Uralte, Darmflora

Uralte Darmflora: 39 Prozent der rekonstruierten Genome weisen Neues auf

Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 04:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschende dokumentieren weniger mikrobielle Vielfalt und ähnliche Darmgemeinschaften in industrialisierten Regionen; ein direkter Krankheitszusammenhang bleibt unbewiesen.
Laborausstattung mit Petrischalen und Glasgefäßen auf einer sauberen, weißen Oberfläche in einer klinischen Forschungsumgebung. Illustration mit AI erstellt.

Zwei im Fachjournal Cell erschienene Untersuchungen verdeutlichen den tiefgreifenden Einfluss moderner Lebensweisen auf die menschliche Darmflora. Forschende der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), darunter Mathilde Poyet und Mathieu Groussin, belegen darin, dass Industrialisierung zu einer drastischen Verarmung und Homogenisierung der mikrobiellen Biodiversität führt. Weltweit gleichen sich die mikrobiellen Gemeinschaften in industrialisierten Regionen zunehmend aneinander an.

Ähnliche Bakterienzusammensetzung trotz unterschiedlicher Lebenswelten

Ein zentrales Resultat der CAU Kiel und des UKSH ist der direkte Vergleich weit voneinander entfernter Bevölkerungen: Menschen aus Kiel und der malaysischen Metropole Kuala Lumpur weisen demnach eine sehr ähnliche bakterielle Zusammensetzung im Darm auf. Dies zeigt sich ungeachtet deutlicher Unterschiede in Ernährung, Genetik und kulturellem Hintergrund.

Gleichzeitig bieten industrielle Mikrobiome laut den Forschungsteams weniger funktionale Ausweichmöglichkeiten. Zudem zeigten sich erhöhte Entzündungsmarker, insbesondere eine verstärkte Immunantwort an der Darmschleimhaut.

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Für das Gesamtprojekt kultivierten und sequenzierten die Teams der CAU Kiel und des UKSH mehr als 10.000 Bakterienstämme aus über 450 Artengruppen. An den Arbeiten waren zudem das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie Partner des Global Microbiome Conservancy (GMbC) beteiligt, das vor zehn Jahren gegründet wurde. Die beiden Fachartikel wurden unter den Kennungen 10.1016/j.cell.2026.10.016 und 10.1016/j.cell.2026.10.014 veröffentlicht.

Anpassung der Mikroben durch horizontalen Gentransfer

In der zweiten Teilstudie der CAU Kiel und des UKSH verglichen die Forschenden zehn Bakterienarten detailliert miteinander. Dabei stellte sich heraus, dass ein industrialisierter Lebensstil mit einem größeren Genom sowie einer höheren genomischen Plastizität der Mikroben einhergeht.

Diese Anpassung werde durch horizontalen Gentransfer begünstigt. Während die Gesamtvielfalt an verschiedenen Arten im Darm also abnimmt, weisen die verbleibenden Stämme veränderte genetische Profile auf.

Historische Belege durch uralte DNA-Spuren

Ergänzende Befunde liefert eine Untersuchung aus dem Fachjournal Nature, in der acht Proben fossiler Fäkalien – sogenannte Paleofeces – im Alter von 1.000 bis 2.000 Jahren aus den südwestlichen USA und Mexiko analysiert wurden.

Aus diesen Proben rekonstruierten Forschende 498 mikrobielle Genome, von denen 181 als darmursprünglich klassifiziert wurden. Auffällig dabei: 39 Prozent dieser 181 Darmgenome wiesen Hinweise auf bisher unbekannte Arten auf.

Die antiken Proben enthielten zudem keinerlei Marker für Antibiotikaresistenzen. Ein Bakterium der Gattung Treponema ließ sich in jeder einzelnen dieser Proben nachweisen, gilt im modernen industrialisierten Darm jedoch als nahezu unbekannt.

Laut der Untersuchung haben moderne Därme Dutzende von Bakterienarten sowie generelle Diversität verloren. Dieser Verlust korreliert mit höheren Raten chronischer Krankheitsbilder wie Adipositas, Diabetes, Allergien und Autoimmunerkrankungen.

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Evolutionäre Bindeglieder in traditionellen Populationen

Auch eine Studie der Stanford University, die am 7. Oktober 2026 in Nature erschien, ordnet den Wandel der Darmflora historisch ein. Demnach nehmen einige Darmmikroben, die über Jahrtausende hinweg mit dem Menschen wanderten, in modernen industrialisierten Populationen ab oder sind gar nicht mehr nachweisbar.

Bei der Analyse zweier traditioneller Bevölkerungsgruppen auf unterschiedlichen Kontinenten dokumentierte das Stanford-Team trotz einer Trennung über Jahrtausende hinweg viele gemeinsame Mikroben. Genetische Veränderungen korrelieren demnach mit der Migrationsgeschichte der menschlichen Spezies.

Die Autoren hielten fest, dass dieser mikrobielle Rückgang zwar die gesamte mikrobielle Netzwerkstruktur verändern könnte, ein direkter ursächlicher Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen bisher jedoch nicht bewiesen ist.

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