Zellverjüngung: Bonner Forscher senken epigenetisches Alter auf unter 5 Prozent
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 14:14 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der zellbiologischen Alternsforschung ist Wissenschaftlern der Universität Bonn und des Universitätsklinikums Bonn ein bemerkenswerter Nachweis gelungen. Einer Arbeitsgruppe um Oliver Brüstle ist es geglückt, Vorläuferzellen aus dem Blut eines 80-jährigen Spenders molekular so zu verändern, dass deren epigenetisches Profil dem von Zellen eines unter 20 Jahre alten Menschen entspricht.
Die in der Fachzeitschrift Aging Cell veröffentlichten Resultate geben Aufschluss darüber, wie sich biologische Altersmarker auf zellulärer Ebene gezielt zurücksetzen lassen.
Direkte Umprogrammierung ohne pluripotente Zwischenstufe
Als Ausgangsmaterial dienten dem Forschungsteam Blutproben von 15 Personen in einer Altersspanne von 0 bis 101 Jahren. Um die zelluläre Verjüngung einzuleiten, wurden Vorläufer roter Blutkörperchen mithilfe von Viren dazu gebracht, die Proteine SOX2 und cMYC zu bilden. Auf diesem Weg ließen sich die Ausgangszellen direkt in neurale Stammzellen umprogrammieren.
Dieses Verfahren unterscheidet sich von der etablierten Zwei-Schritt-Methode, bei der Zellen zunächst in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) überführt werden. Bei einer vollständigen iPSC-Reprogrammierung erfolgt ein molekularer Reset in rund 20 Tagen, wobei das epigenetische Alter nach etwa 7 Wochen bei 20 Prozent des chronologischen Ausgangsalters liegt.
Die direkte Umprogrammierung in Bonn zeigte, dass bereits nach zwölf Tagen typische Merkmale von Stammzellen sichtbar wurden, ohne dass der Zwischenschritt über ein pluripotentes Stadium nötig war.
Epigenetischer Reset über mehr als 100 Tage
Die Bonner Forscher verfolgten den Prozess über einen Zeitraum von mehr als 100 Tagen. Das epigenetische Alter der erzeugten neuralen Stammzellen lag anfänglich bei durchschnittlich 13 Prozent des jeweiligen Spenderalters. Im Zuge einer längeren Kultivierung sank dieser Wert teils auf unter 5 Prozent. Der größte Teil der altersbezogenen Veränderungen bildete sich nach rund 50 Tagen zurück.
In Bonn ist es Forschern gelungen, das epigenetische Profil von Blutzellen eines 80-Jährigen dem eines unter 20-Jährigen anzunähern — im Labor, nicht am Menschen. Was das für das Verständnis von biologischem Altern bedeutet und wo die Grenzen liegen, fasst dieser kostenlose Leitfaden verständlich zusammen. Kostenlosen Leitfaden zur Zellverjüngung anfordern
Besonders ausgeprägt zeigte sich dieser Effekt bei den Proben eines 101-jährigen Spenders: Hier betrug die absolute Umkehr des epigenetischen Alters zwischen 87 und 95 Jahren. Bei niedriger Passage lag das Methylierungsalter der induzierten neuralen Stammzellen bei ungefähr 13 Prozent des Spenderalters, während es bei hoher Passage im transgenfreien Zustand unter 5 Prozent sank.
Parallel dazu veränderten sich funktionelle zelluläre Parameter. Von 1.871 Genen mit altersassoziierter Expression waren nach 14 Tagen nur noch 20 aktiv, später verringerte sich diese Zahl auf 12 Gene. Zugleich normalisierte sich der Autophagie-Fluss, während mitochondriale reaktive Sauerstoffspezies (ROS) auf ein embryonales Niveau zurückgingen. Für die beobachtete Veränderung wurde eine Effektstärke mit einem Wert von Cohen's d >6 ermittelt.
Zellteilung und Perspektiven für experimentelle Modelle
Der Verjüngungsvorgang erwies sich als weitgehend unabhängig von intensiver Zellteilung. Selbst bei einer experimentellen Bremsung der Teilung durch Glycerol und Thymidin schritt der Prozess voran. Auch postmitotische Nervenzellen verloren im weiteren Verlauf sukzessive ihre Altersmerkmale.
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Oliver Brüstle, Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie, sieht in dem Verfahren vor allem ein experimentelles Werkzeug. Die Methode eigne sich, um Faktoren und Wirkstoffe systematisch im Labor daraufhin zu überprüfen, ob sie den molekularen Verjüngungsprozess verlangsamen oder beschleunigen.
Eine konkrete therapeutische Behandlung, etwa gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, ist mit diesen Grundlagenbefunden jedoch nicht verbunden.
