Madrid: Zehntausende protestieren gegen Zwangsräumung von 87-Jähriger
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 23:23 Uhr | dpa, AD HOC NEWSZehntausende Menschen haben in Madrid für das Recht auf Wohnen und gegen Zwangsräumungen demonstriert.
Protest für „keine weitere Maricarmen“
Der Marsch stand unter dem Motto «Ni una Maricarmen más» – «Keine weitere Maricarmen» – und richtete sich vor allem gegen die Zwangsräumung einer 87-Jährigen, die nach 70 Jahren aus ihrer Wohnung in der spanischen Hauptstadt vertrieben worden war.
Das Innenministerium sprach von rund 25.000 Teilnehmern. Der Mieterverband «Sindicato de Inquilinas», der zu dem Protest aufgerufen hatte, nannte dagegen 300.000 Teilnehmer. Der Zug führte von der Puerta del Sol zum Kongressgebäude.
Rentnerin nach Räumung im Krankenhaus
Maricarmen war 1956 mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro eingezogen und hatte später den Mietvertrag übernommen. Nachdem das Gebäude an ein Immobilienunternehmen verkauft worden war, sollte ihr alter Mietvertrag beendet werden.
Am Mittwoch wurde sie nach mehreren gescheiterten Räumungsversuchen aus der Wohnung gebracht und anschließend ins Krankenhaus eingeliefert. Die in ihrer Mobilität eingeschränkte Rentnerin hat einen Behinderungsgrad von 50 Prozent.
Forderungen an Regierung und Regionen
«Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, dass die anderen lernen, für ihres zu kämpfen», sagte Maricarmen in einer über den Mieterverband verbreiteten Botschaft. In einem Interview des Fernsehsenders RTVE sagte sie: «Bitte, kämpft weiter».
Die Demonstranten machen sowohl die linke Zentralregierung von Pedro Sánchez als auch konservative Regionalregierungen wie jene von Isabel Díaz Ayuso in Madrid für die Wohnungsnot verantwortlich. Sie fordern unter anderem die automatische Verlängerung von Mietverträgen auf unbestimmte Zeit, besseren Schutz vor Zwangsräumungen, eingefrorene Mieten sowie eine Reform des Mietrechts.
Enteignung von Wohnungen gefordert
Irene Montero, eine ranghohe Politikerin der linken Partei Podemos und Europaabgeordnete, forderte die Enteignung von 650.000 Wohnungen im Besitz sogenannter «Geierfonds». Diese Wohnungen sollten für sozialen Wohnraum genutzt werden.
An dem Marsch beteiligten sich Familien, Jugendliche und Rentner. Größere Kundgebungen gab es gleichzeitig in elf anderen spanischen Städten. In den vergangenen Tagen hatte es bereits landesweit erste Demonstrationen gegeben.
Regierung plant neues Wohnungsdekret
Unter dem Eindruck der Proteste arbeitet die Regierung daran, am Dienstag im Ministerrat ein neues Gesetzesdekret zur Wohnungspolitik zu verabschieden. Vorgesehen sind unter anderem Maßnahmen gegen Zwangsräumungen.
Das Real Decreto-ley hätte unmittelbar Gesetzeskraft, müsste anschließend aber binnen 30 Tagen vom Parlament gebilligt werden. Die Regierung verhandelt noch mit mehreren Parteien über die erforderliche Mehrheit.
Ein Symbol für den angespannten Wohnungsmarkt
Der Fall Maricarmen bündelt mehrere Konflikte des spanischen Wohnungsmarkts: In attraktiven Großstädten treffen knappes Angebot, steigende Mieten und der wachsende Wert innerstädtischer Immobilien auf langfristige Mietverhältnisse. Besonders ältere Menschen geraten unter Druck, wenn Eigentümerwechsel oder auslaufende Verträge die bisherige Wohnsicherheit beenden.
Die landesweiten Proteste machen daraus eine politische Frage. Die Demonstranten adressieren sowohl die Zentralregierung als auch die Regionalverwaltung in Madrid. Ihre Forderungen – dauerhafte Mietverträge, stärkerer Schutz vor Räumungen, eine Begrenzung von Mieterhöhungen und strengere Regeln für Zeitmietverträge und Zimmervermietungen – zielen auf eine langfristige Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen Mietern und Eigentümern.
Entscheidend wird die Umsetzung
Das angekündigte Gesetzesdekret könnte kurzfristig Schutz vor Zwangsräumungen schaffen und damit unmittelbar betroffenen Haushalten helfen. Politisch ist seine Wirkung jedoch davon abhängig, ob die Regierung im Parlament eine Mehrheit organisiert. Zudem lösen zusätzliche Schutzregeln allein den strukturellen Mangel an bezahlbaren Wohnungen nicht.
Die Forderung nach der Nutzung von Wohnungen sogenannter Geierfonds für sozialen Wohnraum verweist deshalb auf die zweite Ebene des Konflikts: Neben Mieterschutz geht es um Eigentum, staatliche Eingriffe und den Ausbau dauerhaft preisgebundener Wohnungen. Für Mieter in Madrid und anderen angespannten Städten dürfte der Fall vor allem daran gemessen werden, ob aus dem Protest konkrete, dauerhaft geltende Regeln entstehen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
DER SPIEGEL: „Spanien: 87-jährige Maricarmen Abascal muss ihre Wohnung nach 70 Jahren zwangsräumen“ (25.09.2026)
Der Bericht bestätige die Zwangsräumung nach sieben Jahrzehnten und ordne den Fall als Auslöser von Protesten in mehreren spanischen Städten ein. Er hebe zusätzlich die Forderung des größten Mieterschutzbundes nach einem „Maricarmen-Dekret“ sowie den Einfluss von Immobilienfonds und Kurzzeitvermietungen hervor; offen bleibe, welche Maßnahmen die Regierung tatsächlich beschließen könne.
n-tv: „Aufsehenerregender Fall in Madrid: Investor kauft Haus: 87-Jährige muss in 30 Minuten raus“ (24.09.2026)
Der Beitrag habe den unmittelbaren Ablauf der Räumung und den Eigentümerwechsel in den Mittelpunkt gestellt. Er bestätige damit den Kern des Vorgangs, setze den Schwerpunkt jedoch stärker auf die persönliche Situation der Rentnerin und die Proteste als auf die angekündigten gesetzgeberischen Konsequenzen.
Beide Berichte stellten den Fall als Brennpunkt der spanischen Wohnungsnot dar. Unterschiede ergäben sich vor allem bei der Gewichtung: Während der eine Beitrag die politische Debatte und mögliche Schutzregeln betone, konzentriere sich der andere auf den Ablauf der Räumung und ihre öffentliche Wirkung.
