Berlin-Wahl: Prosor fordert Brandmauer gegen Antisemitismus
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 11:20 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, fordert angesichts der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus eine „Brandmauer“ gegen Judenhass. In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ warf er der Linken als Wahlsiegerin in Berlin schweren Antisemitismus vor.
Prosor kritisiert Vorfälle bei der Linken
„Der Judenhass sitzt tief in der Partei Die Linke, und im vergangenen Jahr war er nicht mehr zu übersehen“, sagte Prosor. Er verwies unter anderem auf Vorfälle im Jugendflügel, israelfeindliche Demonstrationsaufrufe und die Anwesenheit eines PFLP-Aktivisten bei einer Wahlfeier.
„Das ist kein Ausrutscher. Das ist ein Muster“, erklärte der Botschafter. Die Partei könne nicht gleichzeitig den Schutz jüdischer Räume befürworten und der Polizei Mittel entziehen wollen, während sie die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance von Antisemitismus ablehne.
Forderung nach überprüfbaren Maßnahmen
Die IHRA-Definition bezeichnete Prosor als Standardinstrument zur Identifizierung und Bekämpfung von Judenhass. Er forderte alle Parteien auf, eine Brandmauer gegen Antisemitismus zu errichten, bis „echte Taten - und nicht nur Worte“ folgten.
„Man kann Hass nicht bekämpfen, während man ihm eine Plattform bietet“, sagte Prosor. Die Linke hat die Berliner Abgeordnetenhauswahl gewonnen und strebt Gespräche mit SPD und Grünen über eine mögliche Regierungsbildung an.
Die Forderung fällt in eine politisch besonders sensible Phase: Die Linke hat die Berliner Abgeordnetenhauswahl gewonnen und strebt eine Regierungsbildung mit Grünen und SPD an. Damit wird der Umgang mit Antisemitismus nicht nur zu einer innerparteilichen Frage, sondern zu einer möglichen Bedingung für die Regierungsfähigkeit der Partei.
Im Zentrum steht der Konflikt zwischen dem Schutz jüdischen Lebens und der Auseinandersetzung über Israels Politik. Die IHRA-Arbeitsdefinition wird von deutschen staatlichen Stellen häufig als Orientierung genutzt, ist innerhalb der politischen Linken jedoch umstritten. Kritiker befürchten, dass eine scharfe Israelkritik in antisemitische Deutungsmuster übergeht; Befürworter einer engeren Definition warnen davor, legitime Kritik an der israelischen Regierung pauschal zu delegitimieren.
Politische Folgen für Berlin
Die Debatte hat konkrete Auswirkungen auf die geplanten Sondierungen. SPD und Grüne müssen abwägen, ob öffentliche Distanzierungen der Linken ausreichen oder verbindliche Regeln, Sanktionen und personelle Konsequenzen verlangt werden. Für die Linke wiederum entscheidet sich, ob sie unterschiedliche Positionen im Landesverband in eine belastbare Regierungslinie überführen kann.
Für jüdische Berlinerinnen und Berliner ist die Auseinandersetzung vor allem unter dem Gesichtspunkt des Schutzes vor Bedrohungen, Ausgrenzung und politischer Normalisierung von Judenhass relevant. Die Diskussion über eine „Brandmauer“ zielt deshalb nicht nur auf Koalitionsarithmetik, sondern auf die Frage, welche Mindeststandards Parteien in Regierung und Parlament praktisch durchsetzen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Antisemitismus-Vorwürfe: Linke weist Vorhaltungen von Israels Botschafter zurück“ (22.09.2026)
Der Beitrag bestätigt Prosors Vorwürfe und stellt ihnen die Zurückweisung durch die Berliner Landesparteichefin Kerstin Wolter gegenüber. Anders als die Forderung des Botschafters liegt der Schwerpunkt auf der innerparteilichen Gegenposition, wonach das Existenzrecht Israels und der Schutz jüdischen Lebens zur Beschlusslage der Linken gehören.
ZDFheute: „Dort liegt jetzt die Verantwortung: SPD-Spitze wird bei Antisemitismus in der Linken deutlich“ (23.09.2026)
ZDFheute ordnet die Debatte in die geplante rot-grün-rote Regierungsbildung ein und beschreibt den Druck von SPD und Grünen auf die Wahlsiegerin. Der Beitrag setzt damit einen anderen Schwerpunkt als Prosors grundsätzliche Forderung: Im Mittelpunkt stehen konkrete politische Konsequenzen, mögliche Sanktionen und die Frage, ob die Koalitionsgespräche daran scheitern könnten.
Übereinstimmung besteht darin, dass antisemitische Parolen und Gewaltaufrufe keinen Platz in der Politik haben sollen. Unterschiedlich bewertet werden die Vorwürfe gegen die Linke und die Frage, ob öffentliche Distanzierungen, Parteibeschlüsse oder nachprüfbare Maßnahmen den geforderten Schutz jüdischen Lebens gewährleisten.
