Vitamin-D-Mangel: 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ganzjährig betroffen
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 15:23 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle wissenschaftliche Berichte verdeutlichen eine anhaltend hohe weltweite Prävalenz von Vitamin-D-Mangel. Neben den bekannten Auswirkungen auf die Knochengesundheit rücken zunehmend die potenziellen Folgen für Alterungsprozesse, chronische Erkrankungen und die Gesamtmortalität in den Fokus der Forschung. Gleichzeitig betonen Fachleute, dass die körpereigene Synthese durch Sonnenexposition in vielen Regionen der Erde zeitlich stark begrenzt bleibt.
Hohe Verbreitung in Europa und weltweit
Die Unterversorgung mit dem sogenannten Sonnenvitamin betrifft große Teile der Bevölkerung. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts weisen etwa 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ganzjährig einen Mangel auf, während die Quote in den Wintermonaten auf bis zu 60 Prozent ansteigt.
Zwischen dem 47. und 55. Breitengrad, in dem Deutschland liegt, reicht die Sonnenstrahlung von Oktober bis März nicht aus, um eine adäquate Synthese über die Haut zu ermöglichen. Körpereigene Sommerreserven sind in der Regel bis November aufgebraucht, wodurch im Februar und März Tiefstwerte erreicht werden.
Eine ähnliche Situation zeigt sich in anderen Regionen. Eine im Fachjournal BMC Public Health veröffentlichte retrospektive Analyse von 85.892 Erwachsenen an einem Universitätsklinikum in der Türkei ergab für den Untersuchungszeitraum von 2016 bis 2025 bei 66,4 Prozent der Probanden einen Mangel von unter 20 ng/ml.
Nur 11,9 Prozent wiesen ausreichende Werte auf. Frauen waren mit 68,6 Prozent häufiger betroffen als Männer mit 61,3 Prozent. Den höchsten Mangelanteil verzeichnete die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen mit 72,00 Prozent, während Personen ab 65 Jahren zu 62,51 Prozent unterversorgt waren.
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Nach Erhebungen im internationalen Vergleich liegt die Mangelrate weltweit bei 47,9 Prozent, in Europa bei 40,4 Prozent, in Dänemark bei 13,8 Prozent und in Pakistan bei 69,9 Prozent.
Schätzungen für Polen gehen von einer Mangelquote von bis zu 90 Prozent aus. Auch in Nordengland belegte eine Untersuchung der Newcastle University eine ganzjährige Unterversorgung bei älteren Erwachsenen und ethnischen Minderheiten, bei denen Sonnenlicht im Sommer allein nicht ausreicht.
Einfluss auf Sterblichkeit und chronische Erkrankungen
Eine 2026 in der Fachzeitschrift Aging Cell veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten der israelischen Organisation Leumit Health Services mit over 468.500 Erwachsenen sowie Daten des US-Netzwerks TriNetX.
Bei einem schweren Mangel mit Werten von unter 10 ng/ml lag das bereinigte Mortalitätsrisiko in den israelischen Daten bei einer Hazard Ratio von 2,57, begleitet von einer 8-Jahres-Kumulativmortalität von rund 14 Prozent gegenüber 8 Prozent in der Vergleichsgruppe. Die TriNetX-Analyse wies eine Hazard Ratio von 1,59 auf.
Zudem korrelierte ein schwerer Mangel in beiden Kohorten mit erhöhten Risiken für Amputationen, diabetische Retinopathie, Dialysepflichtigkeit sowie Herzinfarkte und Demenzerkrankungen. Umgekehrt zeigte sich eine inverse Assoziation bei Hautkrebs.
Eine modellierte Zunahme des Spiegels um mehr als 10 ng/ml durch Supplementierung bei 247.848 Personen ging mit einer Hazard Ratio für Mortalität von 0,72 einher. Da es sich um Beobachtungsdaten handelt, weisen die Autoren darauf hin, dass keine randomisierten kontrollierten Studien vorliegen.
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Frühere Untersuchungen ergänzen diese Beobachtungen: Eine gemeinsame Studie der University of Exeter und der University of Calgary aus dem Jahr 2023 mit über 12.000 Personen fand 40 Prozent weniger Demenzdiagnosen unter Anwendern von Vitamin-D-Präparaten.
Daten aus der Fachzeitschrift Neurology verknüpften mittleren Mangel mit einem um etwa 53 Prozent höheren Demenz- sowie einem um 69 Prozent höheren Alzheimer-Risiko. Eine US-Studie von Intermountain Health aus dem Jahr 2025 deutete darauf hin, dass eine an Blutwerte angepasste Gabe nach einem Herzinfarkt das Risiko für ein erneutes kardiales Ereignis um bis zu 50 Prozent reduzieren konnte.
Ernährungsgrenzen und Empfehlungen zur Zufuhr
Die Deckung des Bedarfs über die Ernährung bleibt limitiert. Über Lebensmittel lassen sich maximal 10 bis 20 Prozent des Bedarfs decken; ein Lachssteak liefert etwa 400 bis 800 Internationale Einheiten (IE), ein Ei rund 40 IE.
Eine US-Analyse im Rahmen der NHANES-Erhebung über ein Jahrzehnt mit 26.282 Erwachsenen ergab, dass 95 Prozent den durchschnittlichen Bedarf allein über Lebensmittel verfehlen; selbst unter Einbezug von Supplementen blieb die Unzureichend-Rate bei 65 Prozent.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine Zufuhr von 800 IE täglich, sofern die Eigensynthese fehlt. Als Zielwert gilt ein Blutspiegel ab 50 nmol/l beziehungsweise 20 ng/ml. Werte unter 25 bis 30 nmol/l werden als mangelhaft eingestuft.
Endokrinologen halten teils Zielspiegel von 30 bis 50 ng/ml und Zufuhrmengen von 1000 bis 2000 IE für sinnvoll. Als tolerierbare Obergrenze für Erwachsene gelten 4000 IE pro Tag. Zu hohe Dosen bergen Risiken: Blutwerte über 100 ng/ml können zu Hyperkalzämie, Hyperkalziurie, Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen führen.
Eine Metaanalyse über 22 randomisierte Studien zeigte bei Dosen von 3200 bis 4000 IE ein über zweifach höheres Risiko für erhöhte Kalziumspiegel im Blut. Fachgesellschaften raten daher von einer unkontrollierten hochdosierten Vorbeugung ohne nachgewiesenen Mangel ab und empfehlen individuelle Blutuntersuchungen zur Dosisfindung.
