Putin macht den Westen für AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt verantwortlich
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 04:06 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Russlands Präsident Wladimir Putin hat den deutlichen Wahlerfolg der AfD bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Folge politischer Fehler westlicher Staaten bezeichnet.
Putins Auftritt beim Brics-Gipfel in Neu-Delhi
Vor Medienvertretern in Neu-Delhi sagte Putin, alles, was derzeit in Europa passiere, sei Ergebnis systematischer Fehler westlicher Länder in Fragen der Politik, Sicherheit und Wirtschaft. Anlass der Pressebegegnung war sein Aufenthalt in Indien zum Gipfeltreffen der Staatengruppe Brics am Wochenende. Putins Ausführungen wurden durch ein Video des kremlnahen TV-Korrespondenten Pawel Sarubin auf dem Nachrichtendienst Telegram bekannt.
Demnach war der Kremlchef zuvor nach einem Kommentar zum Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt gefragt worden. In einer ausführlichen Antwort legte Putin seine Sicht auf die Lage in Europa dar und verband sie mit der Entwicklung rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland.
AfD-Ergebnis als Ausdruck von Verunsicherung
Die Bürger der europäischen Länder verstünden, was passiere, sagte Putin. Er denke, darauf beruhten auch die Wahlergebnisse in der Bundesrepublik. Zugleich stellte er den Vorwurf in den Raum, dass Regierungen europäischer Staaten einen offenen Konflikt mit Russland provozierten und ihre Bürger damit verunsicherten – was sich nach seiner Darstellung in Abstimmungen wie der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt niederschlage.
Die AfD hatte dort am vergangenen Sonntag ein besonders starkes Ergebnis erzielt. Putin nutzt diesen Erfolg, um seine Kritik an der westlichen Politik insgesamt zu untermauern.
Kein Konflikt mit Europa – trotz Angriffskrieg
Russland bedrohe keine europäischen Länder und habe gar keine Grundlage für einen Konflikt mit ihnen, erklärte Putin weiter. Mit dem Ergebnis des Zweiten Weltkriegs seien alle Fragen geklärt, eine Revision sei aus seiner Sicht nicht nötig. Schon vor dem Einmarsch in die Ukraine hatte der Kreml allerdings erklären lassen, Moskau plane keinen Krieg.
Heute dauert der von Putin im Februar 2022 befohlene Angriff auf die Ukraine seit mehr als viereinhalb Jahren an. Der Widerspruch zwischen damaligen Erklärungen und der Realität des Krieges prägt die europäische Wahrnehmung der russischen Führung.
Warnung vor Stationierung westlicher Truppen
Putin gab zu verstehen, der Konflikt gehe vielmehr von europäischen Staaten aus. Er fragte rhetorisch, ob diese die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs revidieren wollten und ihre Völker zu einem Krieg mit Russland trieben. Als Beispiel nannte er Diskussionen in Europa darüber, wie Truppen auf das Gebiet der Ukraine gebracht werden könnten.
Nach Putins Darstellung würde eine Stationierung westlicher Soldaten dort einen Krieg mit Russland bedeuten. Seine Äußerungen fügen sich in eine Reihe von Warnungen aus Moskau, die mögliche Schritte westlicher Staaten als Eskalation bewerten.
Sicherheitszusagen für die Ukraine
Eine Koalition aus mehr als 35 Staaten verständigte sich Anfang des Jahres darauf, der Ukraine rechtsverbindlich zuzusichern, sie nach einem möglichen Friedensschluss und im Fall eines erneuten russischen Angriffs nicht alleine zu lassen. Gleichzeitig steckten die Partner den Rahmen für eine multinationale Truppe ab, die in Friedenszeiten zur Abschreckung dienen und die ukrainischen Streitkräfte unterstützen soll.
Vorgesehen sind unter anderem die Ausbildung von Soldaten sowie Beiträge zur Sicherung des Luftraums und der Seegebiete. Diese Überlegungen bilden den Hintergrund für Putins Warnungen vor westlichen Truppen in der Ukraine.
Stockende Vermittlungsversuche
Die bisherigen Bemühungen um ein Ende des russischen Angriffskriegs, zuletzt auch von Seiten der USA, haben keinen Durchbruch gebracht. Moskau beharrt auf Maximalforderungen, die auf eine weitgehende Unterwerfung der Ukraine hinauslaufen.
Damit bleibt der Konflikt festgefahren, während die militärischen und zivilen Folgen in der Ukraine weiter zunehmen. Zugleich verstärken die politischen Spannungen zwischen Russland und europäischen Staaten die Debatte über Sicherheit und Verteidigung in der EU.
Hybride Kriegsführung und Drohungen aus Moskau
EU-Staaten werfen Russland immer wieder hybride Kriegsführung vor, also den kombinierten Einsatz militärischer, wirtschaftlicher, geheimdienstlicher und propagandistischer Mittel. Dazu zählen auch Cyberangriffe und Desinformationskampagnen, die gezielt auf öffentliche Meinung und Wahlen zielen.
Die Bundesregierung schrieb russischen Geheimdiensten einen versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle zu, wo Anfang August in der Nähe eines ukrainischen Transportflugzeugs eine Drohne gefunden wurde. Russland weist diesen Vorwurf zurück.
Medwedew verschärft Ton gegen Deutschland
In Reaktion auf deutsche Strafmaßnahmen erklärte der Vizechef des russischen nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, Deutschland verdiene einen direkten Schlag gegen alle heimischen Produktionsstätten für Militärtechnik und auch gegen einige andere Orte in Berlin. Der frühere Präsident fällt seit längerem mit drastischen Drohungen auf, darunter Szenarien von Atomschlägen gegen westliche Hauptstädte wie Berlin, London oder Paris.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Putins Beschwichtigungen, Russland bedrohe keine europäischen Länder, für viele Beobachter als Teil einer strategischen Kommunikation, die das eigene Handeln relativiert und die Verantwortung für Eskalation bei den Staaten der Europäischen Union sucht.
Putins Deutung des AfD-Erfolgs
Die Äußerungen Wladimir Putins kommen zu einem Zeitpunkt, in dem der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt innen- und außenpolitisch hohe Wellen schlägt. Der russische Präsident ordnet das starke Abschneiden der Partei in den Kontext einer vermeintlich verfehlten Politik westlicher Staaten und stellt einen direkten Zusammenhang zwischen europäischer Russland-Politik und Wahlentscheidungen in Deutschland her. Damit knüpft er an eine länger bekannte Linie russischer Rhetorik an, die Verantwortung für Spannungen mit dem Westen grundsätzlich bei EU- und NATO-Staaten verortet.
Innenpolitische Debatte in Deutschland
In Deutschland löst der AfD-Erfolg eine Grundsatzdebatte über die Stabilität des politischen Systems und den Umgang mit einer als rechtsextrem eingestuften Partei aus. Innenministerien diskutieren bereits, wie beim möglichen Zugriff einer AfD-geführten Landesregierung auf sicherheitsrelevante Daten der Schutz sensibler Informationen mit Russland-Bezug gewährleistet werden kann. Zugleich suchen Parteien der politischen Mitte nach strategischen Antworten auf den Rechtsruck; dabei geht es sowohl um inhaltliche Kurskorrekturen als auch um die Frage, wie mit Themen wie Migration, Sicherheit und wirtschaftlicher Unsicherheit offener umgegangen werden kann, ohne demokratische Kernprinzipien zu relativieren.
Außen- und sicherheitspolitische Dimension
Putins Verweis auf den Zweiten Weltkrieg und seine Behauptung, Russland habe keine Grundlage für einen Konflikt mit europäischen Staaten, steht in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum anhaltenden Angriffskrieg gegen die Ukraine und zur Wahrnehmung vieler EU-Staaten, die Moskau hybrider Kriegsführung bezichtigen. Vor diesem Hintergrund wird der AfD-Erfolg auch als Testfall betrachtet, ob russische Narrative über Sanktionen, Kriegsmüdigkeit und angebliche Bedrohungen durch den Westen in EU-Gesellschaften verfangen. Die geplanten multinationalen Sicherheitszusagen für die Ukraine sollen zugleich signalisieren, dass trotz innenpolitischer Verwerfungen in einzelnen Mitgliedstaaten die grundsätzliche Unterstützung für Kiew und die Abschreckung gegenüber Russland bestehen bleibt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv.de: „Innenminister wollen Geheimdaten-Schutz vor AfD prüfen“ (10.09.2026)
Der Bericht hebe hervor, die Innenminister von Bund und Ländern prüften nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt, wie besonders sensible Geheimdaten gegen einen möglichen Zugriff geschützt werden könnten. Im Mittelpunkt stünden demnach Informationen mit Russland-Bezug und die Sorge vor einem Abfluss sicherheitsrelevanter Erkenntnisse, sollte die AfD Regierungsverantwortung im Innenressort übernehmen. Die Analyse ordne den AfD-Erfolg damit stärker in einen sicherheits- und russlandpolitischen Kontext ein als in eine allgemeine Parteienkonkurrenz.
deutschlandfunk.de: „Nach Landtagswahl - BSW in Sachsen-Anhalt nimmt Gesprächsangebot der AfD an“ (10.09.2026)
Nach Darstellung des Artikels habe der Landesvorstand des BSW beschlossen, ein Gesprächsangebot der AfD zu Themen wie Energie, Bildung und Friedenspolitik anzunehmen. Der Bericht betone, dass andere Parteien Gespräche mit der AfD ablehnten und die Regierungsbildung deshalb besonders schwierig sei. Damit setze der Beitrag einen Schwerpunkt auf die praktischen Konsequenzen des Wahlergebnisses für Koalitionsbildung und Kooperation im Landtag, während die internationale Dimension und Aussagen aus Moskau weniger im Vordergrund stünden.
Medienübergreifend werde der AfD-Erfolg als Zäsur beschrieben, zugleich unterschieden sich die Schwerpunkte: Während ein Bericht sicherheitspolitische Risiken und mögliche Russland-Verbindungen der AfD in den Vordergrund rücke, konzentriere sich ein anderer auf die innenpolitische Frage, wie andere Parteien mit der stärksten Kraft umgehen und welche Gesprächs- und Koalitionsoptionen sich daraus ergeben.
