Vorhofflimmern: Smartwatches erkennen die Rhythmusstörung zu über 90 Prozent
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 12:15 Uhr | Redaktion boerse-global.deSmartwatches und Fitnessarmbänder können Vorhofflimmern mit einer Trefferquote von über 90 Prozent identifizieren. Darauf verweist die Deutsche Herzstiftung. Technologische Grundlage für diese Zuverlässigkeit sind die kontinuierliche Pulsmessung mittels Infrarotlicht sowie 1-Kanal-Elektrokardiogramme über eine Messdauer von 30 Sekunden.
Die frühzeitige Entdeckung gilt medizinisch als hochrelevant: Laut einem Bericht der Stiftung vom 2. November 2026 sind in Deutschland über 1,6 Millionen Menschen von Vorhofflimmern betroffen. Bei nahezu der Hälfte der Patienten verläuft die Rhythmusstörung ohne spürbare Symptome.
Zugleich gehen 20 bis 30 Prozent aller ischämischen Schlaganfälle auf Vorhofflimmern zurück, wobei Herzrhythmusstörungen besonders nachts und in Ruhephasen unbemerkt bleiben. Weltweit sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation die häufigste Todesursache; für die USA wird bis zum Jahr 2030 mit voraussichtlich 23,6 Millionen Betroffenen gerechnet.
Technische Möglichkeiten und medizinische Grenzen
Trotz der hohen Trefferquote ersetzen Wearables keine ärztliche Diagnose mittels eines klinischen 12-Kanal-EKGs. Fehlalarme kommen vor, zudem lassen sich Herzinfarkte und die koronare Herzkrankheit (KHK) über die tragbaren Sensoren nicht feststellen.
Gegenüber dem klinischen Standard bestehen Einschränkungen durch eine geringere Datenbreite, Störanfälligkeiten bei Bewegung sowie die Notwendigkeit eines exakten Sitzes am Handgelenk. Zudem kann eine zu häufige Selbstmessung Ängste bei Nutzern schüren.
Schlägt das Gerät Alarm, sollte dies als Frühwarnsignal verstanden und medizinisch abgeklärt werden. Bei akuten Brustschmerzen ist umgehend der Notruf 112 zu wählen. Für verlässliche Werte empfehlen Experten Geräte mit CE-Kennzeichnung als Medizinprodukt.
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Das Wearable sollte fest etwa einen Fingerbreit über dem Handgelenksknochen sitzen, während EKG-Aufzeichnungen ausschließlich im Ruhezustand erfolgen sollten. Personen über 65 Jahren mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder KHK wird eine tägliche Pulsmessung empfohlen, Menschen ab 75 Jahren generell täglich. Eine reguläre Herzfrequenz bewegt sich zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute.
Studien belegen Nutzen im klinischen Alltag
Klinische Untersuchungen untermauern das Potenzial mobiler Sensoren. Eine Studie des Amsterdam UMC untersuchte 437 Schlaganfall-Hochrisipatienten mit einem medianen Alter von 75 Jahren über einen Zeitraum von sechs Monaten. Die Hälfte der Teilnehmenden trug rund zwölf Stunden täglich eine Apple Watch, die andere Hälfte nutzte ein Klebe-EKG.
Das Smartwatch-Screening erkannte fast viermal so viele Fälle von Vorhofflimmern wie die konventionelle Methode: In der Smartwatch-Gruppe gab es 21 Diagnosen (davon 57 Prozent asymptomatisch), in der Kontrollgruppe fünf Diagnosen (alle symptomatisch).
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Der Kardiologe Michiel Winter vom Amsterdam UMC hob hervor, dass die Kombination aus Pulsmessung und EKG helfe, unbemerkte Arrhythmien früher aufzuspüren.
Bereits auf der Heart Rhythm Conference 2017 stellten Cardiogram und die University of California, San Francisco eine Untersuchung vor: Ein Deep-Learning-Algorithmus erkannte Vorhofflimmern anhand der Herzfrequenzdaten von 6.158 Cardiogram-Nutzern zu 97 Prozent korrekt, wie Entwickler Avesh Singh darlegte.
In der finnischen CARE-DETECT-Studie mit 150 Hochrisikopatienten nach kardialen Eingriffen wurden innerhalb von drei Monaten sechs neue Fälle (7,7 Prozent) in der Interventionsgruppe registriert, gegenüber keinem Fall in der Kontrollgruppe. Dabei kamen ein nächtlicher Bett-Sensor und eine Smartphone-App zum Einsatz.
Während der Bett-Sensor zwar Alerts in drei bestätigten Fällen generierte, aber keine eigenständige Erkennung auslöste, meldete die App die Rhythmusstörung in drei Fällen zuerst. Der positive prädiktive Wert lag bei 15,4 Prozent, womit etwa einer von sieben Alarmen zutraf.
Auch außerhalb von Smartwatches verbessert sich die Früherkennung: Spezielle Algorithmen in Blutdruckmessgeräten weisen eine Sensitivität von 97 Prozent und eine Spezifität von 93 Prozent auf, ersetzen gemäß den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2024 aber ebenfalls keine EKG-Bestätigung. Während allgemeine Pulsunregelmäßigkeiten angezeigt werden, liefern spezialisierte Algorithmen konkrete Hinweise auf Vorhofflimmern.
Parallel dazu bauen Hersteller die Funktionen ihrer Geräte international weiter aus; so führte Garmin laut einem Bericht vom 3. November 2026 eine EKG-App für die Smartwatch-Modelle f?nix 9, Venu 4 und Forerunner 970 in Indien ein, um Vorhofflimmern über ein 30-Sekunden-EKG bei Erwachsenen ab 22 Jahren aufzuzeichnen.
