Libanon, Krieg

Libanon - «Wir können keinen weiteren Krieg ertragen»

03.11.2023 - 05:37:37 | dpa.de

Mit Spannung wird im Libanon eine von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah angekündigte Rede erwartet. Der Miliz-Chef will zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs sein Schweigen brechen.

Ein Hisbollah-Anhänger hält ein Porträt von Hassan Nasrallah hoch: Der Hisbollah-Chef will sich zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs öffentlich äußern. - Foto: Bilal Hussein/AP/dpa
Ein Hisbollah-Anhänger hält ein Porträt von Hassan Nasrallah hoch: Der Hisbollah-Chef will sich zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs öffentlich äußern. - Foto: Bilal Hussein/AP/dpa

Die Angst der Menschen im Libanon vor einem erneuten Krieg mit Israel sitzt tief. «Wir können keinen weiteren Krieg ertragen», sagt die Libanesin Fatima, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlicht sehen will. Sie lebt im Süden Beiruts, dem Teil der Hauptstadt des Libanons, der von der Schiitenorganisation Hisbollah kontrolliert wird. «Ich möchte wirklich nicht vertrieben werden und alles verlieren, so wie 2006», sagt sie.

2006 ist das Schlüsselwort, das in diesen Tagen oft als mahnende Erinnerung durch die Straßen Beiruts raunt. 2006 war das Jahr, in dem bei heftigen Gefechten zwischen der Hisbollah und dem israelischen Militär mehr als 1500 Zivilisten ums Leben kamen - ein Großteil davon im Libanon.

Mit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs wächst in dem Land mit jedem Tag die Sorge, dass sich der Konflikt auch auf den Zedernstaat ausweiten könnte. Denn von Anfang an war klar: Die Hisbollah, die unter anderem den Süden des Landes und damit auch die Grenze zu Israel kontrolliert, sieht sich an der Seite des «palästinensischen Widerstands». Seit dem 7. Oktober kommt es fast täglich zu Gefechten an der Grenze. Dabei kam es zu Todesopfern auf beiden Seiten, ein Großteil davon waren Hisbollah-Kämpfer.

Der Libanon vor einem Wendepunkt?

Zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs will sich Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah heute an die Öffentlichkeit wenden. Angekündigt ist eine Gedenkzeremonie für die getöteten Hisbollah-Kämpfer. Doch das Auftreten Nasrallahs könnte durchaus Folgen für die Zukunft des Mittelmeerstaates haben. Bisher halten sich die Gefechte zwischen dem israelischen Militär und der Hisbollah-Miliz nach Meinung von Experten im Rahmen. Zu einer größeren Eskalation kam es bisher nicht. Doch das könnte sich ändern, wenn Nasrallahs Rede Befehle zum Umgang mit dem Feind im Süden enthält.

«Wir brauchen den Auftritt Nasrallahs, um die Dinge auf den Weg zu bringen», sagte ein Hisbollah-Anhänger, der anonym bleiben möchte, im Vorfeld der Rede. Fans des Schiitenführers komponierten gleich ein eigenes Lied. Darin wird ein Angriff auf Tel Aviv gefordert. Im Hisbollah-Viertel im Süden der Hauptstadt werden für die Zeit der Ausstrahlung der Rede Rabatte in Wasserpfeifen-Cafés angeboten. Hisbollah-nahe Analysten geben nur vage Einsichten in die Vorhaben des Schiitenführers. «Die Hisbollah wird wie immer standhaft sein und bestimmte Leitlinien ziehen», sagte beispielsweise Salem Zahran lokalen Medien.

Als Teil der vom Iran angeführten «Achse des Widerstands» lauscht die Hisbollah vor allem den Worten aus Teheran. Irans Staatsführung hatte in den Wochen seit Beginn des Gaza-Kriegs dem jüdischen Staat immer wieder gedroht. Das ist eine Linie, der auch die Hisbollah folgt. Zugleich hat die Hisbollah Zehntausende Anhänger, mit denen sie vor allem den Süden an der Grenze zu Israel, von Schiiten bewohnte Viertel von Beirut sowie die Bekaa-Ebene im Norden des Landes kontrolliert. Gleichzeitig gilt die Hisbollah als starke politische Macht im kurz vor dem Kollaps stehenden Libanon.

«Nasrallah kann für sich und seine Anhänger sprechen und nicht für alle Libanesen», sagt Mohammed, ein 30-jähriger Bankangestellter in Beirut. «Wenn er den Krieg erklären will, kann er aus seinem Versteck hervorkommen, um mit seinen Kämpfern gegen Israel zu kämpfen, anstatt alle Libanesen als Schutzschilde zu benutzen.» Wo der Hisbollah-Chef lebt, ist unbekannt.

Junge Libanesen wollen ein «letztes Mal Spaß haben»

Der Libanon ist alles andere als in der Lage, einen Krieg zu führen. Derzeit mangelt es an so gut wie allem: Einem Staatsoberhaupt, einer Regierung, einer stabilen Währung. Seit Ende 2019 steckt der Mittelmeerstaat in der schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Dem Land gehen die Devisen aus. Die libanesische Währung hat stark an Wert verloren. Die Krise wird auch auf jahrzehntelange Korruption in Politik und Wirtschaft zurückgeführt.

Seit gut einem Jahr scheitert die Wahl eines Präsidenten immer wieder an Machtkämpfen innerhalb der politischen Elite. Zurzeit wird das Land von Ministerpräsident Nadschib Mikati geschäftsführend geführt. Die Regierung ist nur eingeschränkt handlungsfähig. Hinzu kommt der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. Laut UNHCR leben mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon. Geschätzt wird, dass rund ein Viertel der Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Menschen syrische Geflüchtete sind.

Libanesen im ganzen Land befürchten daher, dass eine mögliche Kriegserklärung der Hisbollah das Ende des Libanons bedeuten könnte. «Wir alle leiden immer noch unter der massiven Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020. Jetzt wird Nasrallah den gesamten Libanon über unsere Köpfe hinweg zerstören», sagt die 45-jährige Georgette. «Wir sitzen auf gepackten Koffern», fügt sie hinzu. Viele Libanesen hätten Häuser in den Bergen - außerhalb der großen Städte - angemietet, um im Falle eines Kriegsausbruchs fliehen zu können.

Ein «letztes Mal Spaß haben» lautete die Devise junger Libanesen am Vorabend der Rede. «Wir wissen nicht, was ab morgen kommt, deswegen gehen wir heute alle noch mal gemeinsam aus», sagte der 26-jährige Haydar Dagher. Gemeinsam mit seinen Freunden hatte er sich im Vergnügungspark verabredet: «Wer weiß, was nach Freitag kommt».

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