Kosovo-Kriegsverbrechen: 25 Jahre Haft für Ex-Präsident Hashim Thaci
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 12:21 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der frühere Präsident des Kosovos, Hashim Thaci, ist vom Kosovo-Sondergericht in Den Haag wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Haft verurteilt worden.
Schuld an zahlreichen Morden festgestellt
Das Sondertribunal sah es als erwiesen an, dass Thaci in 96 Fällen für politische Morde verantwortlich war. Zudem sprach das Gericht ihn schuldig schwerer Verbrechen wie Folter, Verfolgung und willkürlicher Inhaftierung Unschuldiger. Die Taten gingen auf die Zeit Ende der 1990er-Jahre zurück, als im Kosovo-Konflikt zahlreiche Menschen getötet, verschleppt und misshandelt wurden.
Der Vorsitzende Richter Charles Smith verlas das Urteil am Mittwoch. Der 58-Jährige nahm die Entscheidung äußerlich ungerührt zur Kenntnis. Zuvor hatte sich Thaci als "vollständig unschuldig" bezeichnet und die Vorwürfe gegen sich zurückgewiesen.
Lange Beweisaufnahme mit hunderten Zeugen
Dem Urteil war ein rund drei Jahre dauernder Prozess vorausgegangen. Knapp 300 Zeugen wurden gehört, darunter zahlreiche Opfer. Insgesamt waren 155 Opfer an dem Verfahren beteiligt und trugen zur Beweisaufnahme bei. Für die Kriegsverbrechen hatte die Anklage eine Haftstrafe von 45 Jahren gefordert, während die Verteidigung auf Freispruch drängte.
Nach Auffassung der Anklage gehörten Thaci und drei Mitangeklagte zur Führungsriege der kosovo-albanischen Befreiungsarmee UÇK (KLA), der Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt wurden. Alle vier Angeklagten hatten während des Konflikts führende Positionen in der KLA inne und übernahmen nach dem Krieg hohe politische Ämter.
Von der KLA-Spitze ins höchste Staatsamt
Thaci war zwischen 2008 und 2020 in verschiedenen Spitzenfunktionen tätig, unter anderem als Ministerpräsident, Außenminister und Präsident des Kosovos. Um sich dem Verfahren in Den Haag zu stellen, trat er von seinem Präsidentenamt zurück. Das Urteil richtet sich damit gegen einen der prominentesten Politiker des Landes seit der Unabhängigkeit.
Die KLA hatte von 1998 bis 1999 für die Unabhängigkeit des überwiegend von Albanern bewohnten Kosovos von Serbien gekämpft. Der Erfolg des Unabhängigkeitsstrebens war eng mit der militärischen Unterstützung durch die Nato verbunden, die 1999 eine Luftoffensive gegen serbische Ziele begann.
Sondertribunal mit internationaler Besetzung
Das Kosovo-Sondertribunal wurde 2015 auf internationalen Druck hin eingerichtet, um mutmaßliche Verbrechen der KLA-Seite aufzuarbeiten. Es ist Teil des Justizsystems des Kosovos, arbeitet aber mit internationalen Richtern und Anklägern. Aus Sicherheitsgründen ist das Gericht in Den Haag angesiedelt.
Hashim Thaci kann gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen. Das Verfahren und mögliche Berufungsinstanzen dürften die politische und gesellschaftliche Debatte über die jüngere Kriegsgeschichte des Kosovos weiter prägen.
Historische Bedeutung des Urteils
Das Urteil gegen Hashim Thaci markiert einen weiteren Einschnitt in der juristischen Aufarbeitung der Gewalttaten während der Auflösung Jugoslawiens Ende der 1990er-Jahre. Anders als frühere Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien richtet sich das Kosovo-Sondertribunal explizit gegen Angehörige der kosovo-albanischen Seite, die im Krieg gegen serbische Sicherheitskräfte und Milizen standen. Damit wird strafrechtliche Verantwortung für Verbrechen auf allen Konfliktseiten hervorgehoben und die bisher oft einseitig wahrgenommene Aufarbeitung ergänzt. Die lange Dauer des Verfahrens, die hohe Zahl an Zeugen und die Beteiligung zahlreicher Opfer unterstreichen die Tragweite des Falls.
Innenpolitische Folgen für Kosovo und die Region
Thaci galt über Jahre als eine der prägenden Figuren in Kosovo – zunächst als führender KLA-Kommandeur, später als Ministerpräsident, Außenminister und Präsident. Seine Verurteilung kann innenpolitische Spannungen verstärken, weil ein Teil der Bevölkerung ihn weiterhin als Freiheitskämpfer betrachtet, während andere das Urteil als notwendige Konsequenz schwerer Verbrechen sehen. Auch in den Beziehungen zwischen Kosovo und Serbien dürfte das Urteil eine Rolle spielen: Serbien hatte lange eine umfassende Ahndung von Verbrechen gegen Serben gefordert, während Kosovo darauf verwies, selbst Opfer von Vertreibung und Gewalt gewesen zu sein. Das Urteil könnte zugleich als Signal verstanden werden, dass individuelle Verantwortung nicht an nationalen Frontlinien endet.
Bedeutung für internationale Strafgerichtsbarkeit
Das 2015 geschaffene Sondertribunal ist formal Teil des Justizsystems Kosovos, arbeitet aber mit internationalen Richtern und Anklägern. Diese Konstruktion soll Unabhängigkeit und Schutz für Zeugen gewährleisten und war Voraussetzung für die internationale Unterstützung. Das Urteil gegen einen ehemaligen Präsidenten zeigt, dass auch höchste politische Amtsträger wegen Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden können. Für Leserinnen und Leser verdeutlicht der Fall, wie lange sich juristische Aufarbeitung hinziehen kann und welche Rolle spezialisierte Gerichte bei der Ahndung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit spielen. Zugleich bleibt wichtig, dass Thaci Rechtsmittel zur Verfügung stehen und sich der Fall voraussichtlich über Jahre durch weitere Instanzen bewegen wird.
