Deutschen, Produktivität

Zwei Drittel der Deutschen simulieren nur noch Produktivität

05.05.2026 - 11:50:40 | boerse-global.de

Zwei Drittel der Angestellten simulieren höhere Leistung. Studien zeigen: Weniger Bildschirmzeit und mehr Pausen steigern die Effizienz.

Zwei Drittel der Deutschen simulieren nur noch Produktivität - Foto: über boerse-global.de
Zwei Drittel der Deutschen simulieren nur noch Produktivität - Foto: über boerse-global.de

Zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland gaben im vergangenen Jahr an, produktiver gewirkt zu haben, als sie tatsächlich waren. Das belegt eine aktuelle Umfrage des Jobportals Indeed. Das Phänomen der „Pseudo-Produktivität“ stellt die etablierten Methoden zur Effizienzsteigerung grundsätzlich infrage.

Digitale Werkzeuge verfehlen oft ihr Ziel

Der Autor Cal Newport hat darauf hingewiesen, dass Produktivität maßgeblich durch den langsamsten Schritt in einem Prozess begrenzt wird – den sogenannten Engpass. Digitale Werkzeuge wie E-Mail-Systeme oder KI-Assistenten steigern die Gesamtleistung nur dann, wenn sie genau diesen Engpass adressieren. In vielen Fällen erhöhen sie lediglich das Arbeitsaufkommen an Stellen, die ohnehin nicht den limitierenden Faktor darstellen.

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Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und der KfW untermauert diese Einschätzung. Zwar korreliert ein Anstieg des digitalen Kapitals um zehn Prozent mit einer Produktivitätssteigerung von durchschnittlich 0,159 Prozent – bei stark digitalisierten Unternehmen sogar um 0,808 Prozent. Doch die Investitionen in diesem Bereich sind zuletzt real um 8,6 Milliarden Euro gesunken. Zudem schlossen zwischen 2022 und 2024 nur 30 Prozent der Unternehmen ihre Digitalisierungsprojekte vollständig ab.

Lesen auf Papier schlägt Bildschirm

Kognitionsforscher warnen vor einer Überschätzung digitaler Lern- und Arbeitshilfen. Dr. Jared Cooney Horvath legte Anfang des Jahres vor dem US-Senat dar, dass die kognitive Leistungsfähigkeit seit der Jahrtausendwende einen negativen Trend aufweist. Metaanalysen zufolge sind das Lesen auf Papier und handschriftliche Notizen den digitalen Äquivalenten in puncto Informationsverarbeitung überlegen. Die zunehmende Bildschirmzeit korreliert zudem negativ mit Leistungen in standardisierten Tests wie der PISA-Studie.

Warum Pausen keine Zeitverschwendung sind

Der Wirtschaftspsychologe Carsten Schermuly kritisierte in einer aktuellen Analyse herkömmliche Engagement-Indizes. Seinen Ausführungen zufolge lassen sich nur etwa zehn Prozent der tatsächlichen Arbeitsleistung durch das individuelle Engagement erklären. Viel entscheidender seien förderliche Rahmenbedingungen wie klare Zielsetzungen, Rollenklarheit und die Sinnhaftigkeit der Aufgaben.

Psychologen plädieren zudem für eine Neubewertung von Verhaltensweisen, die klassischerweise als „faul“ eingestuft wurden. Untersuchungen aus dem Frühjahr 2026 belegen: Regelmäßige Pausen von 30 Minuten Dauer verbessern die Aufmerksamkeit signifikant. Auch das gezielte Schweifenlassen der Gedanken gilt heute als Förderfaktor für Kreativität. Eine Studie aus dem Jahr 2025 wies zudem nach, dass serielles Monotasking dem Multitasking weit überlegen ist. Letzteres ist lediglich ein ineffizientes und fehleranfälliges Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben.

Bürolärm frisst täglich 86 Minuten

Trotz des Trends zum mobilen Arbeiten bleibt der physische Arbeitsplatz entscheidend. Eine Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half zeigt: 69 Prozent der Arbeitgeber sehen die physische Präsenz im Büro weiterhin als wichtiges Kriterium für Beförderungen. Das steht im Spannungsfeld zu Erkenntnissen über die Belastung durch Bürolärm. Laut Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stören bereits Geräuschpegel ab 55 Dezibel rund 40 Prozent der Beschäftigten. Schätzungen zufolge gehen durch Ablenkungen im Büro täglich bis zu 86 Minuten an produktiver Arbeitszeit verloren.

Studien des Fraunhofer IAO deuten darauf hin, dass die Leistung im Homeoffice unter bestimmten Bedingungen um ein fünftel höher liegen kann als im klassischen Büro. Entscheidend ist die Kontrolle über das eigene Umfeld. Die Forschung zeigt: Es kann bis zu 30 Minuten dauern, um eine Phase tiefer Konzentration zu erreichen, die dann idealerweise über 60 bis 90 Minuten aufrechterhalten wird.

KI-Assistenten entlasten – oder doch nicht?

SAP kündigte für das erste Quartal 2026 an, dass der KI-Assistent Joule in 35 Lösungen integriert wurde und über 40 spezialisierte Agenten umfasst. Sie analysieren beispielsweise Ausschreibungen oder richten Projekte ein. Laut Robert Half ermutigen bereits rund die Hälfte der kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre Belegschaft explizit zur Nutzung von KI für Routineaufgaben.

Flankiert wird diese Entwicklung von einer strengeren rechtlichen Handhabung der Arbeitszeit. Nachdem der Europäische Gerichtshof und das Bundesarbeitsgericht die Pflicht zur systematischen Arbeitszeiterfassung festgestellt haben, geraten nun auch Branchen unter Druck, die bisher auf Vertrauensarbeitszeit setzten. Im Juli 2025 wurde eine internationale Großkanzlei gerichtlich dazu verpflichtet, die Arbeitszeiten ihrer Angestellten lückenlos zu dokumentieren. Umfragen aus dem Jahr 2026 zeigen: In diesem Sektor sind Wochenarbeitszeiten von durchschnittlich 52 Stunden weiterhin die Regel.

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Der Trend geht zur ergebnisorientierten Bewertung

Die gesammelten Daten verdeutlichen eine wachsende Kluft zwischen dem Schein und der Realität von Produktivität. Der Trend zur „Performance“ – also dem Sichtbarmachen von Aktivität statt dem Erzielen von Ergebnissen – ist eine direkte Reaktion auf Überwachungsdruck und unklare Zielvorgaben. Wenn zwei Drittel der Beschäftigten Produktivität lediglich simulieren, deutet das auf ein tiefgreifendes Managementversagen hin.

Die Fixierung auf technologische Lösungen verstellt den Blick für grundlegende kognitive Bedürfnisse. Effizienz ist im Jahr 2026 weniger eine Frage der richtigen App, sondern vielmehr eine Frage der radikalen Reduktion von Ablenkung und der Identifikation echter systemischer Engpässe. Der Trend geht weg von der bloßen Erfassung von Stunden hin zu einer ergebnisorientierten Bewertung – wie sie von führenden Politikern und Wirtschaftspsychologen gleichermaßen gefordert wird.

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