Wartezeiten-Studie: Privatversicherte warten 12, Kassenpatienten 25 Tage
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 18:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit einer Bemerkung nach CDU-Parteigremien in Berlin eine Debatte über das Verhältnis von gesetzlicher und privater Krankenversicherung neu belebt.
Das Nebeneinander beider Systeme werde von vielen Bürgern als "Gerechtigkeitsproblem" empfunden, sagte Merz laut tagesschau.de und fügte hinzu, dies löse "ein erhebliches Problem aus im Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung". Er teile diese Einschätzung.
Zudem verwies er auf eine Verabredung der Koalition, GKV-Entscheidungen wirkungsgleich auf die PKV zu übertragen – "das haben wir bis jetzt nicht gemacht", räumte er ein.
Bemerkenswert war der Kontext: Das Thema stand laut Berichten von morgenpost.de und wiwo.de gar nicht auf der Tagesordnung der Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus, die eigentlich der Aufarbeitung der Wahlniederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin galt. Als Auslöser gilt ein Auftritt von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im CDU-Präsidium, von dem sich Merz beeindrucken ließ, wie handelsblatt.com und wiwo.de berichteten.
Regierungssprecher rudert zurück
Der Kanzleramtssprecher stellte umgehend klar, Merz habe das System der Krankenversicherung nicht grundsätzlich infrage gestellt – eine Zusammenlegung oder Abschaffung der PKV sei nicht gemeint gewesen, berichteten tagesschau.de und handelsblatt.com.
Auch aus der CSU kam Widerspruch: Fraktionschef Holetschek mahnte bei der Herbstklausur in Kloster Banz zur Vorsicht, Landesgruppenchef Hoffmann relativierte, Merz habe "nur die Terminvergabe" gemeint. Der Gesundheitspolitiker Pilsinger nannte eine Abschaffung der PKV praktisch wie verfassungsrechtlich äußerst schwierig und warnte vor einer Einheitsversicherung.
Zustimmung von SPD, Grünen und Sozialverbänden
SPD-Gesundheitssprecher Christos Pantazis begrüßte die Äußerungen ausdrücklich und bot Gespräche an, dämpfte aber Erwartungen: Eine Bürgerversicherung habe derzeit keine Mehrheit. Juso-Chef Türmer kommentierte trocken: "Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn."
Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach sprach von einem "Moment der Einsicht" und verwies darauf, dass 80 Prozent der Bevölkerung die Bevorzugung Privatversicherter als ungerecht empfänden. Grünen-Gesundheitsexperte Dahmen konterte scharf: "Offenbar brauchte es erst einen Absturz an der Wahlurne."
Auch Patientenschutz-Vorstand Brysch äußerte Kritik, während VdK-Präsidentin Bentele eine Bürgerversicherung forderte. Grünen-Fraktionschefin Dröge plädierte für die Einbeziehung der PKV in den Risikoausgleich der GKV, SPD-Politikerin Dagmar Schmidt und Pantazis für eine Bürgerversicherung oder zumindest einen finanziellen Ausgleich.
Branche warnt vor Schnellschuss
Aus der Versicherungswirtschaft kam deutlicher Widerspruch. PKV-Verbandsdirektor Reuther warnte vor "Neiddebatten" und verwies auf das CDU-Grundsatzprogramm; schlechte Wahlergebnisse seien kein Anlass, Parteipositionen aufzugeben. Wartezeitenprobleme lägen in der GKV selbst begründet, nicht im Nebeneinander der Systeme.
Laut PKV-Verband fließen durch Privatversicherte jährlich 15,5 Milliarden Euro zusätzlich ins Gesundheitssystem. Bundesärztekammer-Präsident Reinhardt erklärte, ein Gesundheitssystem ohne PKV sei "eine Versorgung mit weniger Geld für alle", da Mehrerlöse der Praxen aus der PKV allen Patienten zugutekämen; er forderte stattdessen Strukturreformen in der GKV.
BVK-Präsident Heinz nannte ein "desaströses Abschneiden an den Wahlurnen" keinen Grund, das bewährte Nebeneinander infrage zu stellen, und verwies auf die Kapitaldeckung der PKV sowie verfassungsrechtliche Hürden durch den Eigentumsschutz. AfW-Vorstand Wirth forderte eine faktenbasierte Reformdebatte statt einer Reaktion auf Wahlergebnisse.
Datenlage zu Wartezeiten
Mehrere Untersuchungen stützen den Befund ungleicher Terminvergabe. Eine RWI-Studie auf Basis von Testanrufen bei Facharztpraxen (Datenbasis 2017/2018) ergab, dass Privatversicherte im Schnitt 12 Tage auf einen Termin warteten, gesetzlich Versicherte hingegen 25 Tage – die Terminchance lag für Privatversicherte um 7 Prozent höher.
Eine Datenanalyse des Versicherungsexperten Homburg, die im Herbst 2025 fast 26.000 Ärzte aus neun Fachrichtungen über Doctolib auswertete, zeigte, dass nur 43,5 Prozent der Praxen überhaupt Termine für gesetzlich Versicherte online freigeschaltet hatten.
In Berlin boten im Bereich Psychotherapie nur 28 von 312 Praxen Kassentermine an. Wo Termine verfügbar waren, warteten Privatversicherte knapp 30 Tage, Kassenpatienten 49 Tage. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beziffert, dass etwa jeder vierte Patient länger als drei Wochen auf einen Facharzttermin wartet.
Das Wissenschaftliche Institut der PKV bezifferte den durch höhere Honorare bedingten Mehrumsatz für 2023 auf 14,46 Milliarden Euro, davon knapp 8 Milliarden Euro bei niedergelassenen Ärzten.
Die PKV-Zusatzversicherungen erreichten 2025 rund 32 Millionen Verträge, mit Vollversicherungen knapp 41 Millionen Policen; die betriebliche Krankenversicherung wuchs auf 2,72 Millionen Beschäftigte, ein Plus von fast 11 Prozent.
Die aktuelle Debatte um GKV und PKV macht ein altes Problem wieder sichtbar: Wer gesetzlich versichert ist, wartet im Schnitt deutlich länger auf einen Facharzttermin. Viele kennen jedoch die eigenen Rechte bei der Terminvergabe gar nicht. Kostenlosen Leitfaden zur Terminvergabe anfordern
Ökonomen uneins über Reichweite einer Reform
Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom RWI Essen dämpfte radikale Erwartungen: Eine PKV-Abschaffung könne "etwa 100 Jahre in Anspruch nehmen", da lediglich der Zugang für Neukunden geschlossen werden könnte, während Bestandsverträge weiterlaufen müssten – sonst drohten Verfassungsklagen.
Die Folgen für GKV-Versicherte seien kurz- und mittelfristig gering, der Effekt auf den Beitragssatz "vernachlässigbar", da der PKV-Anteil nur rund 10 Prozent betrage.
Gesundheitsökonom Friedrich Breyer widersprach in einem FAZ-Interview: Die Zweiteilung von PKV und GKV habe "überhaupt keine Vorteile" und sei historisch gewachsen; sie versichere überproportional Besserverdienende und gesündere Risiken. Er unterstützt die Einbeziehung der PKV in den Risikostrukturausgleich, wodurch die PKV nach seiner Einschätzung wahrscheinlich zu Nettozahlern würde.
Breyer schlägt vor, die GKV auf eine einheitliche Pro-Kopf-Pauschale mit steuerfinanziertem Sozialausgleich umzustellen – eine "Bürgerversicherung durch die Hintertür". Das aktuelle GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ändere an der Ungleichheit bei der Terminvergabe nichts.
Zu möglichen finanziellen Effekten einer Bürgerversicherung gehen die Schätzungen weit auseinander: Der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang errechnete in einem Gutachten für die Linksfraktion Beitragssenkungen von bis zu 3,8 Prozentpunkten, Berechnungen der Grünen kommen auf eine Entlastung um 1,6 Prozentpunkte.
Das Institut der deutschen Wirtschaft hält kurzfristig eine Senkung um 0,8 bis 1,0 Prozentpunkte für möglich, warnt aber, dass die Beiträge nach sechs Jahren wieder auf das Ausgangsniveau steigen würden – mit weiter steigender Tendenz.
Politische Mehrheiten fehlen bislang
Laut einer BR24-Analyse fordern SPD und Grüne eine Bürgerversicherung bereits seit der Jahrtausendwende, zeitweise unterstützten auch Teile der Union, etwa Horst Seehofer, das Konzept.
Widerstand kommt seit jeher vom PKV-Verband, der einen Verfassungsverstoß geltend macht, von der Bundesärztekammer und dem Deutschen Beamtenbund. Eine Bundestagsmehrheit ist derzeit nicht absehbar, die AfD lehnt entsprechende Pläne ab.
Umfragen deuten dennoch auf breite Zustimmung in der Bevölkerung hin: Eine Erhebung des Forschungsmagazins BMC Health Services Research aus 2025 ergab, dass fast 79 Prozent der Bevölkerung ein einheitliches Versicherungssystem befürworten; eine ARD-Befragung aus dem Jahr 2021 hatte bereits 69 Prozent Zustimmung zu einer Zusammenlegung von PKV und GKV ermittelt.
Historisch verwies BR24 darauf, dass die rot-grüne Regierung 2003 die Einkommensgrenze für den PKV-Zugang deutlich angehoben hatte. Das aktuelle GKV-Stabilisierungspaket hebt die Versicherungspflichtgrenze zum Jahreswechsel einmalig stärker als üblich an, um 300 Euro monatlich – künftig liegt der PKV-Zugang bei einem Jahreseinkommen ab 84.150 Euro.
Die private Vollversicherung verharrt seit Jahren stabil bei rund 8,8 Millionen Versicherten, während die Zusatzversicherungen binnen eines Jahrzehnts von 25,1 auf 32,2 Millionen gestiegen sind.
Konkrete Reformschritte der Regierung
Unabhängig von der Grundsatzdebatte treibt Gesundheitsminister Linnemann bereits konkrete Gesetzesvorhaben voran: ein Primärversorgungsgesetz und eine Notfallreform.
Eine Kommission soll im Dezember Ideen für GKV-Strukturveränderungen vorlegen. Der Referentenentwurf für das Primärarztsystem soll laut Berichten bis Ende November beziehungsweise noch im November vorliegen, ein entsprechendes Gesetz könnte 2027 in den Bundestag eingebracht werden.
Nach dem Konzept sollen Termine künftig stärker nach medizinischer Dringlichkeit vergeben werden, Haus- und Kinderärzte sollen die Versorgung stärker steuern, während die Rufnummer 116117 und die digitale Ersteinschätzung ausgebaut werden. Nach Angaben der CSU-Politikerin Zeulner soll das System ab dem 1. Januar 2028 verpflichtend für alle gelten.
Der GKV-Spitzenverband erklärte unterdessen, die grundsätzliche Strukturfrage sei allein auf politischer Ebene zu entscheiden. Jeder dritte Versicherte sei mit der Wartezeit auf Facharzttermine unzufrieden.
Zusätzlich belastet ein Spargesetz die ambulante Versorgung: Nach Angaben von KBV-Chef Gassen streicht es künftig rund 3 Milliarden Euro für die ambulante Versorgung gesetzlich Versicherter. Weitere Vorhaben – Notfallgesetz und Pflegeneuordnungsgesetz – sollen ebenfalls von der für Dezember angekündigten Finanzkommission flankiert werden.
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Auch bei der Pflege zeigen sich laut einem Papier aus dem Arbeitsministerium ("Pflegesoli") deutliche Unterschiede: Die Pro-Kopf-Ausgaben liegen bei privat Versicherten bei 234 Euro gegenüber 683 Euro bei gesetzlich Versicherten – rund dreimal so hoch.
Merz selbst hatte sich noch im Juli 2025 gegen einen Zwang in die GKV ausgesprochen und argumentiert, Privatversicherte leisteten einen "weit überproportionalen Beitrag" zum System. Ob seine jüngste Äußerung tatsächlich einen Kurswechsel einleitet oder eine folgenlose Randbemerkung bleibt, ist angesichts der Klarstellung aus dem Kanzleramt und des Widerstands in der Union offen.
