VAKT-Modell: Vier Sinneskanäle sollen Lernen und Erinnern gezielt stärken
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns unterliegt täglichen Schwankungen und verändert sich im Laufe des Lebens. Wie Untersuchungen und Experten aus Neurowissenschaft und Lernforschung zeigen, lässt sich die kognitive Fitness jedoch gezielt trainieren. Neben Gedächtnisübungen und multisensorischen Methoden rücken dabei vor allem körperliche Aktivität, gezielte Pausen und die Vermeidung von Dauerstress in den Mittelpunkt.
Sinneskanäle verknüpfen und Bewegung einbinden
In der praktischen Wissensvermittlung setzt die Methodik verstärkt auf ganzheitliche Ansätze. Seminare von Gedächtnistrainern wie Birgit Leibold in Meßkirch vermitteln beispielsweise, wie sich Namen und Fakten durch die Verknüpfung von Bewegung, Sinneswahrnehmung und kreativen Techniken verlässlicher einprägen lassen.
Ein strukturierter Rahmen dafür ist das sogenannte VAKT-Modell des multisensorischen Lernens. Es kombiniert vier verschiedene Sinneskanäle:
* Visuell: Einsatz von Bildern, Diagrammen, Mindmaps und farblichen Codierungen.
* Auditiv: Zuhören, aktives Wiederholen, die Feynman-Technik sowie rhythmische Elemente.
* Kinästhetisch: Lernen in Bewegung, Rollenspiele und der Einsatz dreidimensionaler Modelle.
* Taktil: Schreiben auf strukturierten Oberflächen, physische Karteikarten und Handmodelle.
Durch die gleichzeitige Aktivierung verschiedener Hirnareale entstehen mehrere neuronale Spuren, was das Verständnis vertieft und die Vergessensrate senkt. Da jeder Sinnesreiz als Abrufhinweis dienen kann, gilt dieser Ansatz als besonders geeignet bei Legasthenie, Lernstörungen sowie beim Erwerb neuer Sprachen oder komplexer wissenschaftlicher Konzepte.
Auch spezifische Koordinationsübungen wie die sogenannte Hand-Nase-Ohr-Challenge zielen auf die Vernetzung ab. Bei diesem Ablauf klopfen die Hände zunächst auf die Oberschenkel, bevor die rechte Hand das linke Ohr und die linke Hand die Nase fasst, woraufhin ein zügiger Wechsel folgt. Dies soll Koordination, Konzentration und das Zusammenspiel der Körperhälften fordern, wenngleich ein langfristiger wissenschaftlicher Nachweis für diese spezifische Einzelübung fehlt.
Eine Studie von Bartosz Bagrowski und Kollegen im Fachjournal Medical Science Monitor mit 22 Kindern dokumentierte bei ähnlichen Abläufen Verbesserungen der Koordination, besitzt aufgrund der Fallzahl jedoch eine begrenzte Aussagekraft.
Körperliche Aktivität als Basis für exekutive Funktionen
Umfangreichere Belege existieren für den allgemeinen Einfluss von Bewegung auf das Gehirn. Eine Übersichtsarbeit von Ben Singh und Kollegen im British Journal of Sports Medicine belegt, dass körperliche Aktivität das Denken, das Gedächtnis sowie exekutive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Multitasking nachweislich verbessert.
Regelmäßige Bewegung steigert die Durchblutung des Gehirns, regt den Wachstumsfaktor BDNF an und fördert die Neurogenese im Hippocampus. Insbesondere aerobes Training wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen zeigt hierbei Wirkung, während Krafttraining ergänzend wirkt.
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Dieser Effekt zeigt sich bereits im Kindesalter. Sogenannte Bewegungspausen von zwei bis fünf Minuten Dauer mit aktivierenden oder beruhigenden Übungen helfen jungen Lernenden, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.
Eine Untersuchung zu zehnminütigen Bewegungspausen im Unterricht zeigte, dass Kinder danach um 8 Prozent aufmerksamer waren; bei den zuvor am wenigsten konzentrierten Schülern lag der Anstieg bei 20 Prozent. Eine Auswertung von Studien mit mehr als 2.200 Grundschulkindern bestätigte diesen Nutzen.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Erwachsene mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Bewegung pro Woche. Ein dauerhaft sitzender Lebensstil hingegen mindert die neuronale Plastizität und beschleunigt den geistigen Abbau.
Regeneration und Grenzen der mentalen Belastbarkeit
Ein zentraler Faktor für die kognitive Gesundheit bleibt die Erholung. Die Neurowissenschaftlerin Teresa Cramer vom Massachusetts Institute of Technology verweist darauf, dass das Gehirn Belastungen nicht einfach am Wochenende nachholen oder wegschlafen kann.
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Chronischer Stress verringere die Plastizität im Hippocampus, belaste den präfrontalen Kortex und steigere die Reaktivität der Amygdala. Zudem sei das Gehirn nicht zu echtem Multitasking fähig, sondern wechsle lediglich schnell zwischen Aufgaben, was Energie koste. Sinnvoll seien regelmäßige Mikropausen, etwa ein kurzer Blick aus dem Fenster, sowie das Abschalten digitaler Benachrichtigungen.
Ausreichender Schlaf spielt eine biologische Schlüsselrolle: Während der Ruhephasen aktiviert sich das glymphatische System, um Abfallprodukte aus dem Gehirn zu transportieren. Die Forscherin Barbara Sahakijan von der Universität Cambridge betont den Wert von mindestens sieben Stunden Schlaf, während Erwachsenen generell sieben bis neun Stunden empfohlen werden.
Kontinuierliches Training über die Lebensspanne
Dass das Gehirn auch im höheren Alter formbar bleibt, unterstreicht Inga Zerr von der Universitätsmedizin Göttingen: Zwar könne das Organ zwischen dem 50. und 80. Lebensjahr um bis zu zehn Prozent schrumpfen, die Anpassungsfähigkeit bleibe jedoch erhalten.
Geistige Aktivität durch Hobbys wie das Erlernen eines Musikinstruments, handschriftliches Tagebuchschreiben oder regelmäßiges Lesen verringert Studien zufolge das Risiko für einen vorzeitigen Abbau.
In der Hochschuldidaktik raten Fachleute der DGHD wie David Lohner und Martina Mörth derweil von extremen Lernmethoden oder reinem Auswendiglernen ab. Sinnvoll seien kurze Pausen vor dem Lernen, das Verteilen von Lerneinheiten über längere Zeitabschnitte sowie das bewusste Überwinden von Denkhürden, um Inhalte nachhaltig im Langzeitgedächtnis zu verankern.
