Bedrohliche Gewalt: Lateinamerika bleibt gefährlichste Region für Umweltschützer
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 03:42 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Lateinamerika bleibt laut einem neuen Bericht der Organisation Global Witness die weltweit gefährlichste Region für Land- und Umweltschützer.
Mehr als 100 Tote in Lateinamerika
Nach Angaben von Global Witness sind im vergangenen Jahr weltweit mindestens 124 Land- und Umweltschützer getötet worden. 105 dieser Fälle ereigneten sich in Ländern Lateinamerikas, womit die Region erneut mit großem Abstand an der Spitze der Statistik steht.
Die Daten basieren auf dokumentierten Tötungen, wobei die Organisation darauf hinweist, dass die tatsächliche Zahl höher liegen dürfte.
Kolumbien führt Statistik vor Brasilien an
Am gefährlichsten war die Lage erneut in Kolumbien: Dort wurden 39 Umweltschützer getötet, zum vierten Mal in Folge ist das Land damit Spitzenreiter. Dahinter folgt Brasilien mit 26 Fällen.
Weitere besonders betroffene Länder sind Honduras und die Philippinen mit jeweils 12 Todesfällen, Mexiko mit 10 und Guatemala mit 8. Mehr als die Hälfte aller weltweit registrierten Tötungen entfiel damit auf Kolumbien und Brasilien.
Betroffene: Kleinbauern und indigene Gemeinschaften
Mehr als drei Viertel der weltweit Getöteten waren laut Bericht Kleinbauern, Angehörige indigener Völker oder Menschen afrikanischer Abstammung. In über einem Drittel der dokumentierten Fälle gibt es Hinweise auf Verbindungen zu organisierter Kriminalität oder Auftragsmördern.
Menschen, die ihr Land und die Umwelt verteidigen, würden sichtbar machen, wo Ökosysteme zerstört, Wälder gerodet oder Flüsse verschmutzt werden, heißt es in dem Bericht.
Rückgang der registrierten Tötungen
Insgesamt ist die Zahl der dokumentierten Tötungen im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Für 2024 verzeichnet Global Witness 142 Todesopfer, im Jahr davor waren es noch 196. Die Organisation geht dennoch davon aus, dass viele Fälle unentdeckt bleiben oder nicht offiziell erfasst werden.
Konflikte um Land und Ressourcen als Auslöser
Besonders gefährlich ist die Lage dort, wo um Land und natürliche Ressourcen gerungen wird. Mehr als die Hälfte der Tötungen stand nach Angaben von Global Witness in Zusammenhang mit Landkonflikten.
Betroffen sind vor allem Regionen mit Bergbau und Rohstoffförderung, großflächiger Abholzung und intensiver Landwirtschaft. Ungeklärte oder nicht anerkannte Landansprüche führen demnach dazu, dass indigene Gemeinschaften und Kleinbauern unter Landraub, Einschüchterung und Gewalt leiden.
Brasilien verzeichnet deutlichen Anstieg
In Brasilien hat sich die Zahl der Tötungen binnen eines Jahres von 12 auf 26 mehr als verdoppelt. Die meisten Fälle stehen dort im Zusammenhang mit Forderungen nach Anerkennung angestammter indigener Gebiete und nach Landreformen, vor allem in den Bundesstaaten Rondônia und Pará.
Global Witness sieht die Konzentration von Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer und die Erschließung immer größerer Flächen für Viehzucht, Sojaanbau, Rohstoffabbau und Spekulation als zentrale Treiber dieser Konflikte.
Selbstschutz indigener Gemeinschaften
Gleichzeitig versuchen betroffene Gemeinschaften, sich zu schützen. In Peru haben etwa Angehörige des indigenen Volkes der Kakataibo eine eigene Schutztruppe aufgebaut, die ihr Gebiet überwacht und gegen organisierte Kriminalität sowie illegalen Koka-Anbau verteidigt.
Für die nächste Generation sei diese Arbeit gefährlicher als je zuvor, betonte der Kommandant dieser Einheit, Segundo Ispón.
Gewalt gegen Umweltschützer als globales Konfliktsignal
Die neuen Zahlen von Global Witness zeigen, dass die Verteidigung von Land und Umwelt in vielen Teilen der Welt weiterhin mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden ist. Besonders in Lateinamerika verdichten sich Konflikte um Rohstoffe, Landwirtschaft und Infrastrukturprojekte auf vergleichsweise kleinem Raum. Die hohe Zahl getöteter Aktivisten verweist auf strukturelle Probleme: schwache staatliche Präsenz in abgelegenen Regionen, unklare Eigentumsverhältnisse und mächtige wirtschaftliche Interessen, die häufig mit politischem Einfluss und kriminellen Strukturen verflochten sind.
Rolle indigener Gemeinschaften und Kleinbauern
Der Bericht macht deutlich, dass vor allem Kleinbauern, indigene Gemeinschaften und Menschen afrikanischer Abstammung betroffen sind. Sie leben meist direkt auf oder neben den Flächen, auf denen gerodet, geschürft oder intensiv Landwirtschaft betrieben wird, und verteidigen damit nicht nur abstrakte Umweltziele, sondern ihre Lebensgrundlagen. Weil staatliche Schutzmechanismen oft fehlen oder nicht greifen, versuchen Gruppen wie die Kakataibo in Peru, eigene Schutzstrukturen aufzubauen. Das erhöht zwar ihre Handlungsfähigkeit, macht sie aber zugleich noch sichtbarer für jene Akteure, die von Landraub, illegalem Bergbau oder Drogenanbau profitieren.
Brasilien und Kolumbien als Brennpunkte
Dass Brasilien und Kolumbien gemeinsam mehr als die Hälfte aller weltweit dokumentierten Fälle auf sich vereinen, verdeutlicht die besondere Brisanz der Lage in diesen Ländern. In Brasilien stehen die Konflikte laut Global Witness vor allem mit der Ausweitung von Viehzucht, Sojaanbau und Rohstoffabbau sowie mit der Konzentration von Land in wenigen Händen in Verbindung. In Kolumbien spielt zusätzlich die historische Präsenz bewaffneter Gruppen und organisierter Kriminalität eine Rolle. Für Leserinnen und Leser wird daran sichtbar, dass globale Debatten über Klimaschutz, Lieferketten und Menschenrechte direkt mit der Sicherheit jener Menschen verknüpft sind, die vor Ort Umweltzerstörung dokumentieren und sich ihr entgegenstellen.
