Zellverjüngung: Bonner Forscher setzen Zellen eines 80-Jährigen um 60 Jahre zurück
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 17:55 Uhr | Redaktion boerse-global.deForschungsteams der Universität Bonn und des Universitätsklinikums Bonn haben einen bemerkenswerten Fortschritt in der zellulären Reprogrammierung erzielt. Unter der Leitung von Prof. Oliver Brüstle gelang es Wissenschaftlern, Blutzellen eines 80-jährigen Spenders im Labor direkt in neurale Stammzellen umzuwandeln.
Messungen mit sogenannten epigenetischen Uhren ergaben dabei ein molekulares Alter von unter 20 Jahren – die Zellen wurden somit rechnerisch um rund 60 Jahre verjüngt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden in der Fachzeitschrift „Aging Cell“ veröffentlicht.
Direkte Konversion ohne Zwischenstufe
Der Prozess der Verjüngung vollzog sich in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum. Während die Verjüngung um über 60 Jahre in nur 50 Tagen erfolgte, ließ sich der gesamte Ablauf über mehr als 100 Tage schrittweise nachvollziehen. Bemerkenswert ist dabei die Methode: Die Forscher wandelten periphere erythroide Vorläuferzellen (EPCs) direkt in induzierte neurale Stammzellen (iNSCs) um.
Diese Transdifferenzierung kam ohne den sonst üblichen Zwischenschritt über induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC) aus. Ermöglicht wurde die direkte Konversion durch den Einsatz zweier Transkriptionsfaktoren, SOX2 und c-MYC, die über einen viralen Vektor in die Zellen eingebracht wurden.
Die dabei beobachtete epigenetische Verjüngung trat unerwartet auf. Bereits innerhalb von 12 Tagen bauten die Zellen bestehende Blutproteine ab und begannen, neurale Proteine zu bilden. Über eine Spanne von 50 bis 100 Tagen setzte sich die Mehrheit der epigenetischen Altersmerkmale nach rund 50 Tagen zurück.
Verbesserte Zellfunktionen und breite Spenderbasis
Die Untersuchung stützte sich auf ein breites Spektrum an biologischem Material. Das Team analysierte Blutproben von insgesamt 15 Spendern, deren Alter von Neugeborenen bis zu 101 Jahren reichte. Auch die Zellen von Menschen über 100 Jahren sowie konkret eines 101-jährigen Spenders konnten erfolgreich in neurale Stammzellen transformiert werden.
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Im Zuge der Umwandlung erreichten die Zellen etwa 5 % des ursprünglichen Spenderalters, was einem effektiven Rückgang um 60 Jahre in 50 Tagen entsprach. Neben den molekularen Markern zeigten sich funktionelle Verbesserungen: Die Zellen wiesen optimierte Recycling-Fähigkeiten auf, litten unter weniger DNA-Schäden und zeigten eine verringerte mitochondriale Toxizität.
Dieser Verjüngungseffekt trat zudem unabhängig von Zellteilungen ein. Brüstle erklärte hierzu, dass die epigenetische Verjüngung dazu führe, dass sich die Zellen tatsächlich wie junge Zellen verhielten. Da das Alter als zentraler Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer gilt, eröffnen diese Daten neue Perspektiven.
Grenzen und Bedeutung für die Wirkstoffforschung
Trotz der deutlichen Verjüngungseffekte verweisen die Forscher auf methodische Grenzen. Bei dem gemessenen Alter von unter 20 Jahren handelt es sich um eine mathematische Schätzung über molekulare Marker und nicht um das reale Alter des biologischen Materials.
Das Verfahren basiert auf einer temporären Modifikation der Genaktivität. Zudem weist eine Kooperation der Universität Bonn mit der RWTH Aachen darauf hin, dass über Jahrzehnte erworbene Schäden im Erbgut trotz des Prozesses bestehen bleiben.
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Als weitere Einschränkungen nannten die Wissenschaftler mögliche mathematische Verzerrungen bei den Berechnungen, das Fehlen natürlich gealterter neuraler Stammzellen als direkte Kontrollgruppe sowie generelle Unterschiede zwischen In-vitro-Bedingungen und lebenden Organismen.
Eine klinische Therapie am Menschen existiert gegenwärtig nicht; die Verjüngung fand ausschließlich in der Petrischale statt. Vorrangiges Ziel des Verfahrens bleibt daher zunächst die Grundlagen- und Wirkstoffforschung bei Alzheimer.
Der Ansatz ermöglicht die Bereitstellung personalisierter Zellmodelle für Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson. Perspektivisch könnte das Verfahren zudem die Grundlage für künftige Zellersatztherapien bei neurodegenerativen Erkrankungen bilden.
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