Visionen, Lebensende

Visionen am Lebensende: 50 bis 60 Prozent der Sterbenden erleben sie

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 00:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschungen beschreiben häufige, meist beruhigende Visionen bei Sterbenden und zeigen, wie die Auseinandersetzung mit dem Tod entlasten kann.

Sterbevisionen: Warum vertraute Gesichter vielen Menschen Trost geben
Ein friedliches, sonnendurchflutetes Hospizzimmer mit einem unbenutzten, ordentlich gemachten Bett in einer ruhigen Atmosphäre. Illustration mit AI erstellt.

Fachkräfte in Hospizen und auf Palliativstationen berichten seit Langem von wiederkehrenden Wahrnehmungen bei sterbenden Menschen. Viele Patienten geben an, bereits verstorbene Angehörige zu sehen oder mit ihnen zu sprechen. Diese Phänomene werfen in der Medizin und Psychologie wichtige Fragen dazu auf, wie das menschliche Gehirn die letzte Lebensphase kognitiv und emotional verarbeitet.

Abgrenzung zu Halluzinationen und Delirium

In der Sterbebegleitung wird beobachtet, dass diese Träume und Visionen am Lebensende nicht mit Zuständen geistiger Verwirrung gleichzusetzen sind. Die Hospizpflegerin Julie McFadden grenzt das Erleben von Visionen ausdrücklich von Delirium oder krankheitsbedingten Halluzinationen ab.

Nach ihren Beobachtungen beginnen diese Erlebnisse meist drei bis vier Wochen vor dem Tod. Ein wesentliches Merkmal dabei sei, dass die betroffenen Personen während dieser Phasen geistig klar und orientiert bleiben.

Umfangreiche Untersuchungen zu diesem Phänomen führte Christopher Kerr am Zentrum für Hospiz- und Palliativversorgung im US-amerikanischen Buffalo durch. Über einen Zeitraum von mehr als 27 Jahren befragte der Hospizarzt mehr als 1.500 sterbende Menschen mit erhaltenen kognitiven Fähigkeiten, teilweise gestützt durch Videoaufzeichnungen.

Laut Kerr erleben schätzungsweise 50 bis 60 Prozent der bei Bewusstsein verbleibenden Sterbenden solche Visionen oder Träume. Diese treten in zeitlichen Abständen von Monaten, Wochen, Tagen oder wenigen Stunden vor dem Tod auf.

Trost durch friedliche Erinnerungsbilder

In einer früheren Untersuchung mit 59 Hospizpatienten gaben 88 Prozent der Befragten an, mindestens einen solchen Traum oder eine Vision gehabt zu haben. Fast alle Teilnehmenden empfanden das Erlebte als real. Zudem berichteten rund 88 Prozent der von Kerr befragten Personen, dass ihnen diese Erfahrungen guttaten und in den letzten Lebenstagen deutlich Ruhe verschafften.

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Den Berichten zufolge erscheinen in den Visionen überwiegend verstorbene Bezugspersonen, die im Leben der Erkrankten eine positive, schützende oder pflegende Rolle gespielt hatten.

Belastete oder von Konflikten geprägte Beziehungen tauchen dagegen selten auf. Kerr beschreibt die Wahrnehmungen als lebhaft, angstfrei und tröstlich, oft strukturiert um geliebte Menschen oder das Motiv des Reisens. Je näher der Tod rückt, desto häufiger treten diese Erfahrungen auf.

Kerr, der seine Forschungsergebnisse unter anderem in einem Gespräch mit Oprah Winfrey im August sowie gegenüber US-Medien wie der Washington Post, USA Today und NPR darlegte, betont, dass die Liebe überdauere. Er beschreibt das Sterben als einen schrittweisen Prozess, bei dem Menschen im Tiefschlaf und nicht im Wachzustand versterben.

Psychische Entlastung und das Konzept des doppelten Bewusstseins

Auch die Psychoonkologie befasst sich mit den Bewältigungsmustern am Lebensende. Elisabeth Jentschke, die den psychoonkologischen Dienst am Universitätsklinikum Würzburg leitet, erklärte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, dass die Akzeptanz des bevorstehenden Todes eine enorme Entlastung darstellen könne.

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Psychische Energie müsse dann nicht länger für die Abwehr einer unabwendbaren Realität aufgewendet werden, während die Hoffnung auf ein Wunder dennoch parallel bestehen bleiben dürfe.

In der Fachwelt wird dieser Zustand als doppeltes Bewusstsein bezeichnet. Er beschreibt die Fähigkeit, sich aktiv mit dem Sterben auseinanderzusetzen und gleichzeitig dem gegenwärtigen Leben verbunden zu bleiben. Dieser Prozess gelingt jedoch nicht allen Betroffenen: Untersuchungen weisen darauf hin, dass fast die Hälfte der Menschen mit einer schweren Erkrankung emotional nicht vollends erfasst hat, dass das eigene Leben endet.

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