Vitamin-D-Präparate: Stiftung Warentest empfiehlt nur zwei von 25 Mitteln
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 10:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie eigenmächtige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Vorbeugung von Knochenschwund birgt erhebliche gesundheitliche Gefahren. Medizinische Fachbeiträge warnen vor einer einseitigen Supplementierung ohne vorherige Labordiagnostik. Insbesondere die unkontrollierte Zufuhr von Vitamin D und Calcium kann zu schweren Stoffwechselstörungen wie einer Hypercalcämie führen, anstatt den Bewegungsapparat zu stärken.
Akute Risiken durch Überdosierung und Hypercalcämie
Die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Anses) weist darauf hin, dass Vitamin D fettlöslich ist und im Körper gespeichert wird. Werden verschreibungspflichtige Medikamente, Tropfen, Ampullen, Multivitamine und Kombinationspräparate gleichzeitig konsumiert, addieren sich die Mengen.
Eine übermäßige Zufuhr kann einen zu hohen Calciumspiegel im Blut auslösen, was das Risiko für Nierenschäden und Herz-Kreislauf-Störungen erhöht. Die Behörde rät dazu, vor einer Kur alle Präparate und Dosierungen ärztlich oder in der Apotheke abzugleichen, verordnete Dosen jedoch nicht eigenmächtig abzusetzen.
Prof. Dr. Bodo Klump, Chefarzt an den Medius Kliniken, betont, dass gesunde Menschen keine täglichen Vitamin-D-Präparate einnehmen sollten, da Sonnenlicht die wichtigste Quelle bleibe. Eine Überdosierung könne Müdigkeit, Muskelschwäche, Übelkeit, Herzrhythmusstörungen sowie Nierensteine verursachen. Zudem seien paradoxe Effekte wie ein erhöhtes Sturzrisiko und eine Verschlechterung der Knochendichte dokumentiert.
Welche Folgen ein unbedachter Mischkonsum haben kann, zeigte der Fall eines 54-jährigen Patienten in Wuhan: Nach gleichzeitiger Zufuhr von Calciumtabletten, Vitamin D, calciumreichen Nahrungsergänzungsmitteln und Multivitaminpräparaten entwickelte er eine Hypercalcämie mit akuter Nierentubulusschädigung.
Symptome wie Schwäche, Appetitlosigkeit, Schwindel und vermehrtes Wasserlassen erforderten eine intensivierte Behandlung im Nierenzentrum des Wuhan Third Hospital (Guanggu).
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Dr. Feng Baohong warnte in diesem Zusammenhang, dass gesunde Personen keine mehrfachen Präparate kombinieren sollten. Auch Facharzt Dr. Furkan Karabulut stellt klar, dass eine higher Vitamindosis die Immunabwehr nicht verbessere und Präparate nur bei nachgewiesenem Mangel indiziert seien.
Mängel bei Präparaten und fraglicher Nutzen
Untersuchungen zeigen erhebliche Qualitäts- und Dosierungsunterschiede im Handel. Die Stiftung Warentest bewertete in der Ausgabe 1/2026 von 25 geprüften Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmitteln lediglich zwei Produkte als geeignet: „Vitamin D compact“ von GSE mit einer Tagesdosis von 200 i.E. sowie „Vital Vitamin D“ von Rotkäppchen mit 400 i.E. Fünf Mittel fielen als „nicht geeignet“ durch, da sie bei dauerhafter Anwendung Nierenschäden auslösen können.
Zusätzliche Probleme bereiten handelsübliche Mischungen. Prof. Dr. Ralf Oheim vom UKE Hamburg verweist darauf, dass viele Kombi-Präparate fehlerhaft proportioniert seien.
Häufig enthalten sie 600 bis 800 mg Calcium, aber lediglich 400 I.E. Vitamin D. Gemessen an den Referenzwerten der DGE von 800 I.E. Vitamin D und 1000 mg Calcium führe dies zu einer Unterversorgung mit Vitamin D bei gleichzeitiger Überversorgung mit Calcium.
Zu hohe Calciummengen können Magen-Darm-Beschwerden sowie Nierensteine begünstigen, während der Mineralstoffbedarf in der Regel über Nahrungsmittel wie Milchprodukte, Gemüse, Nüsse und Mineralwasser gedeckt werden kann.
Dass die präventive Einnahme oft überschätzt wird, belegt eine 2025 im Fachjournal BMC Musculoskeletal Disorders veröffentlichte Meta-Analyse mit über 40.000 Probandinnen: Die kombinierte Gabe von Vitamin D und Calcium führte bei Frauen nach der Menopause weder zu einer deutlichen Verbesserung der Knochendichte noch zu einer Senkung des Frakturrisikos.
Die Bedeutung gezielter Diagnostik
Dem Bundesinstitut für Risikobewertung zufolge sollten maximal 20 Mikrogramm (800 i.E.) Vitamin D täglich über Nahrungsergänzungsmittel aufgenommen werden. Laut dem Robert Koch-Institut sind 44 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ausreichend versorgt.
Depot-Präparate werden wegen Anwendungsfehlern und eines erhöhten Sturzrisikos bei älteren Menschen kritisch beurteilt. Eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Status kostet etwa 20 bis 50 Euro und wird bei medizinischem Verdacht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
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Der Orthopäde Dr. Romeo Linte warnt davor, Calcium ungezielt einzunehmen, da dies Knochensporne (Osteophyten) fördern könne. Frauen in den Wechseljahren benötigten zur Knochenfixierung neben Calcium auch Vitamin D3, jedoch stets auf Basis individueller Laborwerte.
Laut Internistin Dr. Heo Jin werden ohne Vitamin D lediglich 5 bis 10 Prozent des Calciums absorbiert, während die Rate in Kombination auf 50 bis 70 Prozent steigt. Einzeldosen über 500 mg belasten den Organismus; zudem reiche eine reine Nährstoffgabe bei manifester Osteoporose nicht aus, sondern erfordere gezielte verschreibungspflichtige Medikamente.
Dr. Giovanni Leonetti verweist zudem auf eine 2017 im American Journal of Clinical Nutrition erschienene Untersuchung, wonach Multivitaminpräparate oft höhere Dosen als deklariert aufwiesen – bei Selen und Jod lag der Gehalt im Schnitt rund 25 Prozent über den Angaben. Vor der Einnahme hochkonzentrierter Präparate ist eine differenzierte Labordiagnostik daher unerlässlich.
