Vorhofflimmern, Millionen

Vorhofflimmern: 1,6 Millionen Deutsche betroffen, neue Therapien im Test

Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 09:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Bei Hochrisikopatienten zeigte der Katheterverschluss keinen Vorteil gegenüber individuell angepasster Antikoagulation; weitere Ansätze werden untersucht.

Vorhofflimmern: Studie stellt Nutzen des Vorhofohrverschlusses infrage
Ein klinisch sauberer, menschenleerer Krankenhausflur in modernem Design mit sanfter Beleuchtung und reflektierenden Bodenflächen. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle klinische Daten werfen Fragen zur Wirksamkeit kathetergestützter Verfahren beim Verschluss des linken Vorhofohrs auf. Eine Studie, die im Rahmen eines medianen Beobachtungszeitraums von drei Jahren Patientinnen und Patienten mit hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko untersuchte, konnte keinen Vorteil des Eingriffs gegenüber einer individualisierten medikamentösen Antikoagulation belegen.

Die Ergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass schwerwiegende Ereignisse wie Schlaganfälle, schwere Blutungen oder kardiovaskuläre Todesfälle in der Interventionsgruppe häufiger auftraten.

Krankheitslast und stationäre Versorgung in Deutschland und Österreich

Die Bedeutung wirksamer Behandlungsstrategien wird durch die steigenden Patientenzahlen unterstrichen. Laut dem im September 2026 veröffentlichten Update des Deutschen Herzberichts sind in Deutschland über 1,6 Millionen Menschen von Vorhofflimmern betroffen.

Im Jahr 2024 wurden rund 360.800 stationäre Krankenhausbehandlungen aufgrund dieser Diagnose durchgeführt. Weitere Schätzungen gehen von bis zu 2 Millionen Betroffenen in Deutschland aus, wobei 20 bis 30 Prozent der ischämischen Schlaganfälle auf diese Rhythmusstörung zurückzuführen seien.

In Österreich beläuft sich die Zahl der Betroffenen auf etwa 100.000 Personen. International zeigen sich ähnliche Dimensionen; so sind in den USA schätzungsweise 10,5 Millionen Menschen von Vorhofflimmern (AFib) betroffen.

Regulatorische Neuerungen und chirurgische Begleitbehandlungen

Parallel zur Diskussion um den Vorhofohrverschluss gibt es neue regulatorische Weichenstellungen für verwandte Verfahren. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat Mitte September 2026 den perkutan implantierten interatrialen Shunt für die vertragsärztliche Versorgung bei schwerer Herzinsuffizienz geöffnet.

Ein Anspruch besteht für Patientinnen und Patienten mit einer linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) von höchstens 40 Prozent und im NYHA-Stadium III. Die Entscheidung basierte auf der RELIEVE-HF-Studie und Auswertungen des IQWiG, die eine Verringerung der Krankenhauseinweisungen zeigten, wenngleich keine Vorteile bei der Mortalität oder der allgemeinen Lebensqualität festgestellt wurden.

Für Patienten, die sich ohnehin einem herzchirurgischen Eingriff wie einer Bypass-Operation oder einem Klappenersatz unterziehen müssen, bleibt der chirurgische Verschluss des Vorhofohrs eine Option. Fachleute weisen darauf hin, dass das zusätzliche Risiko bei einer solchen Mitbehandlung als sehr niedrig einzustufen sei.

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Entwicklungen in der Ablationstherapie und Klappentechnologie

Im Bereich der Katheterablation liefern neue Studien differenzierte Erkenntnisse. Eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte randomisierte Untersuchung, die auch auf der ESC-Jahrestagung in München thematisiert wurde, bestätigte, dass die Katheterablation das Wiederauftreten von Vorhofflimmern verringert.

Interessanterweise besserte sich die Lebensqualität der Probanden jedoch auch in einer Kontrollgruppe, die lediglich eine Scheinbehandlung (Sham-Ablation) erhielt.

Technologisch kommen neue Systeme zum Einsatz, wie etwa das Volt PFA-System von Abbott, das Anfang September 2026 erstmals in einer Einrichtung im US-Bundesstaat Illinois angewendet wurde. Das Verfahren der Pulsfeldablation wird dort bereits seit dem Frühjahr 2024 genutzt.

In Österreich wurde zudem im Frühjahr 2024 am Universitätsklinikum AKH Wien erstmals ein katheterbasierter Trikuspidalklappenersatz mit einer neu zugelassenen Prothese außerhalb klinischer Studien erfolgreich durchgeführt.

Forschung zu Früherkennung mittels Netzhautanalyse

Zukünftige Diagnosewege könnten über die Ophthalmologie führen. Eine Studie des University College London (UCL) untersuchte Daten von etwa 90.000 Personen und stellte fest, dass die mGCIPL-Netzhautschicht bei Menschen mit Vorhofflimmern dünner ausgeprägt ist.

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Bei Teilnehmern der UK-Biobank, die zum Zeitpunkt der Aufnahme gesund waren, aber im Durchschnitt vier Jahre später die Diagnose Vorhofflimmern erhielten, war diese Schicht bereits messbar dünner. Eine Verringerung der Schichtdicke um eine Standardabweichung korrelierte mit einer um 27 Prozent höheren statistischen Rate für eine spätere Diagnose.

Der Studienautor Siegfried Wagner betonte jedoch, dass es sich hierbei nicht um einen individuellen Vorhersagetest handele und das Verfahren ein klassisches EKG nicht ersetzen könne. Zur weiteren Sensibilisierung und Früherkennung werden auch niederschwellige Projekte initiiert, wie etwa das Vorhaben „Kumpelherz“ im Umfeld des Profifußballs, bei dem kurzzeitige EKG-Messungen für eine breite Masse an Personen angeboten werden.

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de | wissenschaft | 70129504 |