WHO-Leitlinie, Demenzrisikos

WHO-Leitlinie: Bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos sind beeinflussbar

Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 02:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die WHO benennt beeinflussbare Demenzrisiken, empfiehlt Maßnahmen zur Vorbeugung und verweist auf fehlende Belege für bestimmte Therapien.
Ein ruhiger, sonnendurchfluteter Waldweg im Herbst, der für einen gesunden und aktiven Lebensstil steht. Illustration mit AI erstellt.

Weltweit leben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation über 57 Mio. Menschen mit Demenz, wobei der Anteil von Alzheimer-Erkrankungen bei 60 bis 70 Prozent liegt.

Jährlich kommen fast 10 Mio. Neudiagnosen hinzu. In Deutschland lag die Häufigkeit diagnostizierter Demenzerkrankungen laut dem Robert Koch-Institut im Jahr 2022 bei Frauen ab 40 Jahren bei 3,3 Prozent und bei Männern derselben Altersgruppe bei 2,4 Prozent.

Vor diesem Hintergrund hat die Weltgesundheitsorganisation ihre Leitlinie zur Risikoreduktion von kognitivem Verfall und Demenz aktualisiert. Die Richtlinie fasst zusammen, welche beeinflussbaren Faktoren das persönliche Erkrankungsrisiko verändern können und wo der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand Grenzen aufweist.

Neue und etablierte Einflussfaktoren im Fokus

Bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos werden mit veränderbaren Faktoren in Verbindung gebracht. Neben bereits bekannten Risiken wie Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel und Rauchen führt die aktualisierte Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation nun zusätzliche Faktoren auf.

Dazu gehören Schlaganfälle – insbesondere wiederholte Ereignisse –, Schädel-Hirn-Verletzungen, Depressionen, HIV-Infektionen sowie unbehandelte Beeinträchtigungen des Gehörs und des Sehvermögens.

Anzeige

Wer sich mit der Vorbeugung von kognitivem Verfall befasst, findet in diesem kostenlosen Ratgeber elf praktische Alltagsübungen, um das Gedächtnis gezielt zu stärken. 11 Alltagsübungen zur Demenzvorbeugung kostenlos entdecken

Bei HIV und Schlaganfällen verweist die Organisation jedoch weiterhin auf zusätzlichen Forschungsbedarf. Erstmals wird in Berichten über die Richtlinie auch die Luftverschmutzung durch Feinstaub der Partikelgröße PM2.5 als kontrollierbarer Risikofaktor genannt.

Zur praktischen Risikosenkung empfiehlt die Organisation regelmäßige körperliche Bewegung, den Rauchstopp, eine Begrenzung des Alkoholkonsums sowie eine ausgewogene Ernährung, deren Nutzen für die Senkung kognitiver Beeinträchtigungen mit moderater Evidenz belegt ist. Ebenfalls angeraten werden die medizinische Kontrolle von Bluthochdruck, Diabetes und Cholesterin, der Einsatz von Hörgeräten bei Hörverlust sowie kognitive und soziale Aktivitäten.

Klare Grenzen bei Nahrungsergänzung und Hormontherapien

Die Leitlinie formuliert deutliche Abgrenzungen dort, wo kein nachgewiesener Schutz vorliegt. So rät die Weltgesundheitsorganisation ausdrücklich davon ab, Vitamin B, Vitamin E, Omega-3-Fettsäuren oder Multivitaminpräparate zur Demenzprävention einzunehmen, sofern kein diagnostizierter Nährstoffmangel besteht.

Anzeige

Da die frühzeitige Erkennung von Warnsignalen für die Risikominimierung entscheidend ist, bietet dieser anonyme Selbsttest eine schnelle erste Einschätzung der eigenen geistigen Fitness. Hier den kostenlosen 2-Minuten-Demenz-Test machen

Eine menopausale Hormontherapie wird Frauen ab 65 Jahren zur Senkung des Demenzrisikos ebenfalls nicht empfohlen; bei jüngeren Frauen gilt die wissenschaftliche Datenlage als unzureichend.

Auch beim Thema Schlaf zeigt sich die Richtlinie zurückhaltend. Zwar wird ein Zusammenhang zwischen einer auffallend kurzen oder langen Schlafdauer, nächtlichem Erwachen sowie Schlafstörungen und einem erhöhten Demenzrisiko beschrieben.

Eine verbindliche optimale Schlafdauer lasse sich daraus jedoch nicht ableiten, und die Wirksamkeit gezielter Schlafverbesserungen zur Demenzprävention ist wissenschaftlich nicht belegt. Konkrete Vorgaben zu exakten Schlafstunden, zu Nahrungsergänzungsmitteln, zur Behandlung von Depressionen oder zum Umgang mit den Wechseljahren enthält das Dokument daher nicht.

Bedeutung gezielter Aufklärung

Die Relevanz verhaltensbezogener und medizinischer Stellschrauben betonen auch Fachgesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Hirnstiftung verweisen auf Erhebungen der Lancet Commission, wonach bis zu 45 Prozent der Demenzfälle durch die Beeinflussung bekannter Risikofaktoren verhinderbar oder verzögerbar seien.

Bei Schlaganfällen liege das Potenzial zur Vermeidung durch die gezielte Behandlung beeinflussbarer Faktoren sogar bei 70 bis 90 Prozent. Auf dem Neurologiekongress initiierten die beiden Organisationen die Aufklärungskampagne „Prävention wirkt“, die über Demenz, Parkinson und Schlaganfall informiert und vollständig aus Eigenmitteln ohne pharmazeutische Unterstützung finanziert wird.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70472546 |