Israel: Herzog beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 04:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMehrheiten und Fristen im Parlament
- Fraktionen mit zusammen 67 von 120 Sitzen empfahlen Gadi Eisenkot für den Auftrag.
- Der Vorsitzende der Partei Jaschar erhielt bei der Wahl 21 Mandate.
- Für eine Mehrheit fehlen Eisenkots Oppositionslager 13 Stimmen.
Herzog erteilt Eisenkot den Auftrag
Der israelische Präsident Izchak Herzog wird den Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot offiziell mit der Regierungsbildung beauftragen. Eisenkot soll am Sonntag um 16.00 Uhr MEZ in Herzogs Residenz in Jerusalem den Auftrag erhalten.
67 Abgeordnete empfehlen den Oppositionspolitiker
Dem Schritt gingen Konsultationen des Präsidenten mit allen in der Knesset vertretenen Parteien voraus. Fraktionen mit zusammen 67 der 120 Sitze empfahlen Eisenkot für die Regierungsbildung.
Eisenkot führt die neu gegründete Mitte-Partei Jaschar und gilt als wichtigster Gegenspieler des langjährigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Bei der Parlamentswahl am 27. Oktober wurde Netanjahus rechtskonservativer Likud mit 27 Mandaten stärkste Kraft, Jaschar kam auf 21 Sitze.
28 Tage für die Koalitionsbildung
Eisenkot hat zunächst 28 Tage Zeit, eine Regierung zu formen. Herzog kann diese Frist um höchstens 14 Tage verlängern; scheitert der Versuch, kann er ein anderes Mitglied des Parlaments beauftragen.
Arabische Parteien als mögliche Partner
Eisenkots vier Parteien umfassendes Oppositionslager verfügt über 48 Sitze. Für eine Mehrheit fehlen 13 Stimmen, die rechnerisch von den arabischen Parteien Vereinte Liste und Raam kommen könnten, die zusammen 19 Mandate gewonnen haben.
Beide Parteien empfahlen Eisenkot für den Regierungsauftrag. Im Oppositionslager gibt es jedoch erhebliche Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit ihnen oder gegen eine von ihnen tolerierte Minderheitsregierung.
Ultraorthodoxe Parteien als Alternative
Auch die ultraorthodoxen Parteien Vereinigtes Thora-Judentum und Schas könnten entscheidend werden. Zusammen verfügen sie über 13 Sitze, mit denen Eisenkot rechnerisch auf eine knappe Mehrheit von 61 der 120 Mandate käme.
Schas empfahl Netanjahu, während UTJ auf eine Empfehlung verzichtete. Ein zentraler Konflikt ist die Wehrpflicht: Die ultraorthodoxen Parteien verlangen weitreichende Ausnahmen, Eisenkot fordert bislang eine allgemeine Dienstpflicht mit der Möglichkeit eines alternativen Zivildienstes.
Netanjahu wirbt für Einheitsregierung
Netanjahu rief die Oppositionsparteien zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit auf. Neben dem Likud und den ultraorthodoxen Parteien sollten auch der Religiöse Zionismus von Finanzminister Bezalel Smotrich und Ozma Jehudit von Polizeiminister Itamar Ben-Gvir beteiligt sein.
Eisenkot bezeichnete den Aufruf als „billige PR-Masche“. Eine große Koalition mit dem Likud wäre rechnerisch möglich, käme aus Sicht seines Lagers aber nur ohne Netanjahu an der Spitze infrage.
Der Auftrag an Gadi Eisenkot eröffnet nach der Wahl vom 27. Oktober den nächsten verfassungsrechtlichen Schritt, bedeutet aber noch keinen Regierungswechsel. Entscheidend ist, ob der Oppositionspolitiker aus seinem 48 Sitze umfassenden Lager weitere Abgeordnete für eine tragfähige Mehrheit gewinnt.
Rechnerisch führen mehrere Wege zu den nötigen 61 Sitzen. Eine Unterstützung durch die arabischen Parteien würde die inneren Vorbehalte im Oppositionslager verschärfen. Ein Bündnis mit den ultraorthodoxen Parteien könnte zwar ebenfalls eine knappe Mehrheit ermöglichen, würde aber den Streit über Ausnahmen von der Wehrpflicht unmittelbar in die Koalitionsverhandlungen tragen.
Koalitionssuche unter Zeitdruck
Eisenkot hat zunächst 28 Tage Zeit und kann eine Verlängerung um bis zu 14 Tage erhalten. Scheitert der Versuch, kann der Präsident ein anderes Parlamentsmitglied beauftragen. Damit bleibt Benjamin Netanjahu trotz des ersten Auftrags politisch relevant: Sein Likud ist stärkste Kraft, und eine Zusammenarbeit mit dem Likud ohne Netanjahu wäre rechnerisch eine weitere Option.
Für die Bevölkerung hängt von den Verhandlungen ab, ob Israel rasch eine belastbare Regierung erhält oder erneut vor einer politischen Blockade steht. Besonders umstritten wären Fragen der Wehrpflicht, der Rolle arabischer Parteien und der Beteiligung rechtsextremer Kräfte. Eine Einigung müsste deshalb nicht nur eine Mehrheit organisieren, sondern auch gegensätzliche politische Lager auf ein gemeinsames Programm verpflichten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDFheute: „Israel: Herzog will Eisenkot mit Regierungsbildung beauftragen“ (07.11.2026)
Der Beitrag bestätige den Auftrag Herzogs und stelle die Patt-Situation nach der Wahl heraus. Als besonderen Schwerpunkt beschreibe er die Annäherungsmöglichkeiten an ultraorthodoxe Parteien und den Streit über die Wehrpflicht.
tagesschau: „Oppositionsführer Eisenkot soll Israels neue Regierung bilden“ (07.11.2026)
Der Beitrag bestätige ebenfalls den Auftrag und die 28-Tage-Frist. Anders als der ZDF-Bericht betone er stärker die institutionelle Abfolge, die fehlende Mehrheit beider Lager und Netanjahus Aufruf zu einer Regierung der nationalen Einheit.
Einigkeit bestehe damit über den Auftrag und die schwierige Mehrheitsbildung. Unterschiede lägen vor allem in der Gewichtung möglicher Koalitionspartner; offen bleibe, ob Eisenkot arabische oder ultraorthodoxe Parteien beziehungsweise Teile des Likud einbinden könne.
