Zirkadiane Depression: Studie findet bei 23 Prozent gestörte Schlafrhythmen
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 14:41 Uhr | Redaktion boerse-global.deSchlafprobleme und depressive Erkrankungen treten häufig gemeinsam auf. Eine Forschungsarbeit der Universität Sydney liefert nun detaillierte Einblicke in ein mögliches eigenständiges Erscheinungsbild: die sogenannte zirkadiane Depression.
In einer im British Journal of Psychiatry veröffentlichten Untersuchung identifizierte ein Team um Jacob Crouse und Ian Hickie eine Untergruppe von Patienten, bei denen Störungen des inneren biologischen Rhythmus das Beschwerdebild prägen.
Sechs Kriterien charakterisieren den biologischen Rhythmus
Grundlage der Analyse waren klinische und genetische Datensätze von 11.380 überwiegend schwer und wiederkehrend depressiven Teilnehmenden der Australian Genetics of Depression Study. Bei dieser Stichprobe handelte es sich zu 75 Prozent um Frauen; das Durchschnittsalter lag bei rund 44 Jahren.
Von den Untersuchten erfüllten 2.604 Personen – was einem Anteil von rund 23 Prozent entspricht – mindestens drei von sechs definierten Kriterien für eine gestörte Rhythmik. Am häufigsten traten dabei eine Hypersomnie mit einem erhöhten Schlafbedürfnis in depressiven Phasen (84 Prozent) sowie ausgeprägte Müdigkeit nach dem Aufwachen (83 Prozent) auf.
Dahinter folgten der sogenannte Abendchronotyp beziehungsweise ein Nachtmensch-Dasein mit 68 Prozent, ein verzögerter Schlafmittelpunkt mit 42 Prozent, jahreszeitliche Schwankungen mit 41 Prozent sowie sozialer Jetlag mit 35 Prozent.
Zudem wiesen die Betroffenen dieser Untergruppe höhere polygene Risikowerte für Erkrankungen wie die bipolare Störung, majore Depression und ADHS auf.
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Ebenfalls erhöht zeigten sich genetische Marker für den Body-Mass-Index, Triglyceride, Insulinresistenz und den Entzündungsfaktor Interleukin-6 sowie Risikowerte für kardiovaskuläre und entzündliche Krankheiten. Die Autoren betonen hierbei, dass es sich um statistische Assoziationen und nicht um nachgewiesene Kausalitäten handelt.
Schwerere Krankheitsverläufe und verringerte Medikamentenwirkung
Klinisch zeichnete sich die Gruppe mit zirkadianen Merkmalen durch ein im Schnitt früheres Erkrankungsalter aus. Die Betroffenen berichteten zudem von einer höheren Zahl an Episoden sowie insgesamt schwereren Symptomen, zu denen Suizidgedanken sowie hypomane und psychoseähnliche Manifestationen gehörten.
Auffälligkeiten zeigten sich auch bei der medikamentösen Versorgung: Patientinnen und Patienten dieses Subtyps gaben häufiger eine verminderte Wirkung klassischer Antidepressiva aus den Gruppen der SSRI und SNRI an und litten zugleich vermehrt unter Nebenwirkungen dieser Substanzen.
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Therapeutische Ansätze und methodische Grenzen
Aufgrund der biologischen Zusammenhänge vermuten die australischen Wissenschaftler einen potenziellen Nutzen chronobiologischer Interventionen. Diskutiert werden hierbei eine morgendliche Lichttherapie mit 10.000 Lux über täglich 30 bis 60 Minuten für mindestens eine Woche, feste Schlaf-Wach-Zeiten sowie die Gabe von Melatonin unter ärztlicher Abklärung oder der Einsatz von Melatonin-Rezeptor-Antidepressiva.
Diese Behandlungsformen wurden in der aktuellen Studie jedoch nicht überprüft, sodass bislang kein klinischer Wirkungsnachweis für diese spezifische Gruppe vorliegt.
Gleichzeitig verweisen Fachleute auf Einschränkungen der Ergebnisse. Externe Expertinnen wie Professorin Rébecca Robillard von der Universität Ottawa werten die Resultate zwar als erste wichtige Befunde, betonen aber, dass eine Überlegenheit von Chronotherapien gegenüber etablierten Verfahren keineswegs belegt sei.
Zudem stützt sich die Untersuchung auf retrospektive Selbstauskünfte in einer überwiegend europäischstämmigen Kohorte mit schweren Krankheitsverläufen; die Ergebnisse lassen sich somit nicht auf mildere Verläufe oder die Allgemeinbevölkerung übertragen.
Die zirkadiane Depression gilt bislang weder als gesicherte eigenständige Diagnose noch existiert ein entsprechender Eintrag im psychiatrischen Klassifikationssystem DSM-5.
