Bundeskanzler Merz bekräftigt Koalition mit SPD und Kurs trotz CDU-Umfragetief
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 16:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBundeskanzler Friedrich Merz will trotz des drastischen CDU-Verlusts bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, drohender weiterer Wahlniederlagen und schlechter Umfragewerte an der Koalition mit der SPD und seinem Reformkurs festhalten.
Merz bekräftigt Regierungsauftrag und Reformkurs
Merz sagte beim Unternehmertag des Handelsverbands BGA in Berlin, Ziel sei es, mit der bestehenden Koalition erfolgreich zu sein, und er werde alles tun, um dies zu ermöglichen. Die Bundesregierung sei für vier Jahre gewählt und wolle diese Zeit nutzen, um Deutschland aus einer schwierigen Phase herauszuführen. Das bittere Wahlergebnis vom 6. September in Sachsen-Anhalt ändere am eingeschlagenen Reformkurs nach seinen Worten nichts.
Spekulationen über eine Entlassung von Arbeitsministerin Bärbel Bas und eine Minderheitsregierung der Union wies der Kanzler zurück. Von solchen Überlegungen halte er wenig, es seien Hirngespinste zu glauben, Reformen ließen sich im Alleingang durch den Bundestag bringen.
Ankündigung von Entlastungen bei hohen Spritpreisen
Wenige Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus kündigte Merz Entlastungen für Verbraucher angesichts der hohen Spritpreise an. Er betonte, die Regierung müsse handeln, das genaue Instrumentarium sei aber noch nicht festgelegt. Die Öffentlichkeit könne jedoch sehr bald mit einem Vorschlag rechnen.
Die CDU hatte in Sachsen-Anhalt mit 17,2 Prozent eine schwere Niederlage erlitten. Für die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern sehen Umfragen die Partei derzeit bei lediglich 7 Prozent. Auch bundesweit befindet sich die Union in einem historischen Umfragetief.
Historisches Umfragetief der Union
In einer aktuellen Sonntagsfrage des Instituts YouGov kommen CDU und CSU zusammen auf 18 Prozent. Würde am nächsten Sonntag ein neuer Bundestag gewählt, läge die AfD mit 29 Prozent an erster Stelle. In derselben Befragung erreichen die Grünen 16 Prozent, die SPD 13 Prozent, die Linke 10 Prozent, die FDP 5 Prozent und das Bündnis Sahra Wagenknecht 4 Prozent.
Ein neues RTL/ntv-„Trendbarometer“ berichtet zudem von nur noch 10 Prozent Zufriedenheit mit der Arbeit des Kanzlers, drei Prozentpunkte weniger als in der Vorwoche. Vor diesem Hintergrund wird den anstehenden Wahlen eine besondere Bedeutung für die politische Zukunft von Merz zugeschrieben.
Innerparteilicher Druck und Rückendeckung
Merz hat das CDU-Präsidium für den Wahlabend der beiden anstehenden Abstimmungen zu einer formellen Sitzung nach Berlin eingeladen, um Ergebnisse und Konsequenzen zu beraten. Aus Parteikreisen heißt es, dabei gehe es auch um seine weitere Zukunft im Kanzleramt. Es gibt Spekulationen, die CDU-Landeschefs könnten den Kanzler ablösen.
CSU-Chef Markus Söder erwartet hingegen eine breite Rückendeckung für Merz in der Präsidiumssitzung. Deutschland dürfe jetzt nicht in eine Phase des Schlingerns geraten, sagte der bayerische Ministerpräsident und warb für Zusammenhalt und Stärke. Außenminister Johann Wadephul betonte nach einer Kabinettssitzung, die Koalition habe den gemeinsamen Willen, die aktuelle Phase durchzustehen und die erforderlichen Reformprojekte anzugehen.
Warnungen aus den Landesverbänden
Der Bremer CDU-Landesvorsitzende Heiko Strohmann warnte vor der Gefahr eines bundesweiten Absturzes der Union. Entwicklungen in der Parteienlandschaft in Ostdeutschland könnten seiner Einschätzung nach auch in westdeutschen Städten eintreten. Er forderte seine Partei und Merz auf, sich stärker in die Lage der Menschen in Ostdeutschland hineinzuversetzen und deren Belange ernst zu nehmen.
Strohmann sagte, die CDU Deutschland blicke auf den Osten noch immer mit einer westdeutschen Brille. Merz sei eher Symptom als Ursache der Probleme der Partei. Setze die Union ihren Kurs unverändert fort, sieht Strohmann große Risiken, dass sie im weltweiten gesellschaftlichen Wandel an Bedeutung verlieren und ähnlich wie konservative Parteien in anderen europäischen Ländern untergehen könnte.
Hoher Druck vor Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Brandenburgs stellvertretender CDU-Fraktionschef Frank Bommert forderte schnelle Lösungen und warnte, dass bloße Sonntagsreden nicht ausreichten. Einen Rücktritt des Kanzlers hält er jedoch nicht für sinnvoll, da dieser zwar kurzfristig beruhigen, aber die grundlegenden Probleme nicht lösen würde.
Das schlechte Abschneiden der CDU in Sachsen-Anhalt hat den Druck auf Merz deutlich erhöht. Nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin könnte sich entscheiden, ob er sich im Amt halten kann. Der stellvertretende CDU-Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern, Tino Schomann, hatte bereits den Rücktritt des Kanzlers verlangt.
Spekulationen über mögliche Nachfolger
Seit Wochen wird über einen möglichen Kanzlertausch spekuliert. Als mögliche Nachfolger von Merz werden der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst und der bayerische Regierungschef Markus Söder genannt. Ob und wie schnell es zu Personalentscheidungen kommt, dürfte maßgeblich von den Ergebnissen der anstehenden Wahlen und der weiteren Entwicklung der Umfragen abhängen.
Merz zwischen Regierungsauftrag und Parteidruck
Die Aussagen von Friedrich Merz sind vor allem als Signal an zwei Adressatenkreise zu verstehen: an die Bevölkerung, dass die Bundesregierung trotz Wahlschlappen und Umfragetief handlungsfähig bleiben will, und an die eigene Partei, dass ein Kurswechsel an der Koalitionsfrage nicht zur Debatte steht. Der Kanzler stellt den verfassungsmäßigen Auftrag der auf vier Jahre gewählten Regierung in den Mittelpunkt und verbindet ihn mit dem Versprechen eines Reformkurses, der das Land aus einer als schwierig beschriebenen Phase führen soll. Damit knüpft er an die Erwartung an, dass Stabilität und Berechenbarkeit auch in Zeiten politischer Verwerfungen als Wert an sich gelten.
Strukturelle Krise der Union und Ost-West-Spannungen
Die schwachen Ergebnisse in Sachsen-Anhalt und die schlechten Umfragewerte in Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit verweisen auf eine tieferliegende strukturelle Krise der Union. Hinweise aus ostdeutschen Landesverbänden, die eine „westdeutsche Brille“ der Parteiführung beklagen, deuten auf eine Wahrnehmungslücke zwischen Bundespartei und Regionen hin. Die Warnung vor einem möglichen „Untergang“ konservativer Parteien orientiert sich an Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, in denen traditionelle Volksparteien an neue Kräfte verloren haben. Die Union steht damit vor der Aufgabe, zugleich Regierungspolitik zu verantworten und ihre gesellschaftliche Verankerung in verschiedenen Milieus neu zu justieren.
Mögliche Folgen für Koalition, Reformen und politische Landschaft
Die anstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben eine doppelte Bedeutung: Sie gelten als Stimmungsbild über die Arbeit der Bundesregierung und als innerparteiliches Vertrauensvotum für Merz. Innerhalb der CDU reichen die Reaktionen von Rücktrittsforderungen bis zu klaren Loyalitätsbekundungen, was auf ein Spannungsverhältnis zwischen Stabilitätsargumenten und dem Wunsch nach personeller Erneuerung hinweist. Zugleich erhöht das Umfragetief der Union und der Vorsprung der AfD in bundesweiten Befragungen den Druck, Reformprojekte so zu gestalten, dass sie sowohl wirtschaftliche Sorgen als auch sicherheits- und sozialpolitische Erwartungen adressieren. Für Wählerinnen und Wähler geht es damit um die Frage, ob die Union als Regierungspartei ihre Rolle als zentrale Kraft der politischen Mitte behaupten kann.
