CDU-Wahldebakel: Merz weist Personaldebatte zurück und bleibt bei Reformkurs
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 15:06 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach dem historischen Wahldebakel der CDU hat Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz seinen Reformkurs bekräftigt und jede Diskussion über seine politische Zukunft in den Führungsgremien der Partei zurückgewiesen.
Merz pocht auf Rückhalt und Koalition mit SPD
Merz erklärte nach Sitzungen der Spitzengremien in Berlin, es habe weder am Wahlabend noch am folgenden Vormittag irgendeine personelle Frage oder gar eine Personaldebatte gegeben. Niemand in Präsidium und Vorstand habe seine Rolle als Kanzler und Parteivorsitzender in Zweifel gezogen.
Zugleich bekannte sich Merz klar zur Zusammenarbeit mit der SPD. Er sei dankbar, dass die Sozialdemokraten an der Koalition festhalten wollten, sagte er. Dies gelte auch für ihn und für die CDU. Dem Kanzler stehen nun schwierige Gespräche über ein bereits beschlossenes Reformpaket bevor, bei dem die SPD Änderungen verlangt. Merz hat sich dazu bislang nicht bereit erklärt – auch nicht am Tag nach den Wahlen.
„Dramatisches, einmaliges Ergebnis“ für die CDU
Die Partei hatte schon vor zwei Wochen in Sachsen-Anhalt ein schweres Debakel erlebt. Dort war die CDU deutlich abgestürzt und steht seither parteiintern massiv unter Druck. Am Sonntag folgten zwei weitere Niederlagen: In Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU an der Fünf-Prozent-Hürde und verpasste erstmals den Einzug in den Landtag. In Berlin wurde sie von der Linken klar abgehängt und dürfte der neuen Regierung voraussichtlich nicht mehr angehören.
Merz sprach nach den Beratungen in Berlin von einem „dramatischen, einmaligen Ergebnis“ für die CDU in Deutschland. Dass die Partei in Mecklenburg-Vorpommern die Fünf-Prozent-Hürde nicht überwinden konnte, sei ein schwerer Schlag, der lange nachhallen werde. Über die politischen und organisatorischen Konsequenzen müsse die CDU noch lange sprechen.
Kanzler geht frühzeitig in die Offensive
Um einer neuen Personaldebatte zuvorzukommen, hatte Merz bereits am Wahlabend ungewöhnlich früh die Öffentlichkeit gesucht. Nur etwa 15 Minuten nach Schließung der Wahllokale kommentierte er selbst die ersten Zahlen – eine Aufgabe, die üblicherweise der Generalsekretärin zufällt.
Merz bezeichnete die sich abzeichnenden Ergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern als „Desaster“, als die CDU dort in frühen Prognosen bei 5,0 bis 5,5 Prozent lag. Vor allem machte er deutlich, dass er um seine Ämter kämpfen wolle. Er warb für seinen Reformkurs und sagte, das jetzt Notwendige erfordere Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Dies werde er als CDU-Vorsitzender und vor allem als Bundeskanzler aufbringen.
Geplante Klausurtagung und interne Beratungen
Der Parteichef kündigte an, in Kürze eine Klausurtagung des Parteipräsidiums einzuberufen, um die Folgen der Wahlen und das weitere Vorgehen zu beraten. Einen konkreten Termin dafür nannte er noch nicht.
Bereits vor den Landtagswahlen hatten die acht CDU-Ministerpräsidenten Merz Rückendeckung gegeben. Auf Initiative des rheinland-pfälzischen Regierungschefs Gordon Schnieder stellten sie sich in einer gemeinsamen Erklärung hinter den Kanzler und betonten, man wolle gemeinsam mit ihm die Probleme der Menschen angehen.
Ministerpräsidenten beraten ohne den Kanzler
Am Sonntagabend und bis in den Montagnachmittag hinein äußerte sich zunächst keiner der Ministerpräsidenten öffentlich zur Personalfrage. Nach einer Präsidiumssitzung unter Leitung von Merz verließen sie am Sonntagabend gegen 20 Uhr das Konrad-Adenauer-Haus und setzten ihre Beratungen in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung ohne den Kanzler fort.
Mit dabei waren sieben der acht Regierungschefs sowie die CDU-Landesvorsitzenden von Baden-Württemberg und Niedersachsen, Manuel Hagel und Sebastian Lechner. Der scheidende Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, fehlte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur.
Druck aus der Basis als Risikofaktor
Als unkalkulierbar gilt der Druck, der aus der Parteibasis erwachsen könnte. In der CDU wird an die Dynamik erinnert, die im Sommer zum Rücktritt von Jens Spahn als Unionsfraktionschef im Bundestag geführt hat. Damals war die Empörung an der Basis über die private Leihmutterschaft von Spahn und seinem Partner in den USA unterschätzt worden; der Rücktritt folgte binnen weniger Tage.
Aktuell gibt es allerdings erst eine öffentliche Rücktrittsforderung aus der zweiten Reihe. Sie kommt vom Vorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsunion in Berlin, Christian Gräff. Der frühere CDU-Abgeordnete schrieb auf der Plattform X, Merz müsse weg, er könne weder Exekutive noch Kommunikation.
Offene Kanzlerfrage und mögliche Nachfolger
Dass es vorerst nicht zu einem Kanzlerwechsel kommt, hängt auch damit zusammen, dass in der CDU kein klarer Plan B existiert. Es fehlt eine einzelne Nachfolgeperson, hinter der sich die Partei geschlossen versammeln könnte.
Als mögliche Nachfolger gelten die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Bayern, Hendrik Wüst (CDU) und Markus Söder (CSU). Beide pflegen kein besonders enges Verhältnis und müssten sich zunächst einigen. Über Wüst heißt es zudem, dass eine Kanzlerschaft zum jetzigen Zeitpunkt für ihn ungünstig wäre, da er im April eine wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zu bestehen hat. Söder wiederum hätte das Problem, dass die ohnehin angeschlagene CDU sich mit einem CSU-Kanzler weiter verkleinern würde.
Merz als Kanzler auf Bewährung
Merz gilt in der Union nun als Kanzler auf Bewährung. Er muss Vertrauen zurückgewinnen und das bereits beschlossene Reformpaket gegen Widerstände aus der SPD durchsetzen. Daran wird die Partei seine Zukunft messen.
Gelingt ihm dies nicht, könnte die Kanzlerfrage erneut gestellt werden – und dann unter anderen Vorzeichen. Für den Moment versucht Merz jedoch, Geschlossenheit zu demonstrieren und die Debatte um seine Person zu stoppen.
Historisches Tief für die CDU
Die erneuten Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin markieren für die CDU einen Einschnitt, der weit über normale Wahlverluste hinausgeht. In Mecklenburg-Vorpommern verpasst die Partei den Wiedereinzug in den Landtag, in Berlin verliert sie voraussichtlich den Zugang zur Regierungsverantwortung. Zusammen mit dem Debakel in Sachsen-Anhalt entsteht das Bild einer geschwächten Volkspartei, deren traditionelle Stärke im Osten und in Metropolen zugleich erodiert.
Für Friedrich Merz ist diese Lage doppelt heikel. Zum einen steht sein Führungsanspruch als Kanzler und Parteichef unter Beobachtung, zum anderen muss er trotz der Misere Handlungsfähigkeit demonstrieren. Dass er unmittelbar nach Schließung der Wahllokale selbst vor die Kameras trat und die Ergebnisse als „Desaster“ bezeichnete, zeigt, wie sehr er um die Deutungshoheit ringt. Zugleich betont er, dass in den Führungsgremien keine Personaldebatte geführt wurde und dass die schwarz-rote Koalition mit der SPD fortgesetzt werden soll.
Druck aus Partei, Koalition und Öffentlichkeit
Die innerparteiliche Gemengelage bleibt kompliziert. Acht CDU-Ministerpräsidenten hatten Merz im Vorfeld mit einer gemeinsamen Erklärung Rückendeckung gegeben, berieten aber am Wahlabend und am Folgetag zeitweise ohne ihn weiter. Das deutet auf Gesprächsbedarf über Kurs und Strategie, ohne dass ein offener Aufstand erkennbar ist. Gleichzeitig wirkt die Basis als Unsicherheitsfaktor: Erfahrungen wie der schnelle Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionschef zeigen, wie rasch Empörung zu personellen Konsequenzen führen kann. Bislang bleibt die öffentliche Rücktrittsforderung aus der zweiten Reihe jedoch vereinzelt.
Koalitionsstabilität und offene Kanzlerfrage
Politisch versucht Merz, Stabilität zu signalisieren. Er bekennt sich zur Zusammenarbeit mit der SPD, obwohl diese auf Änderungen beim Reformpaket dringt. Gelingt es ihm, die vereinbarten Reformen gegen Widerstände durchzusetzen und Vertrauen zurückzugewinnen, könnte er seine Stellung zunächst sichern. Misslingt dies, droht eine erneute Zuspitzung der Kanzlerfrage, zumal potenzielle Nachfolger wie Hendrik Wüst oder Markus Söder im Hintergrund bleiben. Für Leserinnen und Leser bedeutet die Situation, dass sowohl Kurs der Bundesregierung als auch die personelle Spitze der Union in den kommenden Wochen ein zentrales politisches Thema bleiben werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „CDU vor den Wahlen: Für den Kanzler geht es ums Amt“ (19.09.2026)
Der Beitrag zeichne Merz bereits vor dem Wahlsonntag als Kanzler unter Bewährungsdruck und hebe hervor, dass seine Zukunft unmittelbar mit den Ergebnissen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verknüpft sei. Die Analyse betone, in der Partei herrsche Konsens, dass „es so nicht weitergehen“ könne, und schildere, wie intern über Kurskorrekturen und mögliche Herausforderer diskutiert werde, ohne dass jemand offen die Führung übernehme.
merkur.de: „Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Historisches Debakel für CDU – AfD setzt sich vor SPD ab“ (20.09.2026)
Der Tickerbericht stelle das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern als historisches Debakel für die CDU dar und ordne es in eine Serie von Niederlagen ein, bei denen insbesondere die AfD deutlich vor der Union liege. Der Text konzentriere sich stärker auf das Kräfteverhältnis zwischen SPD und AfD im Land und die bundespolitische Signalwirkung, während die innerparteiliche Personaldebatte um Merz nur angedeutet werde.
Medienübergreifend werde deutlich, dass die CDU einen Tiefpunkt erlebt und Merz’ Kanzlerschaft an den Wahlergebnissen und der innerparteilichen Stimmung gemessen werde. Während die tagesschau stärker die inneren Machtfragen und das Zögern möglicher Nachfolger hervorhebe, lege der Bericht aus Mecklenburg-Vorpommern den Fokus auf das historische Ausmaß des Stimmenverlusts und den Aufstieg der AfD. Offen bleibe, ob und wann aus der bisher gedämpften Personaldebatte konkrete Schritte folgen.
