Versicherungsmodell: Verzicht auf Therapien am Lebensende soll Prämien senken
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 08:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der Debatte um die langfristige Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens rücken neue Modelle der Eigenverantwortung in den Fokus. Der Gesundheitsökonom Tilman Slembeck, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sowie an der Universität St. Gallen (HSG) lehrt, thematisiert in diesem Zusammenhang das Konzept der individuellen Selbstrationierung.
In einem Bericht vom 29. September 2026 wird ein Modell skizziert, bei dem Versicherte explizit auf lebensverlängernde Maßnahmen am Lebensende verzichten können, um im Gegenzug von niedrigeren Versicherungsprämien zu profitieren.
Freiwilligkeit als Alternative zur staatlichen Rationierung
Ein zentraler Aspekt in Slembecks Überlegungen ist die Abkehr von kollektiven Verzichtsvorgaben. Laut dem Ökonomen sei ein gesellschaftlicher Konsens über eine staatlich verordnete Rationierung von Gesundheitsleistungen aus Kostengründen in der Schweiz kaum zu realisieren. Stattdessen setze das vorgeschlagene Modell auf die Autonomie des Einzelnen.
Durch eine freiwillige Entscheidung gegen kostspielige, lebensverlängernde Therapien in der finalen Lebensphase könnten Versicherte eine direkte finanzielle Entlastung bei ihren monatlichen Fixkosten erfahren. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die ökonomischen Anreize im System so zu verschieben, dass Verzicht belohnt wird, ohne die Versorgungsqualität für jene zu mindern, die sich bewusst für das volle Leistungsspektrum entscheiden.
Ursachen der steigenden Gesundheitsausgaben
Zur Einordnung der Notwendigkeit solcher Modelle verweist Slembeck auf drei wesentliche Faktoren, die das kontinuierliche Kostenwachstum im Gesundheitssektor antreiben. Neben der demografischen Entwicklung, die zu einer alternden Gesellschaft führt, spiele der medizinisch-technische Fortschritt eine entscheidende Rolle. Neue Behandlungsmethoden und Medikamente erweitern zwar die Möglichkeiten der Medizin, erhöhen jedoch oft die Gesamtausgaben.
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Als dritten Faktor nennt der Experte eine fehlende Bereitschaft zum Verzicht innerhalb der Bevölkerung. Diese Mentalität, gepaart mit dem medizinischen Fortschritt, führe zu einer stetigen Ausweitung der in Anspruch genommenen Leistungen.
Ein Indikator für diese Entwicklung sei die hohe Inanspruchnahme der Primärversorgung: Wie aus dem Bericht vom 29. September 2026 hervorgeht, haben die Konsultationen in Hausarztpraxen innerhalb der letzten sechs Jahre um 30 % zugenommen.
Effizienz der Hausarztmedizin und gesetzliche Barrieren
Trotz der gestiegenen Fallzahlen betont Slembeck die Effektivität der hausärztlichen Versorgung. Demnach seien Hausärzte in der Lage, rund 80 % aller gesundheitlichen Probleme direkt und zudem kostengünstig zu lösen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Grundversorgung als Filterfunktion im Gesundheitssystem, um teure Spezialbehandlungen dort zu vermeiden, wo sie medizinisch nicht zwingend erforderlich sind.
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Ein grundlegendes Problem für Reformen sieht der Gesundheitsökonom jedoch in der rechtlichen Ausgestaltung des Systems. Er bezeichnet das im Krankenversicherungsgesetz (KVG) verankerte Vertrauensprinzip als ein Kernhindernis.
Dieses Prinzip erschwere es, wirksame Mechanismen zur Kostensteuerung zu implementieren, da es oft eine uneingeschränkte Leistungspflicht suggeriere und damit Anreize zur Mengenausweitung setze, anstatt wirtschaftliches Handeln und den bewussten Umgang mit Ressourcen zu fördern.
