Vitaminproduktion: 60% aus China, Europa verliert Marktanteile
Veröffentlicht am: 28.08.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der deutschen Gesundheitspolitik rückt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Pharmastandorts verstärkt in den Fokus. Im Zentrum der Diskussion steht ein Ende August 2026 vorgelegtes Konzept des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), das steuerliche und regulatorische Anreize für Investitionen in die heimische Produktion vorsieht.
Hintergrund ist die geplante Erhöhung des Herstellerabschlags für patentgeschützte Arzneimittel, die laut dem geltenden Sparpaket zum 1. Januar 2027 wirksam werden soll.
Das Konzept des BPI zur Entlastung der Hersteller
Der Branchenverband BPI schlägt eine sogenannte Standortklausel vor, um die Belastungen für forschende Pharmaunternehmen abzufedern. Das Konzept sieht vor, Unternehmen von dem erhöhten Herstellerabschlag zu befreien, sofern sie nachweislich zusätzliche Investitionen in deutsche Produktionsstätten und die Resilienz ihrer Lieferketten tätigen. Der reguläre Abschlag soll ab Anfang 2027 um 8,5 Prozentpunkte auf insgesamt 15,5 % steigen.
Die vorgeschlagene Klausel knüpft eine Entlastung an strikte Kriterien. Demnach müssten Unternehmen entsprechende Anträge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) stellen. Zu den Anforderungen gehören eine mehrjährige Standortbindung, eine wirksame Kumulierungskontrolle sowie Regelungen zur Rückforderung bei Nichteinhaltung der Zusagen.
Zudem ist das Modell zeitlich befristet und mit Höchstbeträgen versehen. Da eine Begünstigung ausschließlich deutscher Unternehmen gegen europäisches Recht verstoßen würde, orientiert sich das Konzept an europarechtlichen Leitplanken und sieht eine Notifizierungspflicht vor.
Kritik der Krankenkassen an der Umverteilung
Gegenwind für diese Pläne kommt von den gesetzlichen Krankenkassen. Die AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann kritisierte Ende August 2026, dass Ausnahmen vom Herstellerabschlag in Höhe von 8,5 % die Ziele des Sparpakets konterkarieren würden. Nach Einschätzung der AOK sei Wirtschaftsförderung keine Kernaufgabe der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
Zudem greife die Klausel für einen Großteil der forschenden Unternehmen nicht. Reimann verwies darauf, dass für die Attraktivität des Standorts andere Faktoren wie der Abbau von Bürokratie, die Verfügbarkeit von Fachkräften sowie wettbewerbsfähige Energiepreise und Steuern entscheidender seien.
Auch Vertreter der Ersatzkassen und regionale Kassenvertreter äußerten deutliche Vorbehalte. Johannes Bauernfeind, Chef der AOK Baden-Württemberg, warnte vor einer Standortpolitik, die einseitig zulasten der Beitragszahler gehe. Es sei ein Fehler, bei Investitionsentscheidungen der Industrie auf ein selbstloses Entgegenkommen als Reaktion auf finanzielle Zugeständnisse zu setzen.
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Strukturelle Herausforderungen im globalen Wettbewerb
Daten des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) aus dem August 2026 verdeutlichen den Druck auf den Forschungsstandort. Zwar beliefen sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) in der Chemie- und Pharmabranche im Jahr 2025 auf knapp 16 Mrd. Euro, was einer Forschungsquote von 7,3 % entspricht.
Dennoch planten für das Jahr 2026 rund 29 % der Unternehmen mit rückläufigen F&E-Investitionen im Inland, während 41 % ihre Budgets im Ausland erhöhen wollten.
Der deutsche Anteil an den globalen F&E-Ausgaben ist laut VCI-Statistiken von 6,5 % im Jahr 2010 auf 4,2 % im Jahr 2025 gesunken. Auch bei den Patentanmeldungen verzeichnet der Standort Verluste: Der weltweite Anteil deutscher Patente halbierte sich nahezu von 14 % (2010) auf 7,6 % im Jahr 2024, während China seinen Anteil auf 19 % ausbauen konnte. Als größte Hemmnisse nannten die befragten Unternehmen die ausufernde Bürokratie sowie langwierige Genehmigungsverfahren.
Abhängigkeiten am Beispiel der Vitaminproduktion
Die Risiken einer Abwanderung von Produktionskapazitäten zeigen sich exemplarisch im Bereich der Vitamine. Europa hat in den letzten Jahren erhebliche Marktanteile an China verloren.
Während in Sisseln in der Schweiz noch ein Drittel der weltweiten Vitamin-E-Menge produziert wird, stammen bereits 60 % der globalen Produktion aus China. Bei anderen essenziellen Vitaminen wie B6, B9, B12, H und C liegt der chinesische Produktionsanteil sogar bei über 90 %.
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Diese Konzentration führt zu wirtschaftlichem Druck auf europäische Standorte. So wurde im August 2026 bekannt, dass der Finanzinvestor CVC die Mehrheit an der Vitaminsparte von DSM-Firmenich übernimmt, die einen Umsatz von 1,8 Mrd. Euro erwirtschaftet.
Da viele Hersteller aufgrund eines drohenden Überangebots aus neu errichteten chinesischen Fabriken mit Verlusten kämpfen, bleibt die Sicherung lokaler Lieferketten ein zentrales Thema der politischen Beratungen, die bis Ende September 2026 in konkrete Formulierungshilfen für die Gesetzgebung münden sollen.
