Afghanistan, Hungerkrise

Afghanistan: UN erwartet 19,2 Millionen Menschen in Hungerkrise

Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Vereinten Nationen rechnen für den Winter mit bis zu 19,2 Millionen Menschen in akuter Nahrungsmittelunsicherheit. In Kabul kämpfen Familien zugleich mit steigenden Preisen, fehlender Arbeit und den Folgen der Rückkehr aus Pakistan und Iran.

Afghanische Familien sparen bei Nahrung und Wärme

  • Imran Ullah verkauft in Kabul Hühnersuppe, nachdem er aus Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt ist.
  • Ein ungelernter Tagelöhner findet laut WFP derzeit nur an zwei Tagen pro Woche Arbeit.
  • Seit August 2021 kehrten mehr als vier Millionen Menschen aus Pakistan und Iran nach Afghanistan zurück.
  • Mit dem nahenden Winter warnen die Vereinten Nationen vor einer Hungerkrise in Afghanistan. - Bild: Jawad Kohnaward/dpa
  • «Wenn der Wind kalt wird, kommt die Angst in unser Haus, bevor es der Winter tut», sagt Safiullah Khan. - Bild: Jawad Kohnaward/dpa
  • Die Suppe von Imran Ullah gibt es wahlweise mit hartgekochtem Ei und Chilisoße - er träumt von einem eigenen Restaurant. - Bild: Jawad Kohnaward/dpa
Mit dem nahenden Winter warnen die Vereinten Nationen vor einer Hungerkrise in Afghanistan.  - Bild: Jawad Kohnaward/dpa «Wenn der Wind kalt wird, kommt die Angst in unser Haus, bevor es der Winter tut», sagt Safiullah Khan. - Bild: Jawad Kohnaward/dpa Die Suppe von Imran Ullah gibt es wahlweise mit hartgekochtem Ei und Chilisoße - er träumt von einem eigenen Restaurant. - Bild: Jawad Kohnaward/dpa

Afghanistan steht vor Hungerwinter

Die Vereinten Nationen warnen vor einer sich zuspitzenden Hungerkrise in Afghanistan im bevorstehenden Winter. In Kabul berichten Menschen von steigenden Lebensmittelpreisen, fehlender Arbeit und wachsender Angst vor den Kosten für Heizung und Nahrung.

Millionen Menschen von Unsicherheit bedroht

Derzeit lebt nach UN-Angaben rund ein Drittel der knapp 49 Millionen Afghaninnen und Afghanen in akuter Nahrungsmittelunsicherheit. Im Winter könnte diese Zahl auf 19,2 Millionen steigen und damit knapp zwei Millionen über dem Wert des vergangenen Jahres liegen.

Als Gründe gelten unterbrochene Handelswege, die verschärften Spannungen zwischen Afghanistan und Pakistan, steigende Preise sowie der Rückgang internationaler Hilfsgelder. Auch der Krieg im Iran wirkt sich auf die Lebensmittelpreise aus.

Lebensmittel werden für viele unerschwinglich

Nach Angaben des Welternährungsprogramms sind besonders Reis und Mehl teurer geworden. Kartoffeln kosteten zuletzt 37 Prozent mehr als im Vorjahr.

Ein ungelernter Tagelöhner findet demnach derzeit nur an zwei Tagen pro Woche Arbeit und verdient im Schnitt 300 Afghani am Tag, umgerechnet etwa vier Euro. Dafür erhält er in Kabul nicht ganz drei Kilogramm Reis niedriger Qualität.

Rückkehrer verschärfen Konkurrenz um Arbeit

Allein in diesem Jahr sind nach Angaben des UNHCR 1,2 Millionen Menschen aus Pakistan und Iran nach Afghanistan zurückgekehrt. Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 kamen insgesamt mehr als vier Millionen Menschen zurück.

Viele Rückkehrer suchen nun Arbeit in einem Land, in dem Beschäftigung bereits knapp ist. Pakistan und Afghanistan streiten zudem über Sicherheitsvorwürfe; weitere Zwangsdeportationen in den pakistanischen Grenzprovinzen werden befürchtet.

Familien kürzen Mahlzeiten und Einkäufe

In Kabul verkauft Imran Ullah Hühnersuppe in kleinen Pappbechern. Vor seiner Abschiebung aus Pakistan arbeitete er in einem Goldgeschäft nahe Islamabad. Nun verdient er kaum genug, um Brot für seine Familie zu kaufen, und träumt von einem eigenen Restaurant.

Hadschi Safiullah Khan berichtet, seine Familie kaufe weniger und greife zu günstigeren Lebensmitteln. Teilweise lasse sie anschreiben; er selbst lasse bereits Mahlzeiten aus, damit seine Kinder genug zu essen hätten.

Afghanistan steht vor einem Winter, in dem sich mehrere Krisen gegenseitig verstärken. Nach Angaben der dpa-Meldung treffen steigende Lebensmittelpreise, fehlende Arbeitsmöglichkeiten, gekürzte internationale Hilfen und die Rückkehr großer Bevölkerungsgruppen aus Pakistan und Iran aufeinander. Für Familien ohne regelmäßiges Einkommen bedeutet das, dass selbst verfügbare Lebensmittel unerschwinglich bleiben können.

Die Rückkehrer erhöhen zugleich den Druck auf einen Arbeitsmarkt, der bereits nur wenige Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Besonders Tagelöhner und Kleinhändler sind von schwankender Nachfrage abhängig. Wenn zusätzlich Heizmaterial bezahlt werden muss, verschärft sich der Zielkonflikt zwischen Nahrung, Miete und Wärme.

Winter verschärft sozialen Druck

Die humanitäre Krise ist auch politisch geprägt. Internationale Geber stehen im Spannungsfeld zwischen der notwendigen Hilfe für die Bevölkerung und dem Umgang mit den Taliban, deren Politik insbesondere bei Frauenrechten international kritisiert wird. Sinkende Hilfsleistungen treffen deshalb auf einen Staat, dessen wirtschaftliche Strukturen die Versorgung vieler Menschen nicht auffangen.

Für die Bevölkerung in Kabul zeigt sich die Entwicklung unmittelbar im Alltag: kleinere Einkäufe, ausgelassene Mahlzeiten und Schulden bei Händlern. Die von den Vereinten Nationen genannte mögliche Zahl von 19,2 Millionen Menschen in akuter Nahrungsmittelunsicherheit würde den bereits hohen Hilfebedarf im Winter nochmals deutlich vergrößern. Entscheidend wird sein, ob Hilfsorganisationen ihre Unterstützung aufrechterhalten und ob Grenz- und Wirtschaftsbeziehungen die Versorgung stabilisieren können.

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