Universität, Bern

Universität Bern: Probiotika wirken je nach vorhandener Darmflora unterschiedlich

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 12:23 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Mausversuch zeigt stärkeren Schutz bei vorbeugender Gabe; eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Menschen ist bislang ungeklärt.
Nahaufnahme einer organischen, mikrobiellen Struktur unter Laborbedingungen als Symbol für die Vielfalt der Darmflora. Illustration mit AI erstellt.

Die Zusammensetzung des individuellen Mikrobioms spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob und wie probiotische Bakterienstämme im Organismus wirken. Eine Untersuchung der Universität Bern und des Inselspitals an einem Mausmodell mit chemisch induzierter Darmentzündung verdeutlicht diesen Zusammenhang.

Die im Fachjournal Cell Reports veröffentlichten Daten zeigen, dass der therapeutische Nutzen einer Mischung aus vier Bakterienstämmen maßgeblich von der bereits vorhandenen Darmflora des Wirts bestimmt wird.

Dabei erwies sich insbesondere das zeitliche Vorgehen als ausschlaggebend. Erhielten die Tiere die Bakterienmischung bereits vor Beginn der Entzündung, fiel die Schutzwirkung am deutlichsten aus: Die Forschenden verzeichneten einen geringeren Gewichtsverlust, abgeschwächte Krankheitszeichen und weniger Gewebeschäden bei einer zugleich stabileren und vielfältigeren Darmflora.

Wurde die Präparation hingegen erst nach Ausbruch der Darmentzündung verabreicht, fiel der Nutzen geringer aus. Bei wiederholten Entzündungsschüben nahm der schützende Effekt trotz fortgesetzter Gabe weiter ab.

Stoffwechselprodukte und mikrobielle Wechselwirkungen

Auf biochemischer Ebene zeigten sich bei jenen Tieren, die positiv auf die Verabreichung ansprachen, erhöhte Konzentrationen der kurzkettigen Fettsäuren Butyrat und Propionat. Studienleiter Bahtiyar Yilmaz erklärte hierzu, die zentrale Frage laute künftig nicht mehr allein, welches Probiotikum verabreicht werde, sondern auch, auf welche Darmflora es im Einzelfall treffe.

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Gleichzeitig dämpfte Yilmaz überzogene Erwartungen an eine schnelle therapeutische Anwendung. Die Ergebnisse aus dem Labormodell belegen laut dem Studienleiter weder eine Wirksamkeit bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) noch liefern sie ein Testverfahren zur gezielten Auswahl geeigneter Bakterienstämme.

Die Übertragbarkeit auf den Menschen bleibt somit vorerst offen. Als nächste Schritte seien weitere Tierstudien sowie prospektive Untersuchungen an Menschen vorgesehen.

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Forschungsstand und regulatorische Grenzen

Die Resultate aus Bern fügen sich in eine Reihe mikrobiologischer Arbeiten ein, die die hohe Spezifität einzelner Stämme und deren Interaktionen hervorheben.

So identifizierte ein Forscherteam in einer im Journal Microbiome beschriebenen Untersuchung den Stamm Limosilactobacillus reuteri TC-Lr, der im Tiermodell Entzündungsparameter senkte, während ein nah verwandter Stamm diesen Effekt nicht zeigte.

Auch Experimente an der japanischen Hosei-Universität verdeutlichten, wie fein abgestimmt Darmbakterien aufeinander reagieren: Dort wiesen Wissenschaftler nach, dass Escherichia coli über spezialisierte Sensorsysteme Stoffwechselprodukte von Bifidobacterium registriert.

Trotz fortschreitender Erkenntnisse über solche Signalwege mahnen Fachkreise und Behörden zur Nüchternheit. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bislang sämtliche geprüften gesundheitsbezogenen Angaben zu Probiotika negativ bewertet; die einzige zugelassene Aussage betrifft die Förderung der Laktoseverdauung durch drei spezifische Milchsäurebakterienstämme.

Auch internationale Konsensusempfehlungen wie jene der Rome Foundation stufen das Mikrobiom-Profiling derzeit nicht als validiertes Diagnosewerkzeug ein. Die aktuellen Laborergebnisse unterstreichen entsprechend, dass pauschale Wirkversprechen der komplexen Biologie des Darms nicht gerecht werden.

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