Niedersachsen, Kommunalwahlen

Kommunalwahlen in Niedersachsen: Stimmungstest vor der Landtagswahl und Bewährungsprobe für Parteien

Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 04:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

In Niedersachsen sind rund 6,3 Millionen Bürger zu Kommunalwahlen aufgerufen, die als wichtiger Stimmungstest vor der Landtagswahl 2027 gelten. Neben der Krise bei Volkswagen prägen AfD-Kandidatenverbote und die richtungsweisende Oberbürgermeisterwahl in Hannover den Urnengang.

Vier Kandidaten der AfD wurden wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue nicht zur Wahl zugelassen. (Archivbild) - Bild: Julian Stratenschulte/dpa
Vier Kandidaten der AfD wurden wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue nicht zur Wahl zugelassen. (Archivbild) - Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Rund 6,3 Millionen Menschen in Niedersachsen sind am heutigen Sonntag ab 8.00 Uhr zur Kommunalwahl aufgerufen.

Mehr als 29.000 Sitze zu vergeben

In den Landkreisen, Städten und Gemeinden wählen die Bürger ihre Kommunalvertretungen, zudem stehen die Direktwahlen von Oberbürgermeistern, Bürgermeistern und Landräten an. Insgesamt geht es landesweit um mehr als 29.000 Sitze und über 68.000 Kandidaturen. Von der Nordsee bis zum Harz werden damit zahlreiche lokale Entscheidungen über die politische Ausrichtung vor Ort getroffen.

Stimmungsbild vor der Landtagswahl 2027

Ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl am 26. September 2027 gelten die Kommunalwahlen als wichtiges Stimmungsbild im von Rot-Grün regierten Niedersachsen. Es sind zugleich die ersten landesweiten Wahlen, seit Olaf Lies das Amt des Ministerpräsidenten von Stephan Weil übernommen hat. Vor diesem Hintergrund wird genau beobachtet, wie die Regierungsparteien SPD und Grüne im Vergleich zu CDU, FDP, Linke und AfD abschneiden.

AfD unter Beobachtung und mit Kandidatenverboten

Zwischen den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und den bevorstehenden Abstimmungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gelten die Kommunalwahlen auch als Test für die AfD in einem westdeutschen Flächenland. 2021 kam die Partei auf Kreisebene auf lediglich 4,6 Prozent. Inzwischen wird der AfD-Landesverband vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt geführt, gegen diese Einstufung geht die Partei juristisch vor. Vier AfD-Bewerber wurden wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue nicht zur Wahl zugelassen, darunter Landesvize Stephan Bothe, der nicht als Landrat im Landkreis Lüneburg kandidieren darf. Andere AfD-Politiker treten an, etwa die Landtagsabgeordnete Jessica Schülke bei der Oberbürgermeisterwahl in Hannover.

Signalwirkung der OB-Wahl in Hannover

Besonders im Fokus steht die Oberbürgermeisterwahl in der Landeshauptstadt Hannover. Dort hatten die Sozialdemokraten 2019 nach mehr als 70 Jahren SPD-Regentschaft gegen den Grünen-Politiker Belit Onay verloren. In aktuellen Umfragen liegt Onay erneut vorn. Sollte die SPD diesmal sogar eine mögliche Stichwahl verpassen und auch anderswo im Land schwach abschneiden, könnte dies die Personaldebatten in der Partei um den niedersächsischen Vizekanzler und Co-Parteichef Lars Klingbeil weiter anheizen. Mögliche Stichwahlen bei Direktwahlen sind landesweit für den 27. September vorgesehen.

Kommunalpolitik im Schatten der VW-Krise

Hannover steht noch aus einem weiteren Grund im Mittelpunkt: Die Stadt gehört zu den möglichen Standorten, an denen Volkswagen in den kommenden Jahren ein Werk schließen könnte, ebenso wie Emden. Am VW-Stammsitz Wolfsburg war die AfD bei der Bundestagswahl 2025 fast so stark geworden wie die SPD, beide lagen jedoch hinter der CDU. Der jüngste Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt könnte der Partei zusätzlichen Rückenwind geben und sich auch in Niedersachsen auswirken.

Blick zurück auf die Kommunalwahl 2021

Bei den Kommunalwahlen 2021 war die CDU auf Kreisebene mit 31,7 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der SPD mit 30,0 Prozent. Die Grünen erzielten damals 15,9 Prozent, die FDP 6,5 Prozent, die AfD 4,6 Prozent und die Linke 2,8 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 57,0 Prozent. Für die kommende Landtagswahl werden sich voraussichtlich Amtsinhaber Olaf Lies und CDU-Landeschef Sebastian Lechner gegenüberstehen. Derzeit liegen beide Parteien in Umfragen etwa gleichauf bei rund 25 Prozent, während die AfD zuletzt auf etwa 20 Prozent kam und eigene Regierungsansprüche formuliert hat.

Kommunalwahlen als Stimmungstest vor der Landtagswahl

Die Kommunalwahlen in Niedersachsen gelten ein Jahr vor der Landtagswahl als wichtiger Hinweis darauf, wie stabil die Unterstützung für die rot-grüne Landesregierung ist. Entscheidend ist, ob SPD und Grüne ihre bisherige Stellung in Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten halten oder verlieren. Besonders aufmerksam beobachtet werden dabei größere Städte wie Hannover, Wolfsburg, Braunschweig und Oldenburg, weil sie traditionell eine hohe politische Signalwirkung für landesweite Trends haben.

Die Wahl findet in einer Phase statt, in der sich die Parteien auf Bundes- und Landesebene mit einer erstarkten AfD auseinandersetzen müssen. Dass der AfD-Landesverband inzwischen als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt geführt wird und einzelne Kandidaten wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue ausgeschlossen wurden, markiert eine neue Qualität im Umgang staatlicher Institutionen mit der Partei. Zugleich ist offen, ob diese rechtliche Einstufung ihre kommunale Verankerung schwächt oder ob Protestwähler der Partei zusätzlich Unterstützung geben.

Industriekrise und lokale Verantwortung

Eine Besonderheit dieser Kommunalwahlen ist die enge Verflechtung von Landespolitik und Wirtschaftslage im Automobilsektor. Die Krise beim Volkswagen-Konzern betrifft mit potenziellen Werkschließungen in Hannover und Emden sowie dem Stammsitz Wolfsburg zentrale Standorte des Landes. Vor Ort erwarten viele Beschäftigte und Zulieferer, dass Kommunalpolitiker frühzeitig Strategien für wirtschaftliche Transformation, Sicherung von Arbeitsplätzen und alternative Industrien entwickeln. Die Wahlergebnisse werden zeigen, welchen Parteien die Wähler diese Verantwortung am ehesten zutrauen.

Hannover und das Kräfteverhältnis der Parteien

Die Oberbürgermeisterwahl in Hannover hat mit Blick auf die SPD besondere Bedeutung. Dass die Sozialdemokraten 2019 ihre jahrzehntelange Dominanz verloren haben, wirkt bis heute nach. Sollte sich der Vorsprung des amtierenden Grünen-Oberbürgermeisters bestätigen und die SPD erneut schwach abschneiden, könnte dies innerparteiliche Debatten um strategische Ausrichtung und Personal weiter anheizen. Parallel dazu wird beobachtet, ob die AfD an ihre bundespolitischen Zugewinne anknüpfen und ihr Ergebnis von 2021 deutlich ausbauen kann. Kommunale Mandate würden ihr zusätzliche Plattformen bieten, um im Vorfeld der Landtagswahl eigene Regierungsansprüche zu unterstreichen.

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