CDU-Wahlfiasko: Merz stemmt sich gegen Sturz – Kursdebatte spitzt sich zu
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 04:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach einer Serie schmerzhafter Niederlagen bei drei Landtagswahlen im September berät die CDU/CSU-Bundestagsfraktion heute mit Kanzler und Parteichef Friedrich Merz über Konsequenzen für Kurs und Führung der Partei.
Union sucht Richtung nach Niederlagenserie
Auslöser der Krisensitzung sind die deutlichen Verluste der CDU in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, die teils als historische Einschnitte bewertet werden. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fordert von seiner Partei eine schonungslose Analyse und einen Neustart. Das habe auch mit Personen zu tun, sagte er im MDR.
Thüringens Ministerpräsident und CDU-Landeschef Mario Voigt spricht von einem historischen Wendepunkt. Ein Weiter-so könne es nicht geben, nötig sei eine Generalinventur der Berliner Regierungspolitik, sagte er am Rande einer Klausur der CSU-Landtagsfraktion im Kloster Banz. Dass die CDU wie nun in Mecklenburg-Vorpommern aus einem Landtag fliege, sei eigentlich unvorstellbar. Zugleich betonte er, normale Menschen müssten sich das normale Leben wieder leisten können, etwa beim Tanken, Heizen, Wohnen und Einkaufen.
Rufe nach Stabilität und Rückendeckung für Merz
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst, der als möglicher Nachfolger von Merz im Kanzleramt gilt, lehnt Personaldebatten weiter ab. Man brauche eine stabile Bundesregierung, sagte er beim „Ständehaus-Treff“ der „Rheinischen Post“. Personaldebatten halte er derzeit nicht für zielführend und verwies auf eine gemeinsame Erklärung der acht CDU-Ministerpräsidenten vom Mittwoch, in der sie Spekulationen über Merz’ Zukunft entgegengetreten und ihm Rückendeckung gegeben hatten.
Merz war bereits nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen in der eigenen Partei stark unter Druck geraten. Trotzdem hatte er unmittelbar nach den krachenden Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin klargestellt, dass er seine beiden Ämter – Kanzler und CDU-Chef – behalten und seinen Reformkurs fortsetzen will.
Wirtschaftsverbände drängen auf Reformen
Unterstützung für den Kurs kommt aus der Wirtschaft. Die Präsidenten der Arbeitgeberverbände (BDA) und des Industrieverbands BDI, Rainer Dulger und Peter Leibinger, stärkten Merz im „Handelsblatt“ den Rücken. Gefragt seien nun Mut, Konsequenz, Handlungswille und Führung, schrieben sie. Konkret forderten sie, die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte, die sogenannte Rente ab 63, müsse wie geplant abgeschafft werden.
Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Karl-Josef Laumann nannte das Ergebnis der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern einen Weckruf. Er glaube nicht, dass ein Kanzlerwechsel die Lösung sei. Stattdessen seien die Reformen nötig, die erarbeitet worden seien.
Merkel und Umfragen zum Volksparteistatus
Auch die frühere CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich zu den Wahlniederlagen. Bei der Eröffnung einer Kunstausstellung im Bundestag erinnerte sie an den ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer. Von ihm könne man übernehmen, alle Menschen anzusprechen und sich der eigenen Werte bewusst zu sein. Adenauer habe Brücken für nötig gehalten – zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Männern und Frauen, Umwelt und Wirtschaft, Stadt und Land, zwischen Konfessionen und Generationen. Merkel fügte hinzu, heute gehe es auch um Brücken zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte.
Eine YouGov-Umfrage nach den Landtagswahlen zeigt, dass nur noch etwa jeder Dritte in Deutschland die CDU als Volkspartei einstuft. 46 Prozent sehen die Christdemokraten nicht mehr in dieser Rolle, rund 21 Prozent sind unentschieden oder machen keine Angabe. Am Wahlabend hatte AfD-Chefin Alice Weidel erklärt, ihre Partei sei immer breiter in der Gesellschaft verankert und habe die CDU als Volkspartei verdrängt.
Kontroverse um Brandmauer zur AfD
Der CSU-Vize Manfred Weber mahnt, die Bundesregierung solle jetzt schlicht regieren, statt Personaldebatten zu führen. Die Debatte über einen Kanzlertausch müsse sofort beendet werden, sagte er der Mediengruppe Bayern. Er forderte eine positive Zukunftserzählung.
Zugleich stellte Weber die bisherige Abgrenzungsstrategie zur AfD infrage. Man müsse Schluss machen mit einer theoretischen Brandmauer und endlich beginnen, den Brand zu löschen, sagte er. Es gelte, die innere Zerrissenheit der AfD aufzuzeigen. Auch CSU-Chef Markus Söder könnte sich nach der Herbstklausur der CSU-Landtagsfraktion in Bad Staffelstein noch zur CDU-Krise äußern; eine Pressekonferenz ist für 12.15 Uhr geplant.
Opposition und neue Bündnisse im Nordosten
Die BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht kritisierte auf X den Kurs des Kanzlers. Die Menschen hätten Merz satt, schrieb sie. Es zeuge von Realitätsverweigerung und Verachtung gegenüber den Wählern, dass er sich an sein Amt klammere, ohne Selbstkritik oder Zeichen der Demut zu zeigen.
In Mecklenburg-Vorpommern hat sich der SPD-Parteivorstand am Tag nach der Wahl hinter den Vorschlag von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gestellt, mit Linken und Grünen über ein Regierungsbündnis zu sprechen. Bisher regiert dort eine Zweierkoalition aus SPD und Linken, die nun keine Mehrheit mehr hat.
Folgen in den Landesverbänden der CDU
Nach dem Ausscheiden der CDU aus dem Schweriner Landtag zog Spitzenkandidat Daniel Peters Konsequenzen und trat als Landeschef zurück, ebenso die Generalsekretärin Katy Hoffmeister. Der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bundeskanzleramt, Philipp Amthor, soll das Amt kommissarisch übernehmen.
Auch in Berlin stellen sich die politischen Kräfte neu auf. Die Linke setzt nach ihrem Wahlsieg auf einen zügigen Beginn von Sondierungsgesprächen zur Regierungsbildung mit Grünen und SPD. Sollte ein Parteitag am Freitag zustimmen, könnten die Gespräche in der kommenden Woche starten, sagte Landesgeschäftsführer Bjoern Tielebein.
Neuaufstellung der CDU in Berlin
Die Berliner CDU sieht nach den Verlusten die Linke am Zug, bereitet aber zugleich eine Neuaufstellung der eigenen Fraktion vor. Der Landesvorstand nominierte den bisherigen Finanzsenator und Spitzenkandidaten Stefan Evers einstimmig für den Vorsitz der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Damit beginnt für die Christdemokraten in der Hauptstadt eine Phase der Opposition und innerparteilichen Neuorientierung.
Historische Niederlagen und strategische Zäsur
Die CDU erlebt mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eine ihrer schwersten Krisen seit Gründung der Bundesrepublik. Erstmals scheitert die Partei in Mecklenburg-Vorpommern an der Fünf-Prozent-Hürde und verliert damit jede parlamentarische Vertretung im Landtag, während sie in Berlin klar hinter der Linken und weiteren Parteien zurückbleibt. Die dpa-Meldung macht deutlich, dass führende Unionspolitiker diese Serie als historischen Wendepunkt begreifen und einen Kurswechsel verlangen.
Machtfrage um Merz und innerparteiliche Bruchlinien
Die zentrale Konfliktlinie verläuft zwischen einem "Weiter so" unter Kanzler und Parteichef Friedrich Merz und Forderungen nach einer Generalinventur der Regierungspolitik. Ministerpräsidenten wie Michael Kretschmer und Mario Voigt drängen auf eine schonungslose Analyse und stellen auch die personelle Spitze indirekt infrage, während Hendrik Wüst und andere Länderchefs ausdrücklich Stabilität betonen und Personaldebatten zurückweisen. Der Wirtschaftsflügel und Arbeitgeberverbände stützen Merz, weil sie seinen Reformkurs – etwa bei der Rente mit 63 – als notwendig für die Wettbewerbsfähigkeit sehen, während Stimmen aus der politischen Konkurrenz ihm mangelnde Selbstkritik vorhalten.
Volksparteistatus, AfD-Druck und Koalitionsoptionen
Die YouGov-Zahlen zum geschrumpften Volksparteistatus der CDU und der Hinweis von AfD-Chefin Alice Weidel auf eine stärkere Verankerung ihrer Partei unterstreichen, dass die Union nicht nur unter temporären Stimmungsschwankungen leidet, sondern vor strukturellen Problemen steht. Parallel verschieben sich Koalitionsoptionen: In Mecklenburg-Vorpommern rückt ein Bündnis von SPD, Linken und Grünen in den Fokus, in Berlin bereitet die Linke Sondierungen mit Grünen und SPD vor. Für die Leser bedeutet dies, dass sich sowohl die programmatische Ausrichtung der CDU als auch die Regierungszuschnitte in wichtigen Bundesländern spürbar verändern und damit zentrale Fragen wie soziale Sicherheit, Energiepreise und Mieten neu verhandelt werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Nach den Landtagswahlen: Merz spielt auf Zeit“ (20.09.2026)
Der Beitrag schildere, wie Friedrich Merz unmittelbar am Wahlabend mit einer frühen Erklärung Spekulationen über einen Rückzug oder eine Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz habe eindämmen wollen. Die Analyse stelle heraus, Merz setze auf Zeitgewinn und hoffe mittelfristig auf bessere wirtschaftliche Daten, während gleichzeitig darauf hingewiesen werde, dass statistische Verbesserungen die Unzufriedenheit vieler Bürger etwa bei Energie- und Lebenshaltungskosten bislang kaum minderten.
deutschlandfunk.de: „Wahlpleiten für Merz-CDU – Durchhalteparolen nach dem Desaster“ (21.09.2026)
Der Bericht zeichne die Wahlverluste der CDU in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nach und betone, dass das Ausscheiden aus dem Schweriner Landtag als beispielloses Scheitern einer Volkspartei bewertet werde. Kommentierende Stimmen ordneten Merz’ Auftritt am Wahlabend als bewusste Entscheidung ein, im Amt zu bleiben und Kritik auszusitzen, während zugleich darauf verwiesen werde, dass es in der CDU derzeit keine klare personelle Alternative gebe und deshalb zunächst keine unmittelbaren Machtverschiebungen erwartet würden.
Medienübergreifend werde damit übereinstimmend hervorgehoben, dass die CDU vor einer tiefen strategischen Krise stehe, in der Merz zwar auf Fortsetzung seines Reformkurses setze, die Partei aber zwischen Stabilitäts- und Erneuerungsforderungen zerrieben werde. Unterschiede zeigten sich vor allem darin, wie stark die Berichte die Möglichkeit weiterer innerparteilicher Konflikte und den wachsenden Einfluss anderer Akteure, etwa ostdeutscher Landesregierungen oder der SPD, gewichten.
