Berlin-Wahl, Vergesellschaftung

Berlin-Wahl 2026: Linke will mit Vergesellschaftung ins Rote Rathaus

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 15:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die Linke ist erstmals stärkste Kraft im Berliner Abgeordnetenhaus und will mit Grünen und SPD eine Regierung bilden – zentrale Bedingung ist die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Zugleich erhöhen Vorfälle bei Wahlpartys den Druck auf die Partei, sich klar gegen Antisemitismus und extremistische Milieus zu positionieren.

  • Elif Eralp könnte in Berlin erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden.  - Bild: Britta Pedersen/dpa
    Elif Eralp könnte in Berlin erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden. - Bild: Britta Pedersen/dpa
  • Die politische Zukunft von SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach (2. von rechts) ist offen.  - Bild: Kay Nietfeld/dpa
    Die politische Zukunft von SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach (2. von rechts) ist offen. - Bild: Kay Nietfeld/dpa
  • CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers kann sich nach der Berlin-Wahl Gespräche mit den Parteien der Mitte vorstellen.  - Bild: Kay Nietfeld/dpa
    CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers kann sich nach der Berlin-Wahl Gespräche mit den Parteien der Mitte vorstellen. - Bild: Kay Nietfeld/dpa
  • Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf stellt Bedingungen für eine Koalition mit der Linken. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
    Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf stellt Bedingungen für eine Koalition mit der Linken. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa
Elif Eralp könnte in Berlin erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden.  - Bild: Britta Pedersen/dpa Die politische Zukunft von SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach (2. von rechts) ist offen.  - Bild: Kay Nietfeld/dpa CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers kann sich nach der Berlin-Wahl Gespräche mit den Parteien der Mitte vorstellen.  - Bild: Kay Nietfeld/dpa Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf stellt Bedingungen für eine Koalition mit der Linken. - Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Nach ihrem Wahlsieg bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus strebt die Linke eine Regierungsbildung mit Grünen und SPD an und pocht dabei auf eine Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne.

Linke nimmt Kurs auf das Rote Rathaus

Der geschäftsführende Landesvorstand der Linken in Berlin hat empfohlen, Grünen und SPD Sondierungsgespräche anzubieten. Das kündigte Spitzenkandidatin Elif Eralp an, die als erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei ins Rote Rathaus einziehen könnte. Am Abend soll der erweiterte Landesvorstand beraten, am Freitag ein Parteitag – Eralp rechnet mit einem klaren Mandat für Gespräche.

In möglichen Koalitionsverhandlungen will die 45-Jährige die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gegen Entschädigung ins Zentrum stellen. Sie verweist auf den Volksentscheid von 2021 und spricht von einem demokratischen Auftrag an alle Parteien, die Enteignung großer Immobilienkonzerne umzusetzen.

Vergesellschaftung als Kernprojekt

Eralp betont, die Berlinerinnen und Berliner hätten sich für die Vergesellschaftung entschieden und sie sei angetreten, diesen Auftrag nun als Instrument gegen die Mietenkrise und gegen Spekulation mit Wohnraum umzusetzen. Zugleich stellt sie in Aussicht, dass eine künftige Regierung Kompromisse eingehen müsse.

Sie erinnert daran, dass sich SPD- und Grünen-Parteitage in der Vergangenheit grundsätzlich für Vergesellschaftung ausgesprochen hätten und will mit diesem Ziel in die Verhandlungen gehen. Allerdings hat SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach Enteignungen ausdrücklich abgelehnt, was die Gespräche erschweren dürfte.

Wahlergebnis stellt Kräfteverhältnisse auf den Kopf

Bei der Wahl am Sonntag wurde die Linke nach vorläufigem Ergebnis mit 25,7 Prozent klar stärkste Kraft und verdoppelte damit ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl 2023. Dahinter folgen CDU mit 18,8 Prozent, AfD mit 16,3 Prozent, Grüne mit 14,3 Prozent und SPD mit 12,1 Prozent.

Die bisherige Koalition aus CDU und SPD verliert damit ihre Mehrheit. Rechnerisch möglich sind nun Dreierbündnisse aus Linke, Grünen und SPD oder aus CDU, Grünen und SPD. Mit der AfD will keine Partei koalieren. Im neuen Landesparlament entfallen auf die Linke 47 Sitze, auf die CDU 34, auf die AfD 29, auf die Grünen 26 und auf die SPD 22 Mandate.

Debatte über Vorfälle bei Wahlpartys

Die Regierungsbildung dürfte auch wegen Vorfällen bei Linke-Wahlpartys kein Selbstläufer werden. Grüne und SPD verlangen vor einer Zusammenarbeit ein klares Bekenntnis der Linken gegen Antisemitismus. SPD-Landeschef Krach fordert, Eralp müsse sich eindeutig distanzieren und es müsse Konsequenzen geben, bevor es zu einer Kooperation kommen könne. Auch SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas fordert Konsequenzen.

Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf spricht von dringendem Handlungsbedarf und erklärt, es müsse klar sein, wie die Linke einen problematischen Teil der Partei in die Schranken weisen wolle. Hintergrund sind Gäste auf einer Wahlparty des Linke-Kreisverbands Neukölln, darunter eine bekannte Clan-Größe und ein propalästinensischer Aktivist, dem israelfeindliche Positionen und Nähe zur von der EU als terroristische Organisation eingestuften PFLP zugeschrieben werden.

Distanzierung der Linken-Spitze

Elif Eralp und die Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner distanzieren sich von den Vorfällen. Eralp betont, Gewalt- und Terrorverherrlichung seien absolut inakzeptabel und sie stehe für den Schutz jüdischen Lebens ebenso wie für den Schutz jedes anderen Lebens.

Die Spitzenkandidatin gibt ein Schutzversprechen für die Menschen in der Stadt ab und erklärt, Sicherheit sei ihre oberste Aufgabe und absolute Priorität. Ob diese Erklärungen Grünen und SPD für Koalitionsgespräche ausreichen, bleibt vorerst offen.

SPD nach Wahldebakel im Umbruch

Die Berliner SPD reagiert nach ihrem historisch schlechten Ergebnis mit Selbstkritik. Spitzenkandidat Steffen Krach sagt, die Partei sei jahrzehntelang die „Berlin-Partei“ gewesen, das sei nun nicht mehr der Fall, und spricht von einem notwendigen Wiederaufbau.

Offen ist, wie es mit Krach persönlich weitergeht. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, frühere Regierende Bürgermeisterin, fordert Aufarbeitung und Konsequenzen und wird im neuen Abgeordnetenhaus nicht mehr vertreten sein. Der langjährige Fraktionschef Raed Saleh kritisiert eine Politik der Mitte, die aus seiner Sicht inhalts- und haltungsleer geworden sei.

CDU beobachtet Optionen der Mitte

CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers will ein rechnerisch mögliches Bündnis mit Grünen und SPD im Blick behalten. Er erklärt, seine Partei sei jederzeit bereit, mit den Parteien der gesellschaftlichen Mitte Verantwortung für die Stadt zu übernehmen.

Zugleich verweist Evers darauf, dass zunächst die Linke als Wahlsiegerin Gespräche zur Bildung einer neuen Regierung führen soll. Die CDU verbleibt damit vorerst in Wartestellung, um je nach Ausgang der Sondierungen gegebenenfalls selbst in Koalitionsoptionen einzusteigen.

Historischer Wahlsieg und komplizierte Bündnisse

Der Wahlsieg der Linken mit 25,7 Prozent markiert einen historischen Einschnitt für Berlin: Erstmals wird die Partei stärkste Kraft und erhält damit einen klaren Regierungsauftrag. Zugleich ist die Lage fragmentiert, weil keine Zweierkoalition mehr über eine Mehrheit verfügt. Realistisch sind Dreierbündnisse unter Führung der Linken oder der CDU. Für viele Wählerinnen und Wähler steht damit die Frage im Raum, ob Berlin politisch deutlich nach links rückt oder ob sich eine breitere Koalition der Mitte formiert.

Ein zentrales Konfliktthema ist die von Elif Eralp zur Bedingung erklärten Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Während der Volksentscheid von 2021 dafür ein mehrheitliches Votum geliefert hat, zeigen aktuelle Nachwahlumfragen, dass inzwischen eine relative Mehrheit der Berliner Bevölkerung Enteignungen ablehnt und andere wohnungspolitische Instrumente bevorzugt. Für SPD und Grüne bedeutet das, zwischen eigenen Parteitagsbeschlüssen, der Stimmung ihrer Wählerschaft und den Forderungen der Linken vermitteln zu müssen.

Druck durch Mietenkrise und Vertrauensfragen

Die Debatte um hohe Mieten, Verdrängung und Spekulation bleibt einer der stärksten Treiber für den Aufstieg der Linken. Viele Wähler erwarten spürbare Entlastungen, etwa durch eine konsequente Regulierung des Wohnungsmarktes und stärkere Bautätigkeit. Ob die Vergesellschaftung rechtlich und praktisch umgesetzt werden kann, ist jedoch weiterhin offen und dürfte Jahre in Anspruch nehmen. Parallel dazu geraten Sicherheits- und Vertrauensfragen stärker in den Fokus, seit die Anwesenheit eines Clan-Chefs und eines propalästinensischen Aktivisten auf Linke-Wahlpartys bekannt wurde.

Antisemitismus-Debatte als Koalitionshürde

Die deutliche Distanzierung der Linken-Spitzenkandidatin von Gewalt- und Terrorverherrlichung ist eine notwendige, aber vermutlich nicht hinreichende Voraussetzung für Koalitionsgespräche. SPD und Grüne machen klar, dass sie ein glaubwürdiges Bekenntnis gegen Antisemitismus und sichtbare Konsequenzen verlangen, bevor sie mit der Linken regieren wollen. Für die künftige Regierungsbildung in Berlin bedeutet das, dass nicht nur programmatische Fragen zur Wohn- und Sozialpolitik geklärt werden müssen, sondern auch, ob alle Beteiligten gemeinsame rote Linien gegenüber Extremismus, organisierter Kriminalität und Israel-feindlichen Positionen ziehen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

tagesschau.de: „Mehrheit in Berlin gegen Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne“ (21.09.2026)

Der Bericht hebe hervor, dass zwar die Linke mit einer klaren Vergesellschaftungsagenda die Wahl gewonnen habe, in der Gesamtbevölkerung aber inzwischen eine Mehrheit gegen Enteignungen großer Wohnungsunternehmen sei. Die Analyse stelle heraus, dass nur die Linken-Wählerschaft mehrheitlich dafür sei und dass das Thema in möglichen Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zum zentralen Knackpunkt werden könne. Damit bestätige der Beitrag die politische Bedeutung des Themas, betone aber die Diskrepanz zwischen Wahlversprechen und aktueller Stimmungslage.

merkur.de: „Wirbel um Linken-Wahlparty in Berlin: Terror-Unterstützer neben Bundestagsabgeordnetem fotografiert“ (21.09.2026)

Der Artikel schildere detailliert, wie die Anwesenheit des Clan-Chefs Issa Remmo und eines als Unterstützer der PFLP beschriebenen Aktivisten auf einer Linke-Wahlparty für erhebliche Kritik sorgt. Der Bericht arbeite heraus, dass Vertreter anderer Parteien den Vorgang als verstörendes Signal bewerteten und von der Linken eine klare Abgrenzung von antisemitischen und extremistischen Milieus verlangten. Zugleich werde dargestellt, die Linke betone, keine politischen oder persönlichen Beziehungen zu den Gästen zu haben, womit der Beitrag die Koalitionshürden im Bereich Sicherheit und Antisemitismus unterstreiche.

Medienübergreifend werde deutlich, dass die Linke zwar mit ihrem Vergesellschaftungsversprechen einen starken Mobilisierungseffekt erzielt habe, die konkrete Umsetzung aber auf Skepsis in der Bevölkerung treffe und in Koalitionsverhandlungen umstritten sei. Zugleich zeigten die Berichte, dass die Vorfälle bei Wahlpartys die Vertrauensfrage verschärften und zu zusätzlichen Bedingungen der möglichen Partner für eine Regierungsbildung führen könnten.

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