Wartezeiten, Therapie

Wartezeiten in der Therapie: 67 Tage statt 8 Tage vor 14 Jahren

Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 02:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Längere Wartezeiten stärken die Eigeninitiative, während Kliniken Defizite erwarten und Politik sowie Verbände neue Versorgungswege diskutieren.

Gesundheitswesen unter Druck: Eigenverantwortung und neue Versorgungsmodelle
Ein leerer, modern gestalteter Wartebereich einer medizinischen Einrichtung mit neutralen Möbeln und hellem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle Analysen deuten auf eine signifikante Verschiebung im Gesundheitswesen hin: Ein wachsender Trend zur Eigenverantwortung und zur Inanspruchnahme von Privatmedizin prägt den Sektor der Consumer Health Care. Hintergrund dieser Entwicklung ist eine steigende Nachfrage nach therapeutischen Leistungen, die zunehmend zu längeren Wartezeiten führt und Patienten dazu veranlasst, ihre Gesundheitsversorgung aktiver selbst zu gestalten.

Erkenntnisse zur Eigenverantwortung der Patienten

Der Stada Health Report, für den 20.000 Personen in 20 Ländern befragt wurden, liefert detaillierte Einblicke in diese Entwicklung. Besonders in Österreich zeigt sich ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene Gesundheit.

Laut der Untersuchung fühlen sich 71 % der Österreicher selbst für ihre Gesundheitsbildung und ihren Gesundheitszustand zuständig, was deutlich über dem Länderschnitt von 43 % liegt. Zudem gaben 84 % der befragten Österreicher an, ihre Gesundheit im Griff zu haben – ein Wert, der vergleichbar mit den Ergebnissen aus dem Vereinigten Königreich (89 %) und Usbekistan (85 %) ist.

Trotz der digitalen Transformation bleibt der Wunsch nach persönlicher Betreuung bestehen. 87 % der Befragten in Österreich bevorzugen den persönlichen Kontakt zum Arzt, während 50 % angaben, einer Diagnose durch Künstliche Intelligenz niemals zu vertrauen.

Zwar sind 67 % der Österreicher grundsätzlich mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden, doch zeigt sich deutliche Kritik an den Rahmenbedingungen: 52 % der Befragten fühlen sich durch lange Wartezeiten gestört.

Zuspitzung der Wartezeiten in der Therapie

Die statistischen Daten belegen eine Verschärfung der Wartezeitproblematik. In Wiener Kassen-Instituten und -Ordinationen betrug die durchschnittliche Wartezeit auf eine physikalische Therapie Ende 2025 und Anfang 2026 durchschnittlich 9,6 Wochen beziehungsweise 67,2 Tage.

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Ein Vergleich mit früheren Daten verdeutlicht die Dynamik: Laut ÖGPMR lag die Wartezeit im Jahr 2024 noch bei 39 Tagen, während sie im Jahr 2012 lediglich acht Tage betrug. Als eine der Hauptursachen für diese Entwicklung wird die fortschreitende Alterung der Gesellschaft angeführt.

Die Österreichische Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) weist zudem auf die ökonomischen Dimensionen hin. Einem Hypothesenmodell zufolge könnte eine Verkürzung der Arbeitsunfähigkeit durch schnellere Behandlungen die Kosten um 862 Mio. € pro Jahr dämpfen. Flankierend fordert die Österreichische Ärztekammer (ÖAK) die Ausweitung von Testmöglichkeiten in Apotheken, um das System zu entlasten.

Politische Debatten um Termingarantien und Strukturreformen

In Deutschland hat die Diskussion um die Wartezeiten ebenfalls die politische Ebene erreicht. Daten der Bundesregierung für das Jahr 2024 zeigen, dass gesetzlich Versicherte im Schnitt 42 Tage auf Termine warten mussten. Die SPD-Fraktion, vertreten durch Fraktionschef Miersch, brachte daraufhin eine gesetzliche 3-Wochen-Frist für Facharzttermine ins Gespräch.

Dieser Forderung widersprach der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Er lehnte eine allgemeine gesetzliche Termingarantie mit dem Hinweis auf fehlende Kapazitäten ab. Gassen betonte jedoch, dass objektiv medizinisch dringende Termine bei entsprechender Vergütung meist innerhalb einer Woche vermittelbar seien, etwa über eine hausärztliche Vermittlung oder die Servicestelle 116117.

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Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) verfolgt unterdessen strukturelle Ansätze, um den Kostenanstieg im System zu bremsen. Er strebt eine Reduzierung der Krankenkassen von aktuell 93 auf höchstens 20 an. Bei rund 1,5 Milliarden Arztkontakten pro Jahr in Deutschland – einem Spitzenwert im internationalen Vergleich – sollen Hausärzte künftig stärker als erste Anlaufstelle fungieren.

Wirtschaftlicher Druck auf Kliniken und neue Versorgungsmodelle

Die wirtschaftliche Lage der Leistungserbringer bleibt angespannt. Kirchliche und kommunale Klinikträger in Baden-Württemberg warnen vor einer Insolvenzwelle und fordern ein Nothilfeprogramm.

Für das Jahr 2026 wird dort ein Defizit von 880 Mio. € prognostiziert, das 2027 auf 1,6 Mrd. € ansteigen könnte. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) rechnet für 2027 mit einem Erlösrückgang von 8 % und sieht bis 2030 bei 49 % der Standorte eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit.

Gleichzeitig verändern neue Abrechnungsmodelle wie die Hybrid-DRGs die Landschaft. Im Jahr 2025 stiegen die damit abgerechneten Behandlungsfälle um 17 % gegenüber dem Vorjahr. Während die Fallzahlen in Krankenhäusern um 6 % stiegen, verzeichnete der vertragsärztliche Bereich ein Plus von 65 %. Für das Gesamtjahr 2026 wird mit Mehrausgaben von rund 640 Mio. € in diesem Bereich gerechnet.

Um die Versorgung zukunftsfest zu machen, fordert Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV), eine teambasierte Primärversorgung nach dem „Best Point of Care“-Prinzip. Ziel sei eine wohnortnahe Versorgung durch die jeweils passenden Experten unter stärkerer Einbindung der Pflegeberufe.

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