Zuckersteuer, Deutschland

Zuckersteuer in Deutschland: Modell sieht bis zu 244.000 Diabetesfälle weniger

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Abgabe soll ab Juli 2027 gelten; Bundestag und EU-Kommission müssen noch über Teile der Regelung entscheiden.
Ein heller, minimalistischer Industrieraum mit glänzenden Edelstahlrohren und klarem Tageslicht in einer Produktionsstätte. Illustration mit AI erstellt.

Das Bundeskabinett hat die Einführung einer Sonderabgabe auf stark gezuckerte Erfrischungsgetränke beschlossen. Die Erhebung der Steuer soll zum 1. Juli 2027 starten und zielt darauf ab, den übermäßigen Zuckerkonsum über Fertiggetränke einzudämmen.

Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums verursacht ein zu hoher Zuckerkonsum in Deutschland jährliche Kosten von rund 2,1 Milliarden Euro. Die Neuregelung sieht feste Schwellenwerte vor, betrifft jedoch nicht alle Segmente des Getränkemarkts gleichermaßen.

Staffelung der Abgabe und geplante Ausnahmeregelungen

Die Abgabe greift ab einem Schwellenwert von fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter Getränk. Das Modell sieht zwei Stufen vor: Bei einem Zuckergehalt von fünf bis acht Gramm werden 26 Cent pro Liter fällig, ab acht Gramm Zucker steigt der Satz auf 32 Cent pro Liter. Eine ursprünglich diskutierte dritte Stufe in Höhe von 38 Cent pro Liter wurde verworfen.

Betroffen von der Regelung sind Limonaden, Eistees, Energydrinks sowie gezuckerte Fruchtsaftgetränke. Reine Fruchtsäfte, ungesüßte Schorlen und Zero-Getränke bleiben steuerfrei. Bundesfinanzminister Klingbeil stellte zudem klar, dass Light-Produkte von der Steuer ausgenommen bleiben.

Für kleinere Betriebe sind Entlastungen vorgesehen. Unabhängige Hersteller mit einer Jahresproduktion von bis zu 70.000 Litern sind von der Abgabe befreit. Eine Ausweitung dieser Befreiung auf Betriebe mit bis zu einer Million Litern Ausstoß ist in Aussicht gestellt, bedarf jedoch noch der Genehmigung durch die Europäische Kommission.

Finanzielle Folgen und der weitere Gesetzgebungsprozess

Das Bundesfinanzministerium prognostiziert durch die Steuer Einnahmen von 690 Millionen Euro für das Jahr 2027 und von 925 Millionen Euro für das Jahr 2028. Beim Vollzug zeichnen sich jedoch administrative Differenzen ab: Während die Politik von 200 zusätzlichen Stellen ausgeht, beziffert der Zoll den Personalbedarf auf mindestens 300 Stellen.

Vor dem Inkrafttreten muss der Bundestag dem Gesetzentwurf noch zustimmen. Seitens der CSU gibt es zudem den Vorstoß, den Beginn der Erhebung auf den 1. Januar 2028 zu verschieben.

Konträre Reaktionen aus Wirtschaft und Gesundheitspolitik

In der Wirtschaft stößt der Beschluss auf deutlichen Widerstand. Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), kritisierte das Vorhaben scharf. Er sprach von einer verfahrenen Situation ohne Gewinner und warnte vor Preisanstiegen von bis zu 30 Prozent pro Kiste.

Befürworter sehen in der Maßnahme hingegen einen überfälligen Schritt. Der niedersächsische Gesundheitsminister und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Dr. Andreas Philippi, begrüßte die Steuer als wirksamen Baustein zur Prävention.

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Nachdem Deutschland 1993 eine frühere Zuckersteuer abgeschafft hatte, habe man seit 2015 auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft gesetzt, was aus gesundheitspolitischer Sicht nicht ausgereicht habe. Dauerhaft hoher Zuckerkonsum begünstige chronische Krankheiten wie Typ-2-Diabetes oder Adipositas.

Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch bewertete die Koalitionseinigung positiv. Nach Angaben des Max Rubner-Instituts liegt der tatsächliche Konsum in Deutschland bei 61 Gramm freiem Zucker pro Tag bei Frauen und 78 Gramm bei Männern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt dagegen, weniger als zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs über freie Zucker zu decken, idealerweise unter fünf Prozent – was bei einer Zufuhr von 2000 Kilokalorien maximal 50 Gramm beziehungsweise idealerweise 25 Gramm entspricht.

Internationale Vergleichsdaten und Modellrechnungen

Wissenschaftliche Erhebungen aus anderen europäischen Ländern liefern Hinweise auf mögliche Steuerungseffekte. In Großbritannien, wo seit 2018 eine ähnliche Abgabe erhoben wird, sank der durchschnittliche, nach Verkäufen gewichtete Zuckergehalt erfasster Softdrinks zwischen 2015 und 2024 um 47,4 Prozent, während die insgesamt verkaufte Zuckermenge um knapp 40 Prozent zurückging.

Eine Studie Münchner Forschender zeigte für den Zeitraum 2015 bis 2021 eine Zuckerreduktion in britischen Softdrinks von rund 30 Prozent, während das deutsche Produktmonitoring des Max Rubner-Instituts im selben Zeitraum lediglich einen Rückgang um neun Prozent verzeichnete.

Auch gesundheitliche Folgen wurden in Großbritannien dokumentiert: Eine Studie aus dem Jahr 2023 verzeichnete zwei Jahre nach Einführung der Steuer rund 12 Prozent weniger Krankenhausaufnahmen wegen schwerer Zahnkaries bei Kindern als erwartet; bei Kindern unter fünf Jahren lag der Rückgang bei knapp 29 Prozent.

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Eine Cambridge-Studie mit über einer Million englischen Grundschulkindern ermittelte zudem bei zehn- bis elfjährigen Mädchen eine Adipositasprävalenz, die acht Prozent unter der statistisch erwarteten Entwicklung lag.

In Portugal, das 2017 eine Steuer einführte, sanken die Umsätze mit gezuckerten Getränken im Schnitt um knapp sieben Prozent bei einem Rückgang des Zuckergehalts um gut 14 Prozent. Frankreich verzeichnete nach der Einführung 2012 zwischen 2016 und 2022 einen Rückgang des Zuckergehalts um knapp zehn Prozent.

Für Deutschland errechnete eine Modellstudie der Technischen Universität München aus dem Jahr 2023, dass eine solche Steuer über einen Zeitraum von 20 Jahren bis zu rund 244.000 Fälle von Typ-2-Diabetes verhindern oder verzögern und Einsparungen von bis zu 16 Milliarden Euro ermöglichen könnte.

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