisse ausbleiben, desto größer dürfte der Druck auf Kanzler, Koalition und Parteiführung werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
MDR: „Merz will über Vorteile für Privatversicherte reden“ (21.09.2026)
Der Bericht bestätige, dass Merz nach den Wahlniederlagen eine Kurskorrektur erwäge und dabei insbesondere Gerechtigkeitsfragen in der Krankenversicherung anspreche. Anders als die dpa-Meldung konzentriere sich der Beitrag auf konkrete politische Folgen sowie auf Forderungen aus CDU und SPD nach sozialer Absicherung und Änderungen am Reformkurs.
