Zeitdruck, Anforderungen

Zeitdruck und emotionale Anforderungen: Depressionsrisiko steigt mehr als doppelt

Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 19:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Berufsverband verlangt gesetzliche Verankerung psychologischer Fachkräfte und verweist auf hohe Krankheitskosten sowie steigende Fehlzeiten.
Ein helles, leeres Büro mit minimalistischem Design und natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In Österreich wurden im Jahr 2023 mehr als 54.000 arbeitsbedingte psychische Neuerkrankungen wie Depressionen und Angststörungen verzeichnet. Angesichts dieser Entwicklung drängt der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) auf eine deutliche Stärkung der betrieblichen Prävention.

Verbandspräsidentin Beate Wimmer-Puchinger unterstrich, dass wirksame Vorbeugung direkt bei den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten ansetzen müsse, anstatt Belastungen lediglich als individuelles Problem zu betrachten.

Milliardenschwere Folgekosten und gesetzliche Vorstöße

Die wirtschaftlichen Auswirkungen psychischer Belastungen im Berufsleben sind erheblich. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) im Auftrag der Arbeiterkammer beziffert die gesamten Folgekosten arbeitsbedingter Erkrankungen auf 12,4 Milliarden Euro.

Zudem belegt der Fehlzeitenreport 2026, dass psychische Erkrankungen im Durchschnitt rund 37 Krankenstandstage pro Fall nach sich ziehen und damit zu den langwierigsten Ausfallursachen zählen.

Um diesen Entwicklungen strukturell zu begegnen, unterstützt der BÖP eine Kernforderung der Arbeiterkammer: Arbeits- und Organisationspsychologinnen sowie -psychologen sollen als Präventivfachkräfte gesetzlich im Arbeitnehmer:innenschutzgesetz verankert werden. Zudem strebt der Verband eine explizite berufsrechtliche Verankerung im Psychologengesetz an, um Qualitätsstandards in Betrieben zu sichern.

Wissenschaftliche Befunde zu Belastungsfaktoren

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen verdeutlichen die Mechanismen hinter den steigenden Erkrankungszahlen. Eine Untersuchung des dänischen Nationalen Forschungszentrums für Arbeitsumgebung (NFA), die Daten von über 18.000 Beschäftigten aus dem Erhebungszeitraum 2012 bis 2018 auswertete, weist auf gefährliche Wechselwirkungen hin.

Treffen hoher Zeitdruck und hohe emotionale Anforderungen aufeinander, verdoppelt sich das Risiko für depressive Symptome zwei Jahre später mehr als. Die Forscher stellten fest, dass dieser Effekt nicht nur additiv, sondern gegenseitig verstärkend wirkt. Ähnliche Risikoerhöhungen zeigten sich bei Kombinationen aus körperlichen Belastungen mit Zeitdruck oder emotionalen Ansprüchen.

Anzeige

Wer sich mit der Vermeidung von Belastungsfaktoren im Betrieb befasst, sollte die psychologische Sicherheit im Team gezielt stärken. Dieses Gratis-E-Book liefert konkrete Strategien und Vorlagen, um Vertrauen aufzubauen und die Motivation nachhaltig zu fördern. 4 Strategien für psychologische Sicherheit jetzt gratis sichern

Auf europäischer Ebene spiegeln sich diese Belastungsmuster flächendeckend wider. Laut der Erhebung OSH-Pulse 2025 der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) erleben 29 Prozent der europäischen Beschäftigten arbeitsbedingten Stress, Angst oder Depressionen. Über 40 Prozent berichten von starkem Zeitdruck.

Als häufigste Gefährdung nennt die EU-OSHA-Untersuchung ESENER 2024 den Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten oder Schülern (56 Prozent). Betriebe, die regelmäßige psychosoziale Risikobewertungen durchführen, verzeichnen laut der Erhebung eine um 40 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für ein hohes betriebliches Stressniveau.

Steigende Ausfallzeiten und innerbetriebliche Warnsignale

In Deutschland zeichnen Auswertungen der Krankenkassen ein vergleichbares Bild. Daten des Fehlzeiten-Reports 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigen, dass die psychisch bedingten Fehltage von 284 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025 angewachsen sind – ein Zuwachs von fast 42 Prozent. Reine Burn-out-Fehlzeiten stiegen im Zehnjahreszeitraum sogar um 77 Prozent von 11,0 auf 19,5 Tage je 100 Mitglieder.

Anzeige

Um steigenden Ausfallzeiten wirksam zu begegnen, ist eine frühzeitige Erkennung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz essenziell. Dieses kostenlose Download-Paket bietet Arbeitsschutz-Verantwortlichen praxiserprobte Excel-Vorlagen zur Gefährdungsbeurteilung und Tipps für ein gesundes Arbeitsklima. Kostenloses Muster-Paket zur Gefährdungsbeurteilung herunterladen

Fachärzte weisen darauf hin, dass Überlastung selten auf mangelnde persönliche Resilienz zurückzuführen sei. Typische Warnsignale wie anhaltende Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder psychosomatische Beschwerden sollten frühzeitig im Betrieb thematisiert werden.

Neben dem Abstecken klarer Erreichbarkeitsgrenzen und der Priorisierung von Aufgaben raten Experten Betroffenen dazu, frühzeitig das vertrauliche Gespräch mit Führungskräften, Betriebsräten oder Betriebsärzten zu suchen, bevor langwierige Ausfallzeiten entstehen.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70348715 |