Kosovo-Kriegsverbrechen: Ex-Präsident Hashim Thaci zu 25 Jahren Haft verurteilt
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 15:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas Kosovo-Sondergericht in Den Haag hat den früheren Präsidenten des Kosovos, Hashim Thaci, wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Haft verurteilt.
Verurteilung wegen 96 politischer Morde
Nach dem mehrjährigen Verfahren sah das Gericht es als erwiesen an, dass Thaci in 96 Fällen für politische Morde verantwortlich war. Zudem legten die Richter ihm schwerste Verbrechen wie Folter, Verfolgung und willkürliche Inhaftierung Unschuldiger zur Last. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, gegen die Entscheidung kann Berufung eingelegt werden.
Die Anklage hatte für Thaci 45 Jahre Haft gefordert, die Verteidigung einen Freispruch. Knapp 300 Zeugen sagten im Verfahren aus, 155 Opfer waren an dem drei Jahre dauernden Prozess beteiligt.
Rolle der KLA und Mitangeklagte
Laut Anklage gehörten Thaci und drei Mitangeklagte zur Führungsriege der kosovo-albanischen Befreiungsarmee KLA, die im Kampf um ihre politischen Ziele schwerste Verbrechen begangen haben soll. Der Vorsitzende Richter betonte, dass es im Verfahren nicht um Ziele oder Vorgehensweise der KLA gehe, sondern um die individuelle Schuld der Angeklagten.
Auch die drei Mitangeklagten wurden zu langen Freiheitsstrafen verurteilt: Kadri Veseli erhielt 18 Jahre Haft, Rexhep Selimi 13 Jahre und Jakup Krasniqi 25 Jahre. Einige Anklagepunkte, darunter Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wurden wegen fehlender Beweise nicht berücksichtigt.
Thaci als prägende Figur des Kosovo
Thaci, heute 58 Jahre alt, war zwischen 2008 und 2020 mehrfach Ministerpräsident, Außenminister und Präsident des Kosovo. Er war von seinem Präsidentenamt zurückgetreten, um sich dem Gericht in Den Haag zu stellen. Alle vier Angeklagten hatten während des Krieges führende Positionen in der KLA inne und übernahmen nach dem Konflikt hohe politische Ämter.
Die KLA hatte von 1998 bis 1999 für die Unabhängigkeit des überwiegend von Albanern bewohnten Kosovos von Serbien gekämpft. Mit Unterstützung der Nato setzte sich diese Unabhängigkeit durch, nachdem serbische Sicherheitskräfte im Kosovo schwere Verbrechen gegen die kosovo-albanische Bevölkerung verübt hatten. Diese Taten wurden vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) verfolgt.
Kosovo-Sondertribunal und internationale Richter
Das Kosovo-Sondertribunal wurde 2015 auf internationalen Druck eingerichtet. Es gehört formal zum Justizsystem des Kosovos, ist aber mit internationalen Richtern und Anklägern besetzt. Aus Sicherheitsgründen wurde das Gericht nach Den Haag verlegt.
Gegen die nun verhängten Haftstrafen können die Verurteilten Rechtsmittel einlegen. Das Verfahren ist damit juristisch noch nicht abgeschlossen.
Heftige Kritik und Proteste im Kosovo
Im Kosovo stoßen die Urteile auf heftige Ablehnung. Außenminister Glauk Konjucfa sprach von einer „traurigen, ungerechten und unverdienten Entscheidung“ und nannte das Urteil „verheerend für das Kosovo, für unseren Befreiungskrieg“. Im Krieg der KLA habe es keinen kriminellen Mechanismus gegeben, um der Bevölkerung Schaden zuzufügen, sagte er.
Die oppositionelle Demokratische Partei des Kosovos (PDK), die Thaci nach dem Krieg gründete und der er 17 Jahre lang vorstand, bezeichnete das Urteil als „große Ungerechtigkeit“. In einer Mitteilung erklärte die Partei, Anschuldigungen und Beweise seien von serbischer Propaganda erfunden worden, um den Krieg der KLA zu kriminalisieren.
Demonstrationen in Pristina und Den Haag
Im ganzen Kosovo verfolgten Tausende Menschen auf Großbildschirmen in öffentlichen Räumen die Urteilsverkündung. Mehrere Hundert Anhänger Thacis demonstrierten anschließend in Pristina vor dem Sitz der EU-Rechtsstaatsmission Eulex, einige warfen Steine auf das Gebäude. Bereits am vergangenen Samstag hatte es große Protestkundgebungen mit mehreren Zehntausend Teilnehmern gegen das Verfahren gegeben.
Auch in Den Haag gingen am Mittwoch mehrere Hundert Kosovaren gegen den Prozess und die Urteile auf die Straße. Nach Angaben der niederländischen Nachrichtenagentur ANP wurden Sicherheitskräfte mit Steinen beworfen, die Polizei setzte Tränengas ein, um gewalttätige Demonstranten zu vertreiben.
Historische Bedeutung des Urteils
Die Verurteilung des früheren kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci zu 25 Jahren Haft markiert einen Einschnitt in der Aufarbeitung der Gewalttaten während des Kosovo-Krieges Ende der 1990er-Jahre. Erstmals wird eine zentrale Führungsfigur der kosovo-albanischen Befreiungsarmee KLA für systematische Verbrechen wie politische Morde, Folter und Verfolgung zur Verantwortung gezogen. Damit rückt die internationale Strafjustiz eine Seite des Konflikts in den Fokus, die lange als Partner des Westens galt und maßgeblich zur Unabhängigkeit des Kosovos beitrug.
Spannungsfeld zwischen Heldenbild und Strafjustiz
Im Kosovo wird Thaci von vielen Menschen bis heute als Symbol des Befreiungskampfes gegen die serbische Unterdrückung gesehen. Die heftigen Reaktionen aus Regierungskreisen und der PDK spiegeln diesen Heldenstatus wider und verdeutlichen, wie sehr das Urteil als Angriff auf den „gerechten Krieg“ der KLA empfunden wird. Zugleich zeigt der Richterspruch, dass auch Akteure eines international unterstützten Befreiungskampfes nicht über dem Recht stehen. Die Specialist Chambers des Kosovo mit Sitz in Den Haag sollen genau dieses Spannungsfeld auflösen, indem sie individuelle Verantwortung für Verbrechen prüfen, unabhängig von politischen Zielen und historischen Narrativen.
Folgen für Kosovo, Region und internationale Justiz
Politisch dürfte das Urteil die ohnehin fragile innenpolitische Lage im Kosovo weiter polarisieren und das Verhältnis zu Serbien zusätzlich belasten. Die anhaltenden Proteste, teils mit Gewalt, zeigen das Mobilisierungspotenzial des Falls und könnten die Arbeit internationaler Missionen wie Eulex erschweren. Zugleich sendet das Verfahren ein Signal an andere Konfliktregionen: Führungsfiguren, die später staatliche Ämter übernehmen, bleiben für mutmaßliche Kriegsverbrechen rechenschaftspflichtig. Für Leser in Deutschland ist der Fall auch deshalb relevant, weil westliche Staaten – einschließlich der Bundesrepublik – Thaci über Jahre als wichtigen Gesprächspartner im Balkan-Konflikt behandelt haben und sich nun mit den Konsequenzen dieser Vergangenheit auseinandersetzen müssen.
