Michel Friedman spricht Bundeskanzler Merz die Eignung für sein Amt ab
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 21:05 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSMichel Friedman hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Eignung für sein Amt abgesprochen. Der Publizist und frühere CDU-Politiker wirft Merz vor, der Jobbeschreibung eines Bundeskanzlers nicht zu entsprechen.
Friedman kritisiert Führungskompetenz von Merz
Dem "Spiegel" sagte Friedman, er glaube nicht, dass Merz der Jobbeschreibung eines Bundeskanzlers entspreche. Die CDU werde unter Merz „zu Recht abgestraft“, so Friedman. Er begründet dies mit Anforderungen an politische Führung: Ein Bundeskanzler müsse mit Verwaltung umgehen können, Entscheidungen organisieren und Kompromisse schließen.
Als Voraussetzung für diese Aufgaben nennt Friedman Empathie. Diese fehle dem amtierenden Bundeskanzler nach seiner Einschätzung. Merz sei für ihn kein Vorbild, an dem er noch viel über Empathie lernen könne, sagte Friedman.
Austritt aus der CDU nach AfD-Mehrheiten
Friedman bereut seinen Austritt aus der CDU vor eineinhalb Jahren nach eigenen Worten nicht. Der Schritt habe ihm innere Glaubwürdigkeit gegeben und ihn freier gemacht. Anlass war eine gemeinsame Mehrheit von Union und AfD bei einem migrationspolitischen Antrag im Bundestag im Januar 2025.
Beim ersten Wahlgang habe Friedman nach eigenen Angaben noch einen Kontrollverlust von Merz vermutet. Als es zwei Tage später erneut zu einer Mehrheit mit AfD-Stimmen gekommen sei, habe er den politischen Schaden für die CDU als groß erkannt. Demokratische Parteien dürften keine Berührung mit einer Partei riskieren, die die Demokratie zerstören wolle, sagte Friedman.
Warnung vor AfD nach Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt
Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt warnte Friedman eindringlich vor der Partei und verwies auf die Geschichte seiner Familie. Die AfD wolle nach seiner Darstellung nicht nur politische Mehrheiten, sondern „eine andere Republik“.
Diese Partei wolle die Demokratie zerstören, stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes und respektiere die Gründungsgeschichte der Bundesrepublik nicht, so Friedman. Er verbindet seine Kritik damit, dass seine Eltern den Holocaust nur knapp überlebt haben und viele Angehörige ermordet wurden.
Persönliche Verantwortung und mögliche Grenzen
Friedman schildert, er habe mit 18 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, obwohl er als Franzose geboren worden sei. Er habe seiner Generation vertraut, die versprochen habe, es anders zu machen, und auf die Verfassung als Grundlage seines Lebens in Deutschland gebaut.
Der Publizist kündigte an, sich weiter in Deutschland einbringen zu wollen. Er habe den deutschen Pass angenommen, um sich einmischen zu können, und wolle der nächsten Generation keinen Trümmerhaufen hinterlassen. Er habe Jahrzehnte der Freiheit erlebt und wolle dafür weiter werben.
AfD in der Bundesregierung als rote Linie
Eine Beteiligung der AfD an einer Bundesregierung wäre für Friedman jedoch eine rote Linie. In dem Moment, in dem die AfD Teil einer Bundesregierung und damit Teil der Exekutive wäre, sei für ihn das Fundament von Sicherheit in Deutschland nicht mehr gegeben.
Seine Sorge gilt dabei nicht nur ihm als Jude, wie Friedman betonte. Er verweist auch auf seine Rolle als Journalist und Kulturschaffender, der nicht schweigen könne und keine Angst haben wolle, seine Meinung zu äußern.
Die Äußerungen von Michel Friedman treffen auf eine politische Lage, in der die Rolle der AfD und der Umgang anderer Parteien mit ihr zu den zentralen Konfliktlinien der Bundespolitik gehören. Friedmans Kritik an Friedrich Merz setzt genau an diesem Punkt an: Er bewertet den Kurs der CDU unter Merz vor allem daran, wie klar sie sich von der AfD abgrenzt und welche Signale sie in der Migrations- und Innenpolitik sendet.
CDU, AfD und die Frage der Abgrenzung
Der von Friedman genannte Anlass seines CDU-Austritts – gemeinsame Mehrheiten von Union und AfD bei migrationspolitischen Anträgen im Bundestag im Januar 2025 – steht exemplarisch für die Debatte, ob und in welchem Umfang konservative Parteien mit der AfD inhaltlich kooperieren dürfen. Für Friedman ist bereits die faktische Mehrheit mit AfD-Stimmen ein Bruch der von ihm erwarteten Brandmauer. Seine Einschätzung, die CDU werde „zu Recht abgestraft“, knüpft daran an: Er sieht die Glaubwürdigkeit der Partei beschädigt, wenn sie sich nicht klar genug von einer Partei distanziert, die er ausdrücklich als demokratiegefährdend bezeichnet.
Historische Erfahrung als Maßstab
Besonders bedeutsam ist, dass Friedman seine politische Haltung biografisch begründet. Die Geschichte seiner Familie im Holocaust und seine bewusste Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft dienen ihm als Maßstab für die Beurteilung der heutigen Bundesrepublik. Wenn er die AfD als Kraft beschreibt, die „eine andere Republik“ wolle und nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehe, stellt er eine direkte Verbindung zwischen historischen Erfahrungen mit Diktatur und aktueller Sorge um demokratische Institutionen her.
Konsequenzen für politische Kultur
Friedmans Warnung vor einem möglichen Eintritt der AfD in eine Bundesregierung zielt weniger auf konkrete Koalitionsrechnungen als auf die politische Kultur insgesamt. Seine Aussagen machen deutlich, dass er eine Beteiligung der AfD an der Exekutive als Grenze seiner persönlichen Sicherheit und Freiheit versteht – nicht nur als Jude, sondern auch als Publizist und Kulturakteur. Damit verleiht er der laufenden Diskussion über die Stabilität der Demokratie und den Umgang mit rechtspopulistischen Parteien eine persönliche, moralisch begründete Stimme, die an die Verantwortung der nächsten Generation und an die Verteidigung der freiheitlichen Ordnung appelliert.
