Koalition, Erntehelfer

Koalition macht 70-Tage-Regel für Erntehelfer dauerhaft

12.04.2026 - 13:51:22 | boerse-global.de

Die Bundesregierung hat die umstrittene Ausnahmeregelung für Erntehelfer festgeschrieben, um Betrieben Planungssicherheit zu geben. Dies geschieht vor dem Hintergrund akuten Arbeitskräftemangels und steigender Lohnkosten.

Koalition macht 70-Tage-Regel für Erntehelfer dauerhaft - Foto: über boerse-global.de

Die Ampel-Koalition hat die umstrittene 70-Tage-Regelung für Saisonarbeitskräfte dauerhaft festgeschrieben. Die Entscheidung soll der Landwirtschaft Planungssicherheit geben – just zum Start der Spargel-Ernte 2026, die unter akutem Arbeitskräftemangel und steigenden Lohnkosten leidet.

Dauerhafte Entlastung für die Landwirtschaft

Die Regel erlaubt es, Saisonkräfte bis zu 70 Tage oder drei Monate im Jahr ohne Sozialversicherungsbeiträge zu beschäftigen. Bislang musste die Ausnahme regelmäßig verlängert werden. Für Betriebe mit arbeitsintensiven Kulturen wie Spargel oder Beeren ist die dauerhafte Einführung ein wichtiger Puffer. Sie sollen so trotz gestiegener gesetzlicher Mindestlöhne wettbewerbsfähig bleiben.

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Die Ankündigung kommt zum denkbar passenden Zeitpunkt: Am 8. April wurde in Norddeutschland offiziell die Spargel-Saison 2026 eröffnet. Allein in Schleswig-Holstein rechnen die Betriebe mit einer Ernte von rund 2.100 Tonnen. Doch die Rahmenbedingungen sind härter geworden. In dieser Saison dürfen Höfe nur noch 80 Prozent der bisher üblichen Saisonkräfte beschäftigen. Zudem müssen mindestens zehn Prozent der Helfer aus dem inländischen Arbeitspool kommen.

Die Rekrutierung wird zur Zerreißprobe. Traditionell stammt ein Großteil der Erntehelfer aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Doch der Zustrom stockt. Neue Sozialversicherungspflichten für polnische Arbeitskräfte in Deutschland haben die Personalknappheit seit Anfang des Monats verschärft. Mancherorts bleiben die Felder leer, obwohl die Haupternte beginnt.

Höhere Lohnkosten treffen ganze Wirtschaft

Die 70-Tage-Regel mildert nur einen Teil des Problems. Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde. Für Vollzeitbeschäftigte bedeutet das ein Monatsbrutto von rund 2.482 Euro. Das Arbeitsministerium plant bereits die nächste Erhöhung auf 14,60 Euro für 2027.

Die Lohnspirale dreht sich auch in anderen Branchen. Im Pflegebereich steigt der Tarifmindestlohn für examinierte Fachkräfte am 1. Juli 2026 auf mindestens 21,03 Euro die Stunde. Gewerkschaften kritisieren die Anhebung um 2,6 Prozent als unzureichend. Sie warnen zugleich vor steigenden Kosten für Heimbewohner.

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Auch die Minijob-Grenze wurde angepasst. Sie liegt im öffentlichen Dienst 2026 bei 556 Euro monatlich, um die maximale Arbeitsstundenzahl im gesetzlichen Rahmen zu halten.

Neue Wege gegen den Arbeitskräftemangel

Die Bundesregierung sucht nach neuen Personengruppen für den Arbeitsmarkt. Seit Januar 2026 können Rentner im Rahmen der „Aktivrente“ bis zu 2.000 Euro steuerfrei hinzuverdienen. Erste Erfahrungen zeigen, dass vor allem bereits gut situierte Senioren das Angebot im Einzelhandel oder Dienstleistungssektor nutzen. Sozialverbände monieren, dass arme Rentner kaum profitieren.

Parallel setzt Deutschland weiter auf internationale Anwerbung. Das Ausbildungsvisum bleibt ein Schlüsselinstrument. Es ermöglicht Nicht-EU-Bürgern mit Deutschkenntnissen auf B1-Niveau eine zwei- bis dreijährige duale Ausbildung. Anschließend ist der Wechsel zum Fachkräftevisum möglich.

Eingeschränkt wurde dagegen der beschleunigte Einbürgerungsweg. Die dreijährige Option wurde Ende Oktober 2025 abgeschafft. Die reguläre Frist für die Einbürgerung beträgt nun wieder fünf Jahre. Experten betonen jedoch, dass diese Änderung Arbeitsvisa oder Blaue Karten EU nicht betrifft.

Politische Zerreißprobe im Hintergrund

Die Entscheidung für die 70-Tage-Regel fällt in eine Phase heftiger Koalitionsstreits über wirtschaftliche Entlastungen. Zwischen Wirtschafts- und Finanzministerium gibt es tiefe Gräben im Umgang mit explodierenden Energie- und Spritkosten. Am 10. April 2026 kostete der Liter Diesel 2,346 Euro, Super E10 2,112 Euro.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (parteilos) plädiert für eine temporäre Erhöhung der Pendlerpauschale. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) favorisiert Preisdeckel oder Übergewinnsteuern – Vorschläge, die von Koalitionspartnern als wirkungslos abgetan werden. Das Kanzleramt mahnte zuletzt zur Zurückhaltung.

Das Finanzministerium lehnte zudem Pläne ab, die Krankenkassenbeiträge für Sozialhilfeempfänger vollständig aus Steuermitteln zu finanzieren. Ab 2027 drohe hier eine Haushaltslücke von zwölf Milliarden Euro.

Was kommt auf den Arbeitsmarkt zu?

Der Koalitionsausschuss berät am 13. April 2026 über weitere Maßnahmen zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes. Während die Landwirtschaft nun Klarheit hat, kämpfen andere Branchen mit Ungewissheit. In Logistik und Luftfahrt sorgen Streiks weiter für Chaos. Eine Arbeitsniederlegung am 10. April führte zur Absage von rund 1.000 Flügen.

Und auch im wichtigsten Herkunftsland für Erntehelfer tut sich etwas: Ab dem 8. Juli 2026 erhält die polnische Arbeitsaufsicht (PIP) neue Befugnisse. Sie kann dann Werk- oder Dienstverträge (B2B) in normale Arbeitsverhältnisse umwandeln, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Diese innenpolitische Veränderung in Polen könnte den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt in der zweiten Jahreshälfte zusätzlich verändern. Für deutsche Betriebe bleibt die Herausforderung, trotz steigender Löhne und sich wandelnder internationaler Regeln durch den Sommer zu kommen.

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