Wartezeiten: Kassenpatienten warten doppelt so lange wie Privatversicherte
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 21:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medizinische Versorgung in Deutschland steht vor einer weitreichenden Debatte über die Struktur des Versicherungssystems. Auslöser sind Berichte vom 21. September 2026, wonach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach Gremiensitzungen seiner Partei ein deutliches Gerechtigkeitsproblem im Nebeneinander von gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) thematisierte.
Während Privatversicherte Leistungen unmittelbar erhielten, müssten gesetzlich Versicherte oft Wochen oder Monate warten. In der Unionsfraktion bemühte man sich jedoch bereits einen Tag später um eine Relativierung dieser Aussagen.
Differenzen innerhalb der Union und Regierungspläne
Laut Berichten vom 22. September 2026 schwächte Fraktionschef Thorsten Frei (CDU) die Schärfe der Debatte ab. Er betonte, dass das bestehende System so nicht infrage stehe. Vielmehr habe der Bundeskanzler die im Volk verbreiteten Ungerechtigkeitsgefühle angesprochen.
Man arbeite intensiv an Lösungen für schnellere Arzttermine. Auch Alexander Hoffmann, Landesgruppenchef der CSU, präzisierte, dass Merz primär die Terminvergabe und nicht die gesamte Systemstruktur gemeint habe.
Innerhalb der Union herrscht Uneinigkeit über die Konsequenzen der Analyse. CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek warnte auf einer Herbstklausur in Kloster Banz davor, das duale System grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Er schlug stattdessen eine bessere Patientensteuerung und eine Termingarantie vor.
Der Kanzler selbst hatte zuvor darauf verwiesen, dass Zusagen zur wirkungsgleichen Übertragung von GKV-Entscheidungen auf die PKV bislang nicht ausreichend umgesetzt worden seien. Ein Regierungssprecher stellte zudem klar, dass es gute Gründe für das bestehende System gebe, das wachsende Gefühl der Ungerechtigkeit jedoch ernst genommen werde.
Empirische Daten zu Wartezeiten und Versorgungsunterschieden
Die Diskussion wird durch verschiedene Datenanalysen untermauert. Eine Untersuchung des RWI-Leibniz-Instituts auf Basis von Daten aus den Jahren 2017 und 2018 zeigte bereits deutliche Unterschiede: Privatversicherte warteten im Schnitt 12 Tage auf einen Termin, während es bei gesetzlich Versicherten 25 Tage waren.
Eine neuere Analyse des Experten Dieter Homburg vom Herbst 2025 stützt diesen Befund. Bei Online-Terminen über die Plattform Doctolib warteten Privatversicherte knapp 30 Tage, Kassenpatienten hingegen 49 Tage. Zudem hatten nur 43,5 Prozent der untersuchten Ärzte Termine für gesetzlich Versicherte online freigeschaltet.
Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung muss rund jeder vierte Patient länger als drei Wochen auf einen Facharzttermin warten. Der GKV-Spitzenverband forderte daher im September 2026 eine gesetzliche Regelung für eine tagesaktuelle, diskriminierungsfreie Terminplattform.
Die Zahlen sind eindeutig: Privatversicherte warten im Schnitt 12 Tage auf einen Facharzttermin, gesetzlich Versicherte 25 Tage — bei Online-Terminen sogar 49 statt 30 Tage. Wer die eigenen Rechte und die richtigen Wege kennt, verkürzt diese Wartezeit spürbar. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie Ihren Termin aktiv einfordern. Jetzt kostenlosen Termin-Leitfaden anfordern
Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbandes, Stefanie Stoff-Ahnis, schlug vor, dass Praxen einen festen Anteil ihrer Termine in ein solches System einstellen sollten.
Politische Reaktionen und ökonomische Aspekte
Die SPD begrüßte den Vorstoß des Kanzlers. Gesundheitsexperte Christos Pantazis bot der Union Gespräche an und verwies auf das Modell der Bürgerversicherung, für das es jedoch aktuell keine politische Mehrheit gebe.
Auch der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nannte den Fokus auf die Bevorzugung von Privatpatienten im September 2026 richtig. Demgegenüber äußerte FDP-Parteichef Wolfgang Kubicki scharfe Kritik und verwies auf die erhebliche Mitfinanzierung des Systems durch die PKV.
Wirtschaftlich spielt die PKV eine tragende Rolle für die Finanzierung der ärztlichen Infrastruktur. Laut dem Wissenschaftlichen Institut der PKV betrug der Mehrumsatz durch Privatversicherte im Jahr 2023 insgesamt 14,46 Milliarden Euro. Davon entfielen knapp 8 Milliarden Euro auf niedergelassene Ärzte.
Florian Reuther, Direktor des PKV-Verbands, bezifferte den jährlichen Zusatzbeitrag der Privatversicherten im März 2026 auf 15,5 Milliarden Euro. Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt warnte, ein System ohne PKV bedeute weniger Geld für die Versorgung aller Patienten.
Strukturelle Rahmenbedingungen und Ausblick
Das duale System umfasst aktuell rund 58,7 Millionen beitragszahlende Mitglieder in der GKV sowie 8,8 Millionen Menschen in der PKV. Ein Gutachten des Sachverständigenrats aus dem Frühjahr 2026 verdeutlichte soziale Diskrepanzen: Das Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen liegt in der PKV rund 64 Prozent über dem Niveau der GKV.
Nur 43,5 Prozent der untersuchten Praxen haben überhaupt Online-Termine für Kassenpatienten freigeschaltet — und rund jeder vierte Patient wartet länger als drei Wochen auf einen Facharzttermin. Wer nicht länger auf das Wohlwollen der Praxis angewiesen sein will, braucht einen klaren Fahrplan: Welche Vermittlungswege greifen, welche Fristen gelten, welche Rechte Sie durchsetzen können. Termin-Checkliste jetzt kostenlos sichern
Während Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) sich bislang nicht direkt zu der neuen Debatte äußerte, arbeitet sein Haus an strukturellen Reformen. Ein Referentenentwurf zur ambulanten Versorgung soll bis Ende November vorliegen.
Die Koalition plant zudem ein Steuerungssystem mit der Hausarztpraxis als erster Anlaufstelle, dessen vollständige Umsetzung jedoch erst für das Jahr 2028 erwartet wird. Zudem wird im Kabinett ein Entwurf zur Pflegeversicherung beraten, der möglicherweise einen solidarischen Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung vorsieht.
