Urlaub, Ruhe

Urlaub ohne Ruhe: 66% der Berufstätigen bleiben erreichbar

Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Trotz KI-Produktivitätssteigerung bleibt Erholung auf der Strecke. Experten empfehlen bewusstes Nichtstun gegen die digitale Dauererreichbarkeit.

Niksen und KI: Wege zu echter Erholung in der digitalen Arbeitswelt
Eine Person sitzt entspannt in einem hellen, minimalistischen Raum und blickt aus einem Fenster ins Grüne. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Aktuelle psychologische Analysen und Marktdaten aus dem August 2026 unterstreichen die wachsende Bedeutung bewusster Auszeiten in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt.

Während technologische Hilfsmittel wie Künstliche Intelligenz (KI) die Produktivität erheblich steigern, fließt die gewonnene Zeit häufig in digitale Freizeitaktivitäten statt in echte Erholung. Experten raten daher verstärkt zu Konzepten wie dem „Niksen“, um die psychische Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern.

Die psychologische Wirkung des bewussten Nichtstuns

Das Konzept des bewussten Nichtstuns, in Fachkreisen auch als „Niksen“ bezeichnet, wird von Experten als gezielte Maßnahme gegen Stress und Überlastung empfohlen.

Die Expertin Annette Lavrijsen rät dazu, tägliche Auszeiten einzuplanen, die zunächst fünf Minuten umfassen und schrittweise auf bis zu 30 Minuten oder sogar einen ganzen Nachmittag gesteigert werden können. Dabei sei es entscheidend, feste Zeiten an ruhigen Orten zu wählen und keine Schuldgefühle über die vermeintliche Inaktivität zuzulassen.

Ein Psychologieprofessor erläutert dazu, dass Nichtstun einen aktiven Erholungsprozess darstellt. Physiologisch werde das parasympathische Nervensystem aktiviert, was neuronale Prozesse wie Neurogenese und Synaptogenese sowie die zelluläre Reinigung durch Autophagie fördere.

Zudem führe die bewusste Pause zur Freisetzung der Botenstoffe Serotonin und Dopamin. Wichtig sei hierbei die Abgrenzung zur Prokrastination: Echte Erholung erfordere bewusste Pausen ohne Bildschirmnutzung und tiefe Atemzüge.

Die Realität der digitalen Erreichbarkeit im Berufsalltag

Trotz der belegten Vorteile von Auszeiten zeigt die aktuelle Datenlage eine hohe Hürde bei der Umsetzung. Laut einer Befragung des Branchenverbandes Bitkom sind im Sommer 2026 rund 66 Prozent der Berufstätigen auch während ihres Urlaubs beruflich erreichbar. Dies entspricht nahezu dem Niveau der Vorjahre (2025: 67 Prozent; 2024: rund zwei Drittel). Dabei reagieren 62 Prozent auf Kurznachrichten und 61 Prozent auf Telefonanrufe.

E-Mails (22 Prozent), Videokonferenzen (14 Prozent) und Kollaborations-Tools wie Teams oder Slack (7 Prozent) spielen eine geringere, aber dennoch präsente Rolle.

Anzeige

Wer im Berufsalltag unter ständigem Druck steht und die Arbeit gedanklich kaum loslassen kann, findet in diesem Leitfaden wirksame Strategien für mehr Ausgeglichenheit. Erfahren Sie in fünf konkreten Sofortmaßnahmen, wie Sie die Balance zwischen Job und Privatleben wiederherstellen. Kostenloses Work-Life-Balance E-Book herunterladen

Die Gründe für diese ständige Verfügbarkeit liegen oft im sozialen Druck begründet: 53 Prozent geben Rücksichtnahme auf Kollegen an, 47 Prozent nennen Erwartungen von Vorgesetzten und 34 Prozent den Kontakt zu Kunden. Lediglich 16 Prozent der Befragten geben an, aus eigenem Antrieb im Urlaub erreichbar zu sein.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025, die 32 Studien umfasst, bestätigt jedoch, dass Urlaub das Wohlbefinden nachhaltig verbessert, sofern keine offenen Aufgaben die arbeitsbezogenen Gedanken in der Freizeit dominieren.

Produktivitätsgewinne durch KI und das Freizeit-Paradoxon

Ein bemerkenswerter Widerspruch zeigt sich beim Einsatz moderner Technologien. Eine Stanford-Studie, die Daten von 200.000 US-Haushalten aus den Jahren 2021 bis 2024 untersuchte, stellt fest, dass die Nutzung von ChatGPT die Produktivität um 76 bis 176 Prozent steigern kann. Allerdings führt dies nicht zwangsläufig zu mehr echter Erholung.

Die Forscher beobachteten, dass die eingesparte Zeit verstärkt in soziale Medien fließt, wodurch die digitale Freizeit insgesamt um 31 Prozentpunkte stieg. Insbesondere jüngere Nutzer im Alter von 18 bis 34 Jahren sowie einkommensstarke Haushalte nutzen KI-Tools häufiger, was laut den Studienautoren zu einer wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheit führen könnte.

Gleichzeitig warnen Mediziner und Wissenschaftler vor den negativen Folgen übermäßiger Bildschirmnutzung. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen mit 900 Teilnehmern über einen Zeitraum von 14 Tagen zeigt, dass Versuchung der Hauptfaktor für Online-Nutzung ist – nicht etwa Stress oder schlechte Stimmung.

Die bloße Versuchung verdoppele die Wahrscheinlichkeit, sich digital einzuloggen. Zudem korreliert die Nutzung sozialer Medien laut verschiedenen Studien negativ mit der psychischen Gesundheit und kann zu Depressionen oder Angstzuständen führen.

Anzeige

Um die gewonnene Zeit durch neue Technologien wirklich für die Regeneration nutzen zu können, ist ein effektives Selbstmanagement entscheidend. Dieser Ratgeber hilft Ihnen dabei, Zeitdiebe zu entlarven und den Feierabend ohne schlechtes Gewissen zu genießen. Gratis-Leitfaden für stressfreie Produktivität sichern

Strategien zur Entschleunigung und Markttrends

Um den Herausforderungen der permanenten digitalen Präsenz zu begegnen, empfehlen Fachleute konkrete Verhaltensänderungen. Eine Expertin rät zum „digitalen Intervallfasten“, bei dem sich Phasen von 15 Minuten Online-Zeit mit vier Stunden Offline-Zeit abwechseln.

Auch die Umstellung des Smartphone-Displays auf Graustufen kann die Nutzungsdauer laut Untersuchungen eines Psychologen um 20 bis 40 Minuten täglich reduzieren, ohne die Produktivität zu beeinträchtigen.

Im Reisesektor spiegelt sich der Wunsch nach Erholung im Trend zum „Slow Travel“ wider. Laut dem DERTOUR-Report zeigen 53,2 Prozent der 8.000 befragten Personen Interesse an dieser Form des Reisens. Die Hauptmotive sind Entschleunigung (64 Prozent) und ein intensiveres Kennenlernen der Zielregion (55 Prozent). Fast die Hälfte der Befragten (48,9 Prozent) betrachtet den Urlaub explizit als digitale Auszeit.

Dass der gesellschaftliche Umgang mit dem Nichtstun jedoch weiterhin konfliktbeladen ist, zeigt ein Fall aus Münster: Ein Arzt wollte für die Ferienzeit auf Honorare verzichten, da er in dieser Zeit keine Leistungen erbringe – ein Vorhaben, das von den Behörden mit dem Hinweis auf bürokratische Vorgaben abgelehnt wurde.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 69977252 |