Ukraine, Russland

Kiew friert: Der härteste Winter seit Kriegsbeginn

16.01.2026 - 05:02:04 | dpa.de

Zweistellige Minusgrade, Stromausfälle und eiskalte Wohnungen: Wie Kiews Bewohner mit Notfallplänen, Tee und Humor gegen den Winter und russische Angriffe kämpfen. Bis zum Frühling ist es noch lang.

  • In «Punkten der Unbeugsamkeit» können Ukrainer bei Stromausfällen ihre Mobiltelefone aufladen. - Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
    In «Punkten der Unbeugsamkeit» können Ukrainer bei Stromausfällen ihre Mobiltelefone aufladen. - Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
  • Aufwärmpunkte sollen den Ukrainern durch die schwere Zeit nach russischen Luftangriffen helfen. - Foto: Danyil Bashakov/AP/dpa
    Aufwärmpunkte sollen den Ukrainern durch die schwere Zeit nach russischen Luftangriffen helfen. - Foto: Danyil Bashakov/AP/dpa
  • Zelte des ukrainischen Zivilschutzdienstes geben Menschen die Möglichkeit, sich nach russischen Angriffen aufzuwärmen, wenn die Heizungen ausgefallen sind. - Foto: Vladyslav Musiienko/AP/dpa
    Zelte des ukrainischen Zivilschutzdienstes geben Menschen die Möglichkeit, sich nach russischen Angriffen aufzuwärmen, wenn die Heizungen ausgefallen sind. - Foto: Vladyslav Musiienko/AP/dpa
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Kurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres durchlebt die Ukraine den schwersten Winter seit dem russischen Einmarsch. Wegen der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen haben Hunderttausende weder Strom noch Heizung - und das bei Schneefall, Frost und nächtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell ist die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt dürfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern.

Im Zentrum von Kiew gehen dick eingemummte Menschen tagsüber bei minus 12 Grad vorsichtig über die nach Schneefällen ungeräumten und teils vereisten Bürgersteige. Vor Geschäften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist zum Beispiel einer der Kaffeekioske beim Gebäude des Grenzschutzes. «Kaffee können wir nicht zubereiten. Nur Backwaren können wir verkaufen», sagt die junge Verkäuferin bedauernd. 

Im nahen Hinterhof hat ein Café noch Strom und verkauft warme Getränke. Dicht drängen sich mehrere Kunden an der Kasse. Die roten Ziffern auf der Digitalanzeige nahe der Decke springen zwischen 190 und 250 Volt wild hin und her. Doch wenig später ist der Strom auch hier ganz weg. Das ist seit Tagen trauriger Alltag in Kiew - aber nicht nur in der Hauptstadt.

Stromabschaltungen als Alltag 

Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekündigte stundenweise Stromausfälle. Damals nahm das russische Militär seine systematischen Angriffe auf Umspannwerke, Kraftwerke und auch auf Heizkraftwerke wieder auf. Moskau will damit den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen der Ukrainer brechen. Extrem wurde die Situation in Kiew nach den verheerenden Einschlägen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche. 

Die auf dem Ostufer der Stadt gelegenen Stadtteile waren teils mehrere Tage ohne Strom. Gut 6.000 Wohnblöcke und damit mehrere Hunderttausend Einwohner waren ohne Heizung. Am Dienstag verschlimmerten neue russische Raketenschläge die Situation auch im Westteil Kiews. Seitdem sind in der ganzen Metropole Notabschaltungen an der Tagesordnung. 

Der auf Strom angewiesene öffentliche Nahverkehr stockt, eine Planung für das Waschen von Wäsche oder die Zubereitung von Essen ist für viele Kiewer nicht mehr möglich. Nicht funktionierende Fahrstühle in den vielen Hochhäusern der Millionenstadt stellen vor allem für ältere und behinderte Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar.

Menschen in Kiew heizen Ziegelsteine auf Gasherden 

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko versichert, die Mitarbeiter der Energieunternehmen arbeiteten rund um die Uhr an der Behebung der Schäden. «Doch leider lebt Kiew gerade mit Notabschaltungen des Stroms», räumt er ein. Rund 300 Wohnblöcke seien immer noch ganz ohne Heizung. 

Doch auch eine formale Wiederherstellung der Fernwärme garantiert keine warme Wohnung: Viele Kiewer klagen über nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwärmen und verwenden diese eingewickelt in Handtücher als Wärmequellen auch in ihren Betten.

In sozialen Netzwerken teilen viele Kiewer ihren Alltag und sprechen sich gegenseitig Mut zu. «Wir sind auf den Kanaren. Wir sind auf den Malediven», scherzt der mit Mütze und dickem Pullover unter einer Bettdecke liegende Taras Nesterenko auf TikTok. «Der Fahrstuhl funktioniert nicht.» 13 Grad seien es in der Wohnung, seit mehr als zehn Stunden gebe es keinen Strom. «Ich möchte die Waschmaschine anschalten», teilt seine Frau ihren sehnlichsten Wunsch.

«Punkte der Unbeugsamkeit» und andere Vorbereitungen der Stadt

Anders als etwa neulich beim Stromausfall in Teilen Berlins stehen die Ukrainer der Lage nicht völlig unvorbereitet gegenüber. Bereits im ersten Kriegswinter (2022/2023) gab es massive russische Angriffe auf die Stromversorgung und immer wieder stundenweise Stromsperren. Generatoren, Ladestationen, Akkus, Kerzen und Campingkocher legten sich viele vor allem begüterte Ukrainer bereits damals zu. Mobilfunkbetreiber müssen die Funktion ihres Netzes zumindest für zehn Stunden auch ohne externe Stromversorgung sicherstellen. 

Der Staat richtete in Schulen und Behörden «Punkte der Unbeugsamkeit» ein, die teils rund um die Uhr das Aufladen von Mobiltelefonen und anderen Geräten, Internetzugang oder das Aufwärmen bei einer Tasse Tee ermöglichen. 

Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1.200 derartige Stellen eingerichtet. «Wir haben einen Stromgenerator, einen Kanonenofen, Holz. Es gibt Tee und warme Decken. Wir haben alles Notwendige», sagt die Direktorin des Lyzeums Nr. 100 im Stadtteil Podil, Viktoria Telehyna, dem Kiewer Stadtsender. Rund um die Uhr sei die Schule zum Aufwärmen geöffnet. 

Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre

Für die Schüler der Stadt ordnete Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko Ferien bis zum 1. Februar an. Wegen der widrigen Umstände wurden außerdem die Regeln für die kriegsbedingte nächtliche Ausgangssperre gelockert. Nun ist es nicht nur während Luftalarms erlaubt, in Schutzräume zu gehen, sondern auch, die ganze Nacht in einem der Aufwärmpunkte zu verbringen.

Zusätzlich gibt es aktuell noch rund um die Uhr 45 Aufwärmzelte des Zivilschutzes in den besonders von Heizungsausfällen und Stromknappheit betroffenen Stadtteilen. «Einzig während Luftalarmen stellen wir unsere Arbeit ein und bitten die Leute, in einen der nahen Schutzräume zu gehen», sagt der Sprecher des Kiewer Zivilschutzes, Pawlo Petrow, dem Stadtfernsehen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, werden den Angaben nach vom staatlichen Sozialdienst mit warmem Essen versorgt. 

Politischer Streit: War Kiew unzureichend vorbereitet?

Angesichts der dramatischen Lage in der Hauptstadt sieht sich Bürgermeister Klitschko auch Kritik von Präsident Wolodymyr Selenskyj ausgesetzt. «Besonders schwer ist die Situation in Kiew. Die Stadtregierung hat Zeit verloren und jetzt wird auf Regierungsebene das korrigiert, was auf Stadtebene nicht getan wurde», sagte der Staatschef jüngst. 

Das Eingreifen der Regierung in Kiew signalisierte auch, dass ein alter politischer Konflikt wieder aufbricht: Selenskyj und Klitschko waren bei der Präsidentenwahl 2019 Konkurrenten. Trotz des Burgfriedens aufgrund des russischen Angriffskriegs gibt es immer wieder Sticheleien zwischen den beiden. 

Der Bürgermeister weist Selenskyjs aktuelle Vorwürfe zurück und spricht von Manipulationen und «offenkundiger Unwahrheit». Es gebe keine Konstruktivität, sondern nur «Hass», klagte er. 

Der Ukraine drohen lange Wochen bis zum Frühling

Der nächste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bislang erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die Bürger: «Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten.» Kiew dürfte vor dem Frühling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.

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