Höhere Wahlbeteiligung: Kommunalwahl in Niedersachsen wird zum Stimmungstest
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 16:09 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Niedersachsen zeichnet sich bei der laufenden Kommunalwahl eine höhere Beteiligung als vor fünf Jahren ab.
Millionen Wahlberechtigte entscheiden über Kommunalpolitik
Von der Nordseeküste bis zum Harz waren rund 6,3 Millionen Menschen aufgerufen, in Landkreisen, Städten und Gemeinden neue Kommunalvertretungen zu wählen. Neben Räten und Kreistagen werden auch Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte bestimmt. Insgesamt geht es um mehr als 29.000 Sitze und über 68.000 Kandidaturen in dem Flächenland.
Wahlbeteiligung liegt zur Mittagszeit über Niveau von 2021
Bis zum Mittag meldete die Landeswahlleitung eine leicht gestiegene Beteiligung. Bis 12.00 Uhr gaben 24,60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab und damit 3,31 Prozentpunkte mehr als bei der Kommunalwahl vor fünf Jahren zur gleichen Zeit. 2021 hatte die Beteiligung bis Mittag bei 21,29 Prozent gelegen und lag am Ende bei 57,0 Prozent.
Kommunalwahl als Stimmungstest für Parteien
Der Urnengang gilt als wichtiger Stimmungstest im von Rot-Grün regierten Niedersachsen vor der nächsten Landtagswahl. Eine Woche nach dem AfD-Erfolg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und eine Woche vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wird besonders darauf geachtet, wie die AfD in einem westdeutschen Flächenland abschneidet. Bei der Kommunalwahl 2021 hatte die Partei auf Kreisebene 4,6 Prozent erreicht.
AfD-Kandidaten wegen Verfassungstreue ausgeschlossen
Inzwischen wird der AfD-Landesverband in Niedersachsen vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt geführt, gegen diese Einstufung geht die Partei juristisch vor. Vier AfD-Kandidaten wurden wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue nicht zur Kommunalwahl zugelassen. Unter ihnen ist der AfD-Landesvize Stephan Bothe, der nicht als Landrat im Landkreis Lüneburg antreten darf.
Erste landesweite Wahl unter Ministerpräsident Olaf Lies
Die Kommunalwahlen sind die ersten landesweiten Wahlen, seit Olaf Lies im vergangenen Jahr das Amt des Ministerpräsidenten von Parteikollege Stephan Weil übernommen hat. Lies gab seine Stimme in seiner Heimatgemeinde Sande im Landkreis Friesland ab. Er betonte dabei, es gehe bei der Kommunalwahl um Persönlichkeiten vor Ort und Entscheidungen, die direkt die eigene Gemeinde, Stadt oder den Landkreis betrefen.
Bundespolitische Beobachtung und Blick auf CDU und SPD
Auch die Bundespolitik richtet den Blick nach Niedersachsen. Vor allem in der CDU wird verfolgt, ob Kanzler Friedrich Merz angesichts schwacher Umfragewerte seiner Partei in Mecklenburg-Vorpommern und nach dem Rückschlag in Sachsen-Anhalt auf ein besseres Ergebnis hoffen kann. Für die SPD, die im Bund mitregiert, ist die Wahl ebenfalls von großer Bedeutung, insbesondere mit Blick auf ihre Stellung in der Landeshauptstadt Hannover.
Signalwirkung der Oberbürgermeisterwahl in Hannover
In Hannover könnte die Oberbürgermeisterwahl Signalwirkung für die Sozialdemokraten haben. 2019 hatte die SPD nach mehr als 70 Jahren Vorherrschaft in der Stadt den Posten an den Grünen-Politiker Belit Onay verloren, der auch jetzt in Umfragen zur OB-Wahl vorn liegt. Sollte die SPD eine mögliche Stichwahl verpassen und landesweit schlecht abschneiden, könnten innerparteiliche Debatten um den niedersächsischen Vizekanzler und Bundesparteichef Lars Klingbeil an Fahrt gewinnen. Mögliche Stichwahlen sind landesweit für den 27. September vorgesehen.
Einfluss von VW-Standorten und AfD-Stärke
Besondere Aufmerksamkeit gilt neben Hannover auch Emden als möglichen VW-Standorten, an denen in den kommenden Jahren ein Werk geschlossen werden könnte. Am Stammsitz von Volkswagen in Wolfsburg war die AfD bei der Bundestagswahl 2025 fast so stark wie die SPD, beide lagen jedoch hinter der CDU. Der jüngste Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt könnte der Partei zusätzlichen Rückenwind geben.
Rückblick auf die Kommunalwahl 2021 und aktuelle Umfrage
Bei der Kommunalwahl 2021 war die CDU auf Kreisebene mit 31,7 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der SPD mit 30,0 Prozent. Die Grünen kamen vor fünf Jahren auf 15,9 Prozent, die FDP auf 6,5 Prozent, die AfD auf 4,6 Prozent und die Linke auf 2,8 Prozent. Für die kommende Landtagswahl in Niedersachsen wird aller Voraussicht nach ein Duell zwischen Amtsinhaber Olaf Lies und CDU-Landeschef Sebastian Lechner erwartet. Eine jüngst veröffentlichte Insa-Umfrage zur politischen Stimmung im Land sah die SPD mit 26 Prozent vor der CDU mit 22 Prozent, während die AfD mit 21 Prozent knapp hinter der CDU lag. Insa verweist dabei auf eine statistische Fehlertoleranz von 3,1 Prozentpunkten und darauf, dass Umfragen keine Prognosen, sondern Momentaufnahmen der politischen Stimmung sind.
Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist
Die Landeswahlleitung rechnet damit, dass erste Ergebnisse der Direktwahlen für Bürgermeister und andere Spitzenämter frühestens ab 19.00 Uhr vorliegen. Aus den Landkreisen werden erste Resultate ab etwa 22.30 Uhr erwartet. Die vorläufigen landesweiten Kreisergebnisse sollen voraussichtlich am Montagmorgen vorliegen, wie bereits bei den Kommunalwahlen im Jahr 2021.
Kommunalwahl als Test für Parteienlandschaft
Die niedersächsische Kommunalwahl findet in einer politisch aufgeheizten Lage statt. Die Einstufung des AfD-Landesverbandes als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt durch den Verfassungsschutz und der Ausschluss mehrerer AfD-Kandidaten wegen Zweifeln an ihrer Verfassungstreue markieren eine juristisch und politisch bedeutsame Zuspitzung. Zugleich wirkt der jüngste Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt als Hintergrundfolie und verstärkt die Aufmerksamkeit auf mögliche Zugewinne oder Verluste der Partei in einem westdeutschen Flächenland.
Bedeutung für Landes- und Bundespolitik
Für Niedersachsen ist der Urnengang mehr als eine Routineabstimmung über kommunale Fragen. Er ist der erste landesweite Stimmungstest seit dem Amtswechsel von Stephan Weil zu Olaf Lies an der Regierungsspitze und fällt in eine Phase, in der die SPD ihre Stellung in traditionellen Hochburgen wie Hannover verteidigen muss. Besonders die Oberbürgermeisterwahl in der Landeshauptstadt gilt als Signal für die Zukunftsfähigkeit der Sozialdemokraten im urbanen Raum. Gleichzeitig beobachtet die CDU genau, ob sich ihre schwierige Lage in ostdeutschen Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern auch im Westen widerspiegelt oder ob sich ein Gegenakzent setzen lässt.
Wirtschaftlicher Druck und lokale Konsequenzen
Zusätzliche Brisanz entsteht durch die Lage bei Volkswagen, wo Standorte wie Hannover und Emden von möglichen Werksschließungen betroffen sein könnten. Kommunalpolitische Entscheidungen zu Infrastruktur, Ansiedlungen und sozialer Abfederung bekommen damit unmittelbare wirtschaftliche Relevanz. Die höhere Wahlbeteiligung zur Mittagszeit deutet darauf hin, dass viele Menschen die Abstimmung als Gelegenheit nutzen, um auf diese Gemengelage zu reagieren. Für die Leserinnen und Leser im Land bedeutet die Wahl, dass über zentrale Fragen der lokalen Daseinsvorsorge entschieden wird – von Verkehrsprojekten über Bildungsangebote bis zur Frage, wie Kommunen mit politischer Polarisierung umgehen.
